Stellenbesetzungen in kirchlichen Kitas

gestellt von Gaestin am 29. März 2012

Lieber Moderator!

Als staatlich anerkannte Kinderpflegerin wollte ich in einem evang. Kindergarten arbeiten, weil ich evang. Christin bin und ehrenamtlich in der evang. Kirche auch die Kindergottesdienste mitgestalte. Trotz jahrelangem Bemühen ist dieser berufliche Einstieg bei den "Evangelischen" nicht geglückt. Bis heute nicht.

Deswegen habe ich geprüft, was eigentlich Sache ist. Ich musste feststellen, dass die evang. Kirchengemeinden anstatt der vorgesehenen Stellenbeschreibung der Kinderpflegerin als Zweitkraft, Erzieherinnen als Zweitkräfte und auf Teilzeitbasis eingestellt haben, mit der entsprechenden höheren finanziellen Dotierung. Obwohl die Stellenbeschreibung der Erzieherin, die Gruppenleitung und Erstkraftfunktion vorsieht. Bei derartig falschen Stellenbesetzungen wundert es mich nicht, dass der Fachkräftemarkt eine Schieflage erleidet.

Grundsätzlich ist es so, dass die Erzieherin und die Kinderpflegerin einander in der Kindergartengruppe "ergänzen", weil die jeweilige Ausbildung unterschiedliche Schwerpunkte hat. So ist die Kinderpflegerin vordergründig auf Gesundheitsförderung, Ernährung, Hauswirtschaft, textiles Arbeiten als auch auf Krankheitssymptome und Allergien und Impfungen im Kindesalter ausgebildet, damit diese die Eltern in diesen Bereichen beraten kann. Hier hat die Erzieherin ein Ausbildungsdefizit weil sie eben andere Schwerpunkte erlernt hat, zum Beispiel Qualitätsmanagement. Eine Erzieherin ist nämlich seit einiger Zeit eine "Managerin", denn sie muss koordinieren wann die Kinder in der Fachhochschule sein müssen zum wissenschaftlichen Vortrag über Solarenergie und zu welchen Terminen der Professor Doktor Doktor im Kindergarten erscheinen muss, zum Experimentieren.

"Textiles Arbeiten" ist deshalb im Kindergarten schon lange "out". Kein Mensch hat heutzutage noch Nadel und Faden im Haus, denn man bringt alles zum Türken um die Ecke, der ist perfekt ausgestattet in seinem Näh- und Stopfstudio.

Die Bandbreite und Ergänzung dieser beiden Ausbildungen ist der zentrale Punkt, der meiner Ansicht nach bei der evangelischen Kirche keine Rolle spielt, so dass Kinderpflege-Fachkräfte beim Arbeitsamt im Flur hocken mit dem Arbeitslosenantrag unterm Arm.

Demgegenüber läuft es bei den Kommunen grade andersherum. Kinderpflegerinnen werden häufig als Gruppenleitung oder Erstkraft eingestellt, um Geld zu sparen.
In soz.päd. Einrichtungen werden anstatt dem Sozialpädagogen mit 4-5jährigem Studium lediglich eine Erzieherin oder eine Kinderpflegerin eingesetzt, mit geringerer Qualifikation und Lohn. Themen wie Sozialraumerforschung sind für Erzieherinnen und Kinderpflegerinnen ein Buch mit 7 Siegeln. Ist aber mittlerweile ganz egal. Dann wird eben der Sozialraum nicht mehr erforscht.

Zum Beispiel ist die Chefin einer Diakonieeinrichtung von Beruf eine Diakonin, obwohl an dieser Stelle keine geistlichen Aktivitäten abverlangt werden. Warum arbeitet die Diakonin nicht in ihrem ursprünglich anberaumten Tätigkeitsfeld, sondern an einem Platz wo sie keinerlei Erfahrungen mitbringt, weil dazu leider Gottes eine andere Ausbildung erforderlich ist.

Alles in Allem, frage ich mich, warum Kirche nicht generell ganz neue Ausbildungswege und Berufe kreiert mit dem Gütesiegel
"kirchlich anerkannter" Kinderpfleger, "kirchlich anerkannter" Erzieher, "kirchlich anerkannter" Sozialpädagoge...usw...
Der Staat könnte als Gegenstück den "staatlich anerkannten Diakon" oder den "staatlich anerkannten Pfarrer" ausbilden, ganz ohne TheologieStudium.

Meine Ausbildung umfasst auch die Beobachtung der Veränderung der politischen/gesellschaftlichen Landschaft. Meine Frage geht deshalb dahin, warum unsere Kirchenvertreter derartiges Wissen nicht grundsätzlich erlernen müssen. Wie sollen Synodale eine Kirche leiten, wenn das grundlegende Basiswissen fehlt? Eine weitere Frage geht dahin, warum in der Synode lediglich 1/3 Theologen sitzen, jedoch doppelt so viele Laien? Ist nicht diese ungleiche Gewichtung und Konstellation ein Indiz dafür, dass Kirche zwischenzeitlich in sämtlichen Bereichen wie ein Ochs vor dem Berg steht???

Viele, viele Fragen, doch vielleicht gibt es auch hier eine ganz simple Erklärung, auf die ich nicht mal im Traum kommen würde?

Herzliche Grüsse von Gästin

Liebe Gästin,

es tut mir Leid, dass Sie bislang mit Ihren besonderen Qualifikationen als Kinderpflegerin keine Anstellung in einer evangelischen Kita gefunden haben. Nicht zuletzt, weil Sie, wie Sie beschreiben, auch noch über eine wichtige Zusatzqualifizierung verfügen, die gerade in kirchlichen Kitas viel bewirken kann: Sie sind über Ihre berufliche Qualifikation hinaus auch noch kirchlich „bewandert“ und engagiert.

Die Besetzung von pädagogischen Stellen verläuft in der Tat häufig nicht ganz nachvollziehbar. In einigen Bundesländern gibt es darum Landesrahmenverträge, in denen unter anderem die Personalqualifikation geregelt wird. Hier der entsprechende Abschnitt aus dem Hamburger Landesrahmenvertrag von 2010:

Quote:

§ 3 Personalqualifikation

(1) Die Betreuung der Kinder in den Tageseinrichtungen erfolgt durch pädagogische
Fachkräfte nach Maßgabe der folgenden Absätze.

(2) Tageseinrichtungen werden von staatlich anerkannten Sozialpädagoginnen
und Sozialpädagogen, Personen mit vergleichbaren Abschlüssen oder staatlich
anerkannten Erzieherinnen und Erziehern geleitet. Im Einzelfall können
sie von fachlich geeigneten Personen mit anderen Fachhochschul- oder Universitätsabschlüssen
geleitet werden.

(3) Das Erziehungspersonal wird unterschieden in Erst- und Zweitkräfte. Erstkräfte
sind staatlich anerkannte Erzieherinnen und Erzieher, staatlich anerkannte
Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen oder Personen mit vergleichbaren
Abschlüssen. Als Zweitkräfte werden staatlich anerkannte Kinderpflegerinnen
und Kinderpfleger oder sozialpädagogische Assistentinnen und Assistenten eingesetzt. (Link zum vollständigen Dokument

Diese Rahmenverträge werden zwischen dem Bundesland und sämtlichen (also nicht nur kirchlichen) Trägern von Kindertagesstätten geschlossen. Vielleicht sollten Sie mal schauen, ob es in Ihrem Bundesland eine entsprechende Regelung gibt. Leider ist es aber in der Tat so, dass Stellen häufig mit (angeblich) „höherqualifizierten“ Fachkräften besetzt werden.

Was Ihren Vorschlag angeht, spezielle kirchliche Ausbildungswege einzurichten, so geht das eben aus Gründen der Landesrahmenverträge nicht (s.o.). Für die kirchlichen Kita-Träger gelten dieselben Bestimmungen wie für alle übrigen. Das heißt, die Qualifikation muss dieselbe sein.

Gaestin wrote:

Meine Ausbildung umfasst auch die Beobachtung der Veränderung der politischen/gesellschaftlichen Landschaft. Meine Frage geht deshalb dahin, warum unsere Kirchenvertreter derartiges Wissen nicht grundsätzlich erlernen müssen. Wie sollen Synodale eine Kirche leiten, wenn das grundlegende Basiswissen fehlt? Eine weitere Frage geht dahin, warum in der Synode lediglich 1/3 Theologen sitzen, jedoch doppelt so viele Laien? Ist nicht diese ungleiche Gewichtung und Konstellation ein Indiz dafür, dass Kirche zwischenzeitlich in sämtlichen Bereichen wie ein Ochs vor dem Berg steht???

Unsere Synoden setzen sich gerade darum aus so vielen „Laien“ und so wenigen ThelogInnen zusammen, weil wir auf die Qualifikation der „Laien“ hoffen. Wir können nicht von allen verlangen, dass sie alles können und wissen. Die Qualifikation von PfarrerInnen ist schon recht umfangreich, dennoch braucht es Menschen wie Sie, die sich eben durch Ihre besondere – sei es eine berufliche oder auch private – Qualifikation auszeichnen. Dass jemand ein Laie ist, bedeutet ja lediglich, dass er oder sie nicht PfarrerIn ist. Es ist also zu hoffen, dass es Menschen in den Synoden gibt, die vielleicht gerade Ihre Qualifikation haben, damit deren Wissen und Können in die kirchlichen Entscheidungsprozesse einfließen kann.

Ich grüße herzlich!
Frank Muchlinsky

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