Lehrmeinung der evangelischen Kirche zum Krieg

gestellt von daphoppe am 30. Oktober 2011

Sehr geehrter Herr Muchlinsky,

ich lerne zurzeit mit meiner Frau für Ihr katholisch-theologisches Examen an der Universität.
Dabei spielt unter anderem auch das theologische Verständnis von Krieg des deutschen katholischen Episkopats zur Zeit des deutschen Nationalsozialismus’ eine Rolle, das im Wesentlichen auf Augustinus beruht.

Können Sie mir sagen, was für ein theologisches Verständnis evangelische Christen zur Zeit des Nationalsozialismus von Krieg hatten und wie dieses Verständnis heute genau aussieht?

Lieber Herr Hoppe,

im Gegensatz zur katholischen Kirche kennt die evangelische keine ausgeführte Lehre vom heiligen (oder gerechten) Krieg. Das liegt daran, dass der Protestantismus vor allem durch Luthers Lehre die „zwei Reiche“ bzw. „zwei Regimenter“ (Reich Gottes und Welt bzw. kirchliches und weltliches Regiment bzw. Kirche und Staat) streng von einander trennt. Der Staat allein hat die Macht über Krieg und Frieden zu entscheiden. Ein Christ hat sich der Obrigkeit gegenüber, die sich um ihren Leib kümmert (während nur die Kirche sich um ihre Seele kümmern kann) unterzuordnen, das heißt: Er soll auch in den Krieg ziehen, wenn die Obrigkeit es (aus politischen Motiven, nicht aus religiösen!) von ihm verlangt.

Während des Nationalsozialismus gab es keine einheitliche Haltung der evangelischen Kirche zum Krieg. Die Kirchen sollten bereits 1933 gleichgeschaltet werden. Die „Deutschen Christen“ lösten mit diesem Bestreben (und vor allem mit dem Versuch den sog. Arierparagraphen in die Kirchenverfassung zu übernehmen) den so genannten Kirchenkampf mit der bekennenden Kirche aus. Ich empfehle zu diesen Stichworten die entsprechenden Artikel bei Wikipedia. Vor allem der Abschnitt im Artikel Kirchenkampf über die Kriegszeit ist für Ihre Frage sicherlich sehr erhellend. Es wird deutlich, dass es entsprechend der inneren Konflikte und darüber hinaus sehr unterschiedliche Meinungen zum Krieg gab.

Heute spricht die evangelische Kirche anstelle vom gerechten Krieg vom „gerechten Frieden“, was die Unauflöslichkeit von Frieden und Gerechtigkeit in der christlichen Ethik betonen soll. Auch durch diesen Begriffwandel wird deutlich, dass sich die evangelische Kirche theologisch mit dem Frieden nicht mit dem Krieg beschäftigt. Zuletzt hat die EKD im Jahr 2007 eine Denkschrift zur Friedensthematik unter der Überschrift „Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen“ herausgegeben. Wenn Sie sich dafür interessieren, können Sie sie online nachlesen. http://www.ekd.de/download/ekd_friedensdenkschrift.pdf

Ich hoffe, ich konnte Ihnen in dieser äußerst komplexen Materie ein Paar Fingerzeige geben und grüße herzlich

Frank Muchlinsky

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