Wie kann man im Leid an Gott festhalten?

gestellt von Anonym am 10. Dezember 2012

Lieber Herr Muchlinsky,

 

ich schätze Sie und Ihre Arbeit hier sehr, finde ich ganz toll, bin ein großer Fan. Ich habe heute eine, ja, Laien-Frage zur Gottesbeziehung, wie man alleine aus ihm mit allem fertig wird. In meinem Leben läuft gerade etwas ganz gewaltig schief. Ich halte das im Grunde nicht aus. Seit Jahren ging es mir dreckig, eine Weile lang habe ich Hoffnung auf ein friedlicheres Dasein geschöpft und darauf, Akzeptanz und Freunde zu finden.

 

Als ich vor über einem Jahr danach gefragt habe, was bietet eigentlich das Christentum als Hilfe an, wie ist das mit dem Gottvertrauen, da habe ich mühsam begreifen sollen - so schien es mir - dass im Zweifelsfall bloß Gott hilft. Aber dazu braucht man doch - wie es uns durch Jesus auch so ermöglicht wurde durch Gott - menschliche Bilder und Vorstellungsvermögen. Ich denke mir, die können emotionale Impulse setzen, in der Not auf Gott zu vertrauen und durchzuhalten. Und sich dadurch anders zu verhalten, dass man vielleicht wieder menschliche Anerkennung findet. Oft habe ich, (wenn eben auch fälschlicherweise) den Eindruck, fast niemand würde mich auf Dauer mögen können, und ich habe Angst, Menschen, wieder zu verlieren, ich versuche es seit Jahren. Und prof. Hilfe hilft auch nicht, das greift zu wenig. Wenn es mir gut geht und ich konnte Gott dann danken, fühlte ich mich fast schon schäbig, weil ich dachte, das ist ja einfach....

 

Aber egal, ob das nun psychologische Zusammenhänge sind, ich dachte mir, Gott freut sich ja mit mir, was auch immer er bewirkt, oder was nicht, man weiß es nicht, wenn ich mich auf ihn konzentriere und es geht mir dann besser, freut er sich. Und ich halte es tatsächlich möglich, dass er etwas bewirken kann, es ist sein Versprechen. Aber nun zweifle ich an dieser Theorie. Es geht einfach nicht ohne ein menschliches Gegenüber. Nur im Tod ist man ohne diese emotionale Verstricktheit, ohne den Zwang der seelischen Folter bei Depression und Kummer wirklich in der Verfassung Gott ganz zu gehorchen. Aber da man nach Gottes Wille leben soll, wäre man dann ja in der Hölle, was ja dann kein Trost ist, sondern wenn man denkt, es gäbe ein Weiterleben, wäre man in der Hölle.

 

Wie funktioniert also Gott, wenn es mir abgrundtief schlecht geht, das ist meine Frage an Sie. Ich sah es bisher als Impulsgebung, als Bilder, die Menschen sich machen dürfen und Hoffnung, die sie von Gott erhoffen dürfen, wenn man seine Existenz als Angebot annimmt. Wenn man auch nicht weiß, was er macht und was nicht, er freut sich mit einem, wenn man es im Vertrauen auf ihn schafft. Aber nach jahrelangem Leid bin ich mittlerweile verzweifelt. Ich kann nicht mehr und will an Gott festhalten, aber es geht nicht. Ich will es natürlich und will lernen, mit weniger zufrieden zu sein, wenn es sein muss. Und ich brauche Gott, ich klammere mich da geradezu an ihn. Aber wie kann ich ihn bloß spüren? Wie nur?  Ich dachte es geht, wenn ich es mir ganz arg vorstelle. Er ist komplett anwesend immer, wenn auch abstrakt. Dass er meine Sorgen von mir weghält, weil er mich mag. Aber das bricht mir weg. Mir taten auch andere Menschen in Not diesbezüglich immer so leid, weil ich das gut nachvollziehen kann. Was raten Sie?

 

Ich würde mich echt sehr freuen, wenn Sie mir die Frage beantworten können Ich finde das ganz toll, was hier alles gerade so geboten wird. Wie spürt man im Leid, dass Gott da ist? Kann ich überhaupt im Leid Gott für mich in Anspruch nehmen? Es wäre mir furchtbar wichtig. Herzliche Grüße!
 

Liebe „Anonym“,

 

meine Antwort ist – das will ich gleich sagen – keine, von der ich sagen könnte. So der so lässt sich Ihr Problem lösen. Ich kann Ihnen nur davon erzählen, wie sich mein Glaube anfühlt, und wo ich selbst Trost herbekomme. Sie schreiben, dass Sie viel zu erleiden haben und dass Sie zwar gern an Gott festhalten möchten, das aber nicht mehr schaffen, weil Sie seine Gegenwart nicht spüren können. Mit dieser Erfahrung sind Sie nicht allein. Es ist gerade für Menschen, die sich auf Gott verlassen möchten, eine ungeheure Last, wenn man das Gefühl haben muss, dass Gott einfach nicht helfen will.

 

Vor vielen Jahren habe ich in einem sehr bemerkenswerten Seminar während meines Theologiestudiums die Klagepsalmen der Bibel als eine große Hilfe für solche Situationen erleben dürfen. Unser Professor nannte diese Psalmen „Streitgespräche mit Gott“, weil die Beter, die uns diese Psalmen hinterlassen haben, eben in genau solchen Situationen, die Sie auch beschreiben, sich an Gott wenden und einfach nicht locker lassen wollen. Sie machen Gott große Vorwürfe, weil er nicht zu hören scheint.

 

Nehmen Sie zum Beispiel diesen Ausschnitt aus Psalm 22:

2 Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.

3 Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.

4 Du aber bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen Israels.

5 Unsere Väter hofften auf dich; und da sie hofften, halfst du ihnen heraus.

6 Zu dir schrien sie und wurden errettet, sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden.

7 Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und verachtet vom Volke.

8 Alle, die mich sehen, verspotten mich, sperren das Maul auf und schütteln den Kopf:

9 »Er klage es dem HERRN, der helfe ihm heraus und rette ihn, hat er Gefallen an ihm.«

10 Du hast mich aus meiner Mutter Leibe gezogen; du ließest mich geborgen sein an der Brust meiner Mutter.

11 Auf dich bin ich geworfen von Mutterleib an, du bist mein Gott von meiner Mutter Schoß an.

12 Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe; denn es ist hier kein Helfer.

13 Gewaltige Stiere haben mich umgeben, mächtige Büffel haben mich umringt.

14 Ihren Rachen sperren sie gegen mich auf wie ein brüllender und reißender Löwe.

15 Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, alle meine Knochen haben sich voneinander gelöst; mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs.

16 Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, und meine Zunge klebt mir am Gaumen, und du legst mich in des Todes Staub.

17 Denn Hunde haben mich umgeben, und der Bösen Rotte hat mich umringt; sie haben meine Hände und Füße durchgraben.

18 Ich kann alle meine Knochen zählen; sie aber schauen zu und sehen auf mich herab.

19 Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um mein Gewand.

20 Aber du, HERR, sei nicht ferne; meine Stärke, eile, mir zu helfen!

21 Errette meine Seele vom Schwert, mein Leben von den Hunden!

 

Sehen Sie, was ich meine? Der Beter dieses Psalms argumentiert, er sagt: Ich tu es doch! Ich wende mich an dich. Und Du hilfst mir dennoch nicht. Du hast mich verlassen – nicht etwa umgekehrt.

Wir haben so sehr gelernt, dass wir etwas falsch machen können in unserer Beziehung zu Gott. Wir glauben nicht genug, wir beten nicht genug, wir müssen uns an Gott wenden. Was aber, wenn Gott nicht antwortet? Sind wir dann immer noch Schuld daran, oder ist es vielleicht Gott, der sein Versprechen nicht hält, für uns da zu sein? Die Beter dieser Klagepsalmen sagen: Ich will an Gott festhalten, selbst wenn er sich anscheinend nicht an uns festhält. Ich will, so sagt der Beter, Gott immer und immer wieder anrufen, ihn auffordern sich zu kümmern, wie er es versprochen hat.

 

Ich finde diese Haltung ausgesprochen heilsam, weil sie mir möglich macht, in tiefster Verzweiflung Gott nicht sein zu lassen. Hilf mir! Du hast versprochen, dass Du das tust! Ich lasse dich nicht los, lass Du mich auch nicht los!

 

Und dann geschieht etwas sehr Spannendes. Mitten in der Klage kommt es zu einem Stimmungsumschwung – ganz plötzlich und ohne Vorwarnung heißt es in Psalm 22:

 

22 Hilf mir aus dem Rachen des Löwen und vor den Hörnern wilder Stiere - du hast mich erhört!

23 Ich will deinen Namen kundtun meinen Brüdern, ich will dich in der Gemeinde rühmen:

24 Rühmet den HERRN, die ihr ihn fürchtet; ehret ihn, ihr alle vom Hause Jakob, und vor ihm scheuet euch, ihr alle vom Hause Israel!

25 Denn er hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen; und als er zu ihm schrie, hörte er's.

26 Dich will ich preisen in der großen Gemeinde, ich will mein Gelübde erfüllen vor denen, die ihn fürchten.

27 Die Elenden sollen essen, daß sie satt werden; und die nach dem HERRN fragen, werden ihn preisen; euer Herz soll ewiglich leben.

28 Es werden gedenken und sich zum HERRN bekehren aller Welt Enden und vor ihm anbeten alle Geschlechter der Heiden.

29 Denn des HERRN ist das Reich, und er herrscht unter den Heiden.

30 Ihn allein werden anbeten alle, die in der Erde schlafen; vor ihm werden die Knie beugen alle, die zum Staube hinabfuhren und ihr Leben nicht konnten erhalten.

31 Er wird Nachkommen haben, die ihm dienen; vom Herrn wird man verkündigen Kind und Kindeskind.

32 Sie werden kommen und seine Gerechtigkeit predigen dem Volk, das geboren wird. Denn er hat's getan.

 

Wie kommt es dazu? Wieso sagt der Beter plötzlich so positive, lobende Dinge? Wie kann er plötzlich sagen: „Du hast mich erhört!“? Vielleicht ist es so etwas wie ein Blick in die Zukunft: Ich schreie zu dir und weiß, irgendwann ist es so weit: Dann sage ich Du hast mich erhört, und dann lobe ich dich, Gott. Ich will dich doch preisen, ich will dich doch loben. Ich will doch erzählen davon, wie gut Du den Menschen tust. Gib mir, Gott, wieder einen Anlass, dass ich das tun kann.

 

Die Beter der Klagepsalmen lassen nicht locker. Das ist etwas, das ich für mich als sehr, sehr heilsam erlebt habe. Ich muss nicht an Gott zweifeln, sondern ich darf ihm sagen: Was tust Du da mit mir?! Ich habe erfahren, dass ich manchmal sehr lange schreien und klagen muss. Vor allem aber habe ich diese Erlaubnis gespürt: Du DARFST auch klagen, Du darfst unzufrieden sein, Du darfst Gott in die Verantwortung rufen.

Dabei half mir nicht zuletzt die Tatsache, dass selbst Jesus am Kreuz mit diesem Ruf starb: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!?“

 

Die Psalmen machen es leichter, solche Worte zu finden, die wir uns häufig nicht trauen, selbst zu sagen. Darum möchte ich Ihnen hier noch ein paar andere Psalmen vorschlagen, die Sie vielleicht einmal – oder besser noch mehrmals, häufig – beten könnten:

Ps 69, Ps 88, Ps 17 … Blättern Sie ruhig einmal in Ihrer Bibel durch die Psalmen. Es gibt noch mehr Gebete dort, die so mit Gott reden. Mir tut es wie gesagt sehr gut. Ihnen vielleicht auch .. ?!

 

Mit den besten Wünschen!

Frank Muchlinsky

 

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