Was sind Bibliolog und Bibliodrama?

gestellt von Susanne am 4. September 2017
Bibliologfahne vor dem Kloster in Loccum

Foto: Frank Muchlinsky

Hallo Herr Muchlinsky,

"Bibliolog" und "Bibliodrama", was ist das?

Natürlich habe ich mir im Vorfeld meiner Frage, wie immer, meine Gedanken dazu gemacht. Wenn ich das Wort "Bibliolog" lese, denke ich an einen "Dialog". Bei "Bibliodrama" gehen meine Gedanken hin zu einem "Schauspiel", einem "Theaterstück", einem "Drama". Weiter fällt mir die Bibel ein. Dort können wir an vielen Stellen Dialoge lesen, die Jesus mit den Menschen, insbesondere mit seinen Jüngern, führt. Außerdem sind in der Bibel im AT und im NT viele, oft sehr dramatische Berichte zu lesen.

Aber mehr ist mir zu "Bibliolog" und "Bibliodrama" nicht eingefallen. Und ob meine Gedanken am Ende von viel zu weit hergeholt sind, kann ich auch nicht beurteilen. Darum würde ich mich freuen, wenn Sie mir erklären könnten, was ein "Bibliolog" und ein "Bibliodrama" ist.

Herzliche Grüße
Susanne

Liebe Susanne,

 

wie schön, dass Sie mir eine Chance geben, hier etwas zu diesem Thema zu schreiben. Der Bibliolog liegt mir nämlich sehr am Herzen. Bibliolog und Bibliodrama sind Möglichkeiten einer kreativen Bibelauslegung. Die Grundidee ist bei beiden Ansätzen dieselbe: Die biblischen Texte sind sehr alt und stammen aus völlig anderen Zusammenhängen als diejenigen, in denen wir heute leben. Trotzdem können – so lautet das "Credo" von Bibliodrama und Bibliolog – die biblischen Texte direkt zu uns sprechen, wenn wir uns in sie hineinbegeben. Im Gegensatz zu einer Exegese von außen, die über die Texte redet, sind diese beiden Methoden eine Exegese von innen. Die beiden Methoden machen es möglich, den Text ganz haargenau zu betrachten und ihn sogar in Teilen zu erleben. Dadurch kann man zu Einsichten gelangen, die ausgesprochen erhellend für den Text sind und auch für sich selbst.

 

Bibliolog und Bibliodrama haben also neben der Erkenntnis über die Bibel hinaus auch einen Selbsterfahrungsanteil. Es ist nicht zuletzt dieser Anteil, der die beiden Methoden einerseits ausgesprochen attraktiv und lebendig macht. Andererseits stehen einige Exegeten auch deswegen den beiden Auslegungsmethoden kritisch gegenüber. Bibliolog und Bibliodrama wagen also den Sprung direkt in die biblischen Texte hinein, um sich dort umzuschauen. Das geschieht mit vielfältigen Einzelmethoden.

 

Bibliodrama ist im Grunde genommen ein Oberbegriff für eine ganze Reihe kreativer Methoden, sich mit einem biblischen Text zu beschäftigen. Das kann vom gemeinsamen lauten Vorlesen über das Aussuchen bestimmter Wörter bis zum szenischen Spiel mit verteilten Rollen alles bedeuten. Auch Schreiben, Malen, lebendige Statue oder Pantomime können genutzt werden. Wichtig ist einzig, sich in den Text zu vertiefen und darüber auszutauschen. Der Austausch über den Text ist eine weitere Gemeinsamkeit von Bibliodrama und Bibliolog. Beide Ansätze gehen unbedingt davon aus, dass es keine endgültige oder gar einzige Auslegung einer Bibelstelle gibt. Die Bibel will ausgelegt werden, und die Auslegungen sollen einander vorgestellt werden.

 

Diesen Punkt des Austausches, des Teilens der verschiedenen Erkenntnisse und Interpretationen hat der Bibliolog zum Hauptanliegen und zur Methode gemacht. Anders als das Bibliodrama folgt der Bibliolog im Grunde genommen einer einzigen Methode: Der Biblische Text wird von einer Leitung schrittweise gelesen. An geeigneten Stellen wird angehalten, und die Teilnehmenden schlüpfen alle in dieselbe Rolle einer biblischen Gestalt, die im Text vorkommt. Die Leitung stellt dieser biblischen Gestalt eine Frage, die nun nacheinander von vielen Teilnehmenden beantwortet wird. Wenn man beispielsweise Sarai fragt, wie sie auf die Ankündigung Abrams reagiert, dass er mit Gott gesprochen hat und den Auftrag bekommen hat, die Heimat zu verlassen und in ein ganz anderes Land zu ziehen (Vergleiche Gen 12,1-5), so kommen mehrere "Sarais" zu Wort. Die Aussagen werden von der Bibliologleitung in eigenen Worten wiedergegeben und so gesammelt. Dabei können sich die verschiedenen Äußerungen durchaus widersprechen, denn schließlich kann niemand wissen, was Sarai tatsächlich sagte, als Abram ihr von seinem Auftrag erzählte. Gerade die Vielfalt der Aussagen macht die Erkenntnis des Textes aus. Durch die verschiedenen Reaktionen Sarais werden die verschiedenen Facetten der Verheißung an Abram deutlich.

 

Das Symbol für den Bibliolog ist die Flamme aus "schwarzem und weißem Feuer". Das geht auf die Vorstellung der jüdischen Auslegungsmethode des "Midrasch" zurück. Die sagt: Die Bibel ist schwarzes Feuer geschrieben auf weißem Feuer. Während das schwarze Feuer, also die Buchstaben, nicht verändert werden dürfen, sind die Zwischenräume, das weiße Feuer, dafür da, sie mit den eigenen Interpretationen und Ideen zu füllen. Dieser Prozess findet kein Ende, er bleibt lebendig wie die Generationen von Menschen, die sich mit der Bibel beschäftigen.

 

Der Bibliolog entstand unabhängig vom europäischen Bibliodrama in den USA. Er wurde von dem jüdischen Literaturwissenschaftler und Therapeuten Peter Pitzele entwickelt. Er selbst nennt seine Methode bis heute in den USA Bibliodrama". Die Bezeichnung "Bibliolog" entstand erst, als die Methode 1999 nach Deutschland kam, wo es bereits das Bibliodrama seit langem gab. Seit diesem Zeitpunkt hat sich der Bibliolog in Europe sehr verbreitet, weil er leichter als das Bibliodrama zu lernen und einzusetzen ist. einsetzbar ist. Im Unterricht, in Bibelkreisen, in Gottesdiensten, selbst auf der Straße kann Bibliolog gelingen, weil es für die Teilnehmenden nichts weiter braucht als ihre Phantasie und den kleinen Mut, als eine biblische Person etwas zu sagen. Wer gern Bibliologe anleiten möchte, kann das innerhalb von vier Tagen lernen, während eine Ausbildung zur Bibliodramaleitung drei Jahre dauert. Die Gründe dafür sind einmal die enorme Methodenvielfalt und auch die Tatsache, dass man in einem Bibliodrama in der Regel tiefer in den Text und auch in die Selbsterfahrung eintaucht. Da braucht es gut ausgebildete Leitungen, um damit umzugehen. Im Bibliolog kommt es in der Regel nicht zu heftigen Reaktionen, weil die Identifikation mit den biblischen Gestalten weniger stark ist.

 

Wie Sie sehen, finde ich kaum ein Ende, denn ich liebe den Bibliolog sehr. Ich habe ihn 1999 kennengelernt und lehre die Methode seit 2003 selbst. Ich bin immer wieder fasziniert davon, welch tiefgehenden Erkenntnisse man über die biblischen Texte auf diese Weise gewinnen kann. Außerdem befördern Bibliolog und Bibliodrama eine Haltung, die ausgesprochen hilfreich für den Umgang mit der Bibel und mit anderen Menschen ist: Man lässt stehen, was andere zu einem Text entdecken, und versucht nicht, sie davon zu überzeugen, dass die eigene Interpretation die richtige ist. Wer lernen will, sich an Vielfalt zu freuen anstatt sie zu fürchten, kann das mit diesen Methoden ausgesprochen gut tun.

 

Abschließend noch zwei Hinweise: Über das Bibliodrama erkundigt man sich am besten auf den Seiten der Gesellschaft für Bibliodrama. Über den Bibliolog informieren die Seiten des Netzwerks Bibliolog.

 

Ich grüße sehr herzlich!

Ihr Frank Muchlinsky

Kommentare

Hallo Herr Muchlinsky,

ganz herzlichen Dank für die ausführliche und sehr gute Antwort auf meine Frage zu Bibliolog und Bibliodrama und das dazu passende, sehr gut gelungene, Foto. In der Theorie weiß ich jetzt über Bibliodrama und im Besonderen über den Bibliolog Bescheid.

Sie haben den Bibliolog in Ihrer Antwort, für mein Empfinden, so verständlich erklärt, dass ich Lust bekommen habe einen Bibliolog auch einmal in der Praxis mit zu erleben und vielleicht sogar mal als Teilnehmende mit zu wirken. Denn Sie schreiben ja............

Zitat: "..........selbst auf der Straße kann Bibliolog gelingen, weil es für die Teilnehmenden nichts weiter braucht als ihre Phantasie und den kleinen Mut, als eine biblische Person etwas zu sagen."

Ja, einen Bibliolog auf der Straße kann ich mir recht gut vorstellen. Es muss ja nicht unbedingt die Zeil in Frankfurt a. M. dafür ausgewählt werden. Dort ist das "Menschengewusel" viel zu groß und die Geräuschekulisse so störend, dass ich von dem, was beim Bibliolog gesprochen wird, akustisch nichts mitbekommen würde.

Vielleicht kann die Redaktion von evangelisch.de so einen Bibliolog auf der Straße mal organisieren. So wie "Mahl ganz anders" am Gründonnerstag könnte ein Bibliolog doch am Reformationstag auf der Straße stattfinden. Ist nur so eine Idee von mir.

Herzliche Grüße
Susanne

Meine Meinung:
Wir brauchen nicht alle raffinierten Formen + einfallsreiche Methoden falscher Lehre kennen. Klar, es gibt pfiffige Leute, die schauspielerisch begabt sind und die aus einem eindeutigen Bibeltext einen undurchschaubaren, zwielichtigen Krimi basteln können. Aus einem gottgetreuen, biblischen Propheten, z.B. Moses, wird durch die subjektive Interpretation von z.B. Herrn Maier, als ein speichelleckerischer, schleimiger, charakterloser Typ ohne Rückgrat dargestellt und interpretiert.

Womöglich schlägt Mirjam nicht auf die Pauke sondern bläst die Tuba. Ich möchte gar nicht wissen, was bei B+B sonst noch so alles hinzugedichtet wird.
Das Wort Gottes, die Bibel, legt sich selber aus. Bibliolog + Bibliodrama sind nur gültig, wenn sie auf der Heiligen Schrift basieren und mit der Schrift übereinstimmen. Menschliche Interpretationen und menschliche Erkenntnisse kommen definitiv nicht von Gott und sind deshalb kein zulässiger Aspekt für den christlichen Glauben. Martin Luthers "Sola Scriptura" ist die einzige Möglichkeit um zu verhindern, dass die eigene Meinung Vorrang über der Lehre der Bibel gegeben wird. Die subjektiven Erkenntnisse, die man beim Bibliodrama + Bibliolog erhält, müssen m. E. als "falsch" verworfen werden.

Liebe Gästin,

seien Sie vorsichtig mit Kritik, wenn Sie nicht genau wissen, was passiert. Im Bibliolog wird es niemals vorkommen, dass beispielsweise Mirjam anstelle der Pauke ein anderes Instrument spielt. Denn es steht ja in der Bibel, dass sie eine handpauke nimmt. Der Bibliolog schaut auf die Dinge, die gerade nicht erzählt werden: Die Bibel erzählt zum Beispiel nicht, wie Mose darauf reagiert, als seine Schwester anfängt zu singen. Könnte aber interessant sein, sich das zu fragen. Das Verhältnis zwischen den beiden ist ja durchaus wechselhaft beschrieben.

Also: Der Text bleibt stehen. Aber die Zwischenräume werden gefüllt. Und das, liebe Gästin, tun Sie bei jedem Lesen eines jeden Textes. Eine eindeutige Aussage kann es gar nicht gebe, weil Texte gelesen werden und die Lücken mit dem gefüllt werden, was die Lesenden im Kopf haben.

Beste Grüße

Frank Muchlinsky

Ich habe das Gefühl, dass Sie, liebe Gästin, zu denjenigen gehören, die die Texte der Bibel wortwörtlich nehmen, und auch unter diesem Aspekt versuchen auszulegen. Das können Sie machen, denn den Texten der Bibel auf diesem Wege näher zu kommen ist machbar. Aber es ist eben nur EINE der möglichen Auslegungsmethoden. Und wie Sie sehen, ist es auch möglich sich den biblischen Texten mit Hilfe anderer Methoden zu nähern.

Durch den Bibliolog bekommt ein Bibletext eine besondere Lebendigkeit, weil nicht nur eine Person (die Pfarrerin bzw. der Pfarrer) einen Text auslegen, sondern mehrere Personen an der Auslegung beteiligt werden.

Lesen Sie sich doch am Besten die Antwort von Pfarrer Muchlinsky zum Bibliolog und Bibliodrama noch einmal durch und klicken Sie am Ende der Antwort den Link "Netzwerk Bibliolog" an. Dort werden Sie auch verschiedene Beispiele für einen Bibliolog finden.

Lieber Herr Pastor Muchlinsky,
meinen Sie wirklich, dass es interessant sein könnte, zu wissen, was Moses denkt, wenn seine Schwester anfängt zu singen?

Vielleicht denkt Moses: "Wegen dir, du blöden Kuh, mussten tausende von Ägypter ihr Leben lassen!"

Ist dieser Lückenfüller verheißungsvoll? Gewinn bringend?

Meine Meinung:
Nach menschlichem Ermessen werden Lücken "im Wort Gottes" gefüllt. Soweit ich weiß, darf man dem Wort Gottes "nichts Selbsterdachtes" hinzutun. Man unterstellt dem Moses irgendetwas, was, und das ist nicht besonders originell.

Gehe ich recht in der Annahme, liebe Gästin, dass Sie nicht damit zurecht kommen, dass es Menschen gibt, die eine andere Herangehensweise haben, die Texte der Bibel zu erschließen, sich den Texten er Bibel zu nähern, die Texte der Bibel auszulegen, als Sie selber dies tun?

Ich denke nicht, ich glaube, dass dem "Wort Gottes" nichts hinzugefügt und nichts weggenommen werden sollte; weil das eben deutlich in der Bibel drinsteht.

Woher kommt Bibliolog? Bibliolog kommt nicht von Gott.
Erfunden wurde der Bibliolog von einem jüdischen Nichttheologen und seiner Frau. Man bekommt eine Rolle und muss sich mit dieser neuen Rolle identifizieren.

Könnten Sie, liebe Susanne, vielleicht mal den bösen, bösen König Herodes spielen und den Kindermord in Bethlehem organisieren?

Ja, liebe Gästin,

an dieser Stelle wird deutlich, dass wir tatsächlich nicht zueinander finden können. Das Wort Gottes ist für mich (und auch für den Bibliolog) nicht die Bibel, sondern Jesus Christus. Die Bibel ist für uns das gültige Zeugnis des Wortes Gottes. Die Bibel kommt nicht von Gott, von Gott kommt Jesus Christus. Die Bibel wurde von Menschen geschrieben. Sie ist darum zwangsläufig von Anfang an eine Interpretation des Wortes Gottes.  Vielleicht können wir an dieser Stelle einfach unseren grundsätzlichen Dissens feststellen und es dabei bewenden lassen.

Herzlich, Frank Muchlinsky

Ich würde mich freuen, wenn sich hier jemand finden lässt, der dem Bibliolog, so wie ich, etwas positives abgewinnen kann. Gibt es hier Leute, die schon einmal einem Bibliolog beigewohnt, oder auch an einem Bibliolog teilgenommen haben und darüber berichten können und wollen, wie sie diese Herangehensweise an Bibeltexte für sich erlebt haben?

Ich habe noch nie an einem Bibliolog teilgenommen. Aber ich denke, dass es nicht leicht ist, sich in eine Person eines Bibeltextes hinein zu versetzen. Was ist es für ein Gefühl plötzlich Sarai aus 1. Mose 12, 1-6 zu sein, die gefragt wird, wie sie auf den Auftrag Gottes an Abram, die Heimat zu verlassen und in ein fremdes Land zu ziehen, reagieren würde?, oder Mose, der sich zum Gesang seiner Schwester Mirjam äußern soll? (2. Mose 15,20-21).

Das Gefühl ist bestimmt zu Beginn ein ganz schön komisches, denke ich.

Stell dir vor, ich bin in der Rolle des Jesus und gebe dir, in der Rolle des Jüngers Judas, den Auftrag und die Macht über die unreinen Geister.

Wie ist das für Dich, wenn Du die Macht über die unreinen Geister von mir erhältst? Was geschieht, wenn Du diese Macht ablehnst, weil dir die Aufgabe viel zu groß erscheint?

Wenn ich dann in der Rolle als Jesus gefragt werden: "Jesus, wie siehst du den Jünger Judas, der deinen Auftrag zurück weist?" "Wie ist das für dich Jesus, wenn dein Jünger, deine Aufträge nicht ausführt?" Als Jesus würde ich dann sagen: "So ein Eierkopp!"

Liebe Gästin,

Ihr Beitrag lässt mich lächeln, denn er macht mit wenigen Worten deutlich, warum man den Bibliolog erlernen muss. Es ist nämlich ausgesprochen wichtig, solche Rollen und Fragen zu finden, die nicht gegen den biblischen Text gerichtet sind, oder sich durch diesen direkt beantworten lassen. Der Bibliolog fragt grundsätzlich so, dass die tatsächlichen Leerstellen des Textes die Antwort liefern können. Keiner der Jünger lehnt die Gabe ab, die Jesus ihnen verleiht. Darum ist eine Frage danach nicht zulässig. Das mache ich in meinen Kursen immer sehr deutlich. Der Bibliolog geht mit dem Bibeltext ausgesprochen sorgsam um.

Mit freundlichen Grüßen

Frank Muchlinsky

Hallo Herr Muchlinsky,

mit Ihrer ausführlichen Antwort zum Bibliolog im Hinterkopf, habe ich mir Gedanken gemacht, über einen möglichen Bibeltext, der hier noch nicht als Beispiel genannt wurde, der aber für einen Bibliolog geeignet sein könnte. Mir ist da die Weihnachtsgeschichte eingefallen. Und zwar:

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt. Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das judäische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war, auf dass er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. (Lukas 2,1-5)

Wenn jetzt die, am Bibliolog Teilnehmenden, in die Rolle der Maria schlüpfen würden, dann könnte die Frage lauten: "Was geht Maria (schwanger im 9. Monat) bei dem Gedanken an den Weg von Nazareth nach Bethlehem durch den Kopf?"

1. Maria: "Das kann doch nicht sein. Ich bin hochschwanger, der lange Weg ist für mich kräftemäßig nicht zu bewerkstelligen."

2. Maria: "Das mache ich nicht. Ich habe große Angst, dass auf dem Weg die Wehen beginnen, ich nicht weiterlaufen kann und das Neugeborene Schaden nimmt."

3. Maria: "Ach, was soll´s! Der Weg ist zwar lang, die Geburt kann jeden Moment losgehen. Ich werde einfach ein paar Babypflegeartikel, Windeln und Babykleidung einpacken und dann kann doch eigentlich nichts mehr schief gehen."

4. Maria: u.s.w...................
5. Maria: u.s.w...................

Meine Frage: Wäre die Weihnachtsgeschichte ein möglicher Text für einen Bibliolog und könnte dieser in der Praxis so ablaufen, wie ich es oben geschrieben habe?

Herzliche Grüße
Susanne

Liebe Susanne,

ich schmunzele, während ich Ihre Zeilen lese. Ich tue das, weil ich keine Fernkurse in Bibliolog gebe, sondern Sie einladen möchte, an einem echten Ausbildungskurs teilzunehmen. Ich empfehle diesen: 13.-16.2.2018, Ort: Neudietendorf, Leitung: Frank Muchlinsky.

Aber wo Sie so genau fragen, will ich noch ein paar kleine Anmerkungen zu Ihrem Entwurf machen: Ja, die Weihnachtsgeschichte nach Lukas eignet sich durchaus für einen Bibliolog. In der Praxis braucht es für einen Bibliolog noch einen Prolog, in dem man den Teilnehmenden sagt, wie es läuft und eine Hinführung, weil nicht gleich gelesen, sondern vorher noch ein wenig in den biblischen Text und die biblische Welt eingeführt wird. Die Frage wird in der 2. Person Singular gestellt, die Anrede vorher erfolgt in der 2. Person Plural: "Ihr seid Maria. Maria, Du …" Die Frage sollte außerdem eine genaue Situation beinhalten: "Du hast gerade gehört, dass Ihr los müsst nach bethlehem. Was geht dir in diesem Moment durch den Kopf?" Bei der zweiten Äußerung, die Sie als Beispiel angeben, ist es extrem wichtig, das anschließende Echoing richtig zu machen, damit man nicht gegen den biblischen Text arbeitet. Der biblische Text sagt ja, dass Josef und Maria sich aufmachen. Wenn Maria nun sagt: "Ich gehe nicht", so muss das Echoing die Äußerung einerseits würdigen, andererseits aber auch so wiedergeben, dass es anschließend noch möglich ist, weiter im biblischen Text zu gehen. Ein Echoing müsste also ungefähr lauten: "Meine erste Reaktion ist: Ich gehe nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das ein gutes Ende nehmen kann." Außerdem müsste es noch ein, zwei weitere Fragen geben, um eine echten Bibliolog zu machen. Und zum guten Schluss wird der Text noch einmal gelesen. Es gibt noch zirka 20 weitere Anmerkungen, aber die gibt's echt nur mündlich im Kurs ;-)

Herzliche, Frank Muchlinsky

Hallo Herr Muchlinsky,

es freut mich, dass ich Sie mit meinem Kommentar zum Schmunzeln gebracht habe. Es ist doch viel besser, man hat etwas, was einen zum Schmunzeln bringt, als dass man sich über etwas ärgern muss.

Und nun möchte ich Ihnen ein ganz herzliches Danke sagen, für Ihre Ausführungen, die Sie mir in Ihrem Kommentar, zum Bibliolog gegeben haben. Und das, obwohl Sie "keine Fernkurse in Bibliolog" geben.

Apropos Bibliolog-Kurs, da würde ich schon mal sehr gerne dran teilnehmen. Aber der Unterrichtsort muss für mich mit dem ÖPNV gut zu erreichen sein. (Habe kein Auto) Warum kann nicht mal ein solcher Kurs in der VHS-Frankfurt a. M. stattfinden? Ohne Angabe einer besonderen Zielgruppe. Einzige Voraussätzung wäre: Tiefergehendes Interesse an der Auslegung biblischer Texte mit Hilfe des Bibliolog.

Und nun noch etwas zum "Weihnachtsgeschichte-Bibliolog".

Zitat: "Außerdem müsste es noch ein, zwei weitere Fragen geben, um eine echten Bibliolog zu machen. Und zum guten Schluss wird der Text noch einmal gelesen."

Klar, wird gemacht! In der Weihnachtsgeschichte gibt´s noch die Engel. "Ihr seid Engel. Engel, Du hast den Auftrag den Hirten auf dem Feld die Geburt des Heilands zu verkünden. Wie geht es Dir dabei?" (Text: Lukas 2,8-11)

1. Engel.................
2. Engel.................
3. Engel.................u.s.w.

Und dann sind da noch die Hirten. "Ihr seid Hirte. Hirte, Du hast von der Geburt des Heilands in Bethlehem erfahren. Du willst unbedingt dort hin. Woran musst Du in diesem Moment denken?"
(Text: Lukas 2,15)

1. Hirte..............
2. Hirte.............. u.s.w.

Ganzen Text (Lukas 2,1-20) noch einmal lesen.
FERTIG!!! :-)

Herzliche Grüße
Susanne

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