Beichte in der evangelischen Kirche

gestellt von Sylvia Dinse am 11. Juni 2013

Guten Tag Herr Muchlinsky!

Ich habe gerade unter der Rubrik Bekenntnisse/Abendmahl auch über die Beichte gelesen. Ich war bisher der Annahme, dass diese nur in der katholischen Kirche praktiziert wird. Gibt es diese wirklich in der evangelischen Kirche und wie bzw. wann wird sie abgenommen?

Ich freue mich auf Ihre Antwort und wüsche Ihnen einen schönen Abend.

Guten Tag Frau Dinse,

 

die reformatorischen Kirchen haben einen Perspektivwechsel im Verständnis der Beichte vorgenommen: Zentral sind in evangelischen Kirchen nicht die Angemessenheit der Reue, die Vollständigkeit der Beichte oder der Vollzug von bestimmten Handlungen oder Gebeten, sondern die Kraft der Lossprechung als Vergebungswort von Gott selbst. In diesem Sinne führt Luther die Beichte neben Taufe und Abendmahl im Kleinen Katechismus an – auf diesen Text beziehen Sie sich vermutlich in Ihrer Frage.

 

Die Einzelbeichte ist in den evangelischen Kirchen zwar möglich, im Alltagsleben der Kirchengemeinden aber weitgehend in den Hintergrund getreten. Anders ist das in einigen evangelischen Kommunitäten, in denen die Einzelbeichte eine wichtigere Rolle spielt.

 

Worum es dabei geht, ist allerdings in vielfältiger Gestalt im Leben der Ortsgemeinden vorhanden: Im Gottesdienst übernimmt die Vergebungsbitte im Vaterunser („Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“) die Funktion der Beichte. Im Kirchenjahr gibt es einige Anlässe zu Bitt- und Beichtgottesdiensten, in denen die sog. „Offene Schuld“, also das öffentliche Beichtbekenntnis der Gemeinde und das ihr zugesprochene Vergebungswort, einen zentralen Platz einnimmt, etwa am Buß- und Bettag. In den Gottesdienstordnungen vieler Kirchen besteht die Möglichkeit einer solchen „offenen Schuld“ auch am Anfang des Gottesdienstes bzw. im Abendmahlsteil.

 

Die Einzelbeichte hat ihren Platz heutzutage bedarfsweise im Raum der Seelsorge. Seelsorgegespräche sind nicht von sich aus auf die Beichte hin angelegt, sie können sich aber dahin entwickeln. Pfarrern und Pfarrerinnen sind an das Beichtgeheimnis gebunden und Gespräche, die in solchen Zusammenhängen geführt werden, unterliegen der seelsorglichen Verschwiegenheit. Im Gespräch können Sie auch klären, ob für Sie in der konkreten Situation eine liturgische Form hilfreich sein kann. Sprechen Sie ggf. Ihre Ortspfarrerin/ Ihren Ortspfarrer oder eine andere Pfarrperson daraufhin an.

 

Mit herzlichen Grüßen

Friederike Erichsen-Wendt

 

P.S. Sie können auch bei dieserFrage einmal nachschauen: Die Beichte als Sakrament?

Neuen Kommentar schreiben

Hier ist Ihre Meinung gefragt. Wenn Sie etwas zu diesem Thema beitragen möchten, geben Sie einfach Ihren Namen an (wenn Sie das Feld leerlassen erscheint "Gast" auf der Website) und geben Sie Ihren Text ein. Die Redaktion behält sich vor, welche Kommentare veröffentlicht werden. Radikale politische Äußerungen und persönliche Beleidigungen werden grundsätzlich nicht veröffentlicht.
CAPTCHA
Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob Sie ein menschlicher Benutzer sind und um automatisiertem Spam vorzubeugen.
Bild-CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.