Bachelor und Theologie

gestellt von Gast am 20. November 2011

Die Bezeichnung Bachelor leitet sich von dem neulateinischen Wort baccalaureus ab, mit dem im Mittelalter der Inhaber des untersten akademischen Grades bezeichnet wurde. Bislang dachte ich immer, dass dieser Begriff Bachelor aus Amerika kommt. Weit gefehlt! Bakkalaureus ist die Alternativbezeichnung. Bakkalaureus lässt sich aus der im Mittelalter gebräuchlichen Bezeichnung Baccalaria herleiten, die im späten Mittelalter ein „kleines Lehngrundstück“ bezeichnete. Der Begriff Lehnswesen, auch Feudalwesen oder Benefizialwesen, bezeichnet das politisch-ökonomische System der Beziehungen zwischen Lehnsherren und belehnten Vasallen. Es bildete die Grundlage der hochmittelalterlichen Gesellschaftsordnung der abendländischen Staaten, vor allem aber des Heiligen Römischen Reichs. Der Lehnsherr, welcher der rechtliche Eigentümer von Grund und Boden oder bestimmter Rechte war, verlieh diese dem Lehnsempfänger auf Lebenszeit. Dafür musste der Lehnsempfänger dem Lehnsherrn persönliche Dienste leisten. Dazu gehörten z. B. auch das Halten des Steigbügels, die Begleitung bei festlichen Anlässen und der Dienst als Mundschenk bei der Festtafel. Beide verpflichteten sich zu gegenseitiger Treue: Der Lehnsherr zu Schutz und Schirm, der Lehnsempfänger zu Rat und Hilfe. Weiterhin waren Lehnsherr und Vasall einander zu gegenseitiger Achtung verpflichtet.....usw Oberster Lehnsherr war der jeweilige oberste Landesherr, König oder Herzog, der Lehen an seine Fürsten vergab. Diese konnten wiederum Lehen an andere Adelige vergeben, die sich von ihnen belehnen lassen wollten und oft in der Adelshierarchie unter dem Lehnsgeber standen. Sollen die heutigen "Bachelor of Theology", also die wissenschaftlichen "Fast-Pfarrer", ein derartiges Gesellschaftssystem aufbauen, wie es seiner Zeit im Mittelalter üblich war? Oder gibt es andere Gründe, warum wir in Deutschland nun Bachelor ausbilden?

Lieber Gast,

zunächst: Es scheint, als hätten Sie viele Ihrer Informationen zum Thema von Wikipedia. Der Artikel dort ist aber – aus gutem Grund – als überarbeitungsbedürftig gekennzeichnet.
Was mit dem Baccalaureat ursprünglich wohl vermacht war, waren (außer den Diensten, die Sie genannt haben) gewisse freiheitliche Privilegien, die dem Absolventen von da an zustanden, weswegen vom 14. Jh. an das Studium für bürgerliche Kreise ein Mittel zum sozialen Aufstieg wurde.
Traditionsbewusst, wie Hochschulen nun mal sind, haben sie den Titel beibehalten, selbst als es das zugrundeliegende System gar nicht mehr gab und zwar weltweit. Nur die Deutschen sind mit der Ersetzung des Baccalaureus durch das Diplom einen anderen Weg gegangen.
Da der sogenannte Bologna-Prozess auf eine internationale Vergleichbarkeit der Abschlüsse hinaus will, hat man die Mehrheitsbezeichnung gewählt. Eine Rückkehr zum mittelalterlichen Lehnssystem ist dabei wohl von niemandem angestrebt.

Einen Bachelor of Theology gibt es in Deutschland übrigens nicht und wird es auf absehbare Zeit auch nicht geben, weil das System des Theologiestudiums sich nicht in das Bologna-Konzept fügen lässt. Der berufsqualifizierende Abschluss wird also weiterhin durch die kirchlichen (für Studierende des Pfarramts), staatlichen (für Studierende des Lehramts) und universitären (Diplom) Prüfungen und Titel repräsentiert. In anderen Ländern sind die meisten Bachelors sowieso im B.A. (Bachelor of Arts) zusammengefasst. Die „wissenschaftlichen Fast-Pfarrer“ sind und bleiben Theologen mit erster kirchlicher Prüfung. Was den B.A.-Abschluss für das Lehramt angeht (so in manchen Bundesländern), so unterliegt die Prüfungsordnung ohnehin dem Staat, der seine Lehrer nennen kann, wie er will, ohne dass die Kirche da einen Spielraum hätte.

Mit freundlichen Grüßen
Frank Muchlinsky

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