Wer ohne Sünde ist... - Jedem eine zweite Chance?

gestellt von Susanne am 17. November 2013

Hallo Herr Muchlinsky,

 

eigentlich wollte ich Sie mit meiner vielen Fragerei mal in Ruhe lassen. Aber nun ist wieder was, ja, es  brodelt regelrecht in mir. Ich ärgere mich und es geht mir nicht gut, wenn ich sehe, was so alles läuft in unserer heutigen Zeit.

 

Ich mache immer wieder die Feststellung, dass Menschen, die, ich nenne es mal, irgendwie im Rampenlicht stehen, sei es in Politik oder Kirche, von der Gesellschaft ganz besonders beäugt werden, wenn sie einen Fehler begangen haben. Mal sind es kleine Fehler, mal auch Größere, die von den bekannten Personen gemacht wurden. Diese armen Mensch, die ganz bestimmt unter ihrem Fehlverhalten zu leiden haben, werden dann auch noch, wenn alles an die Öffentlichkeit kommt, von der Gesellschaft dermaßen fertig gemacht, dass ich es einfach nicht mehr schön finden kann. Kein gutes Haar wird an ihnen gelassen. Mir tut das weh und ich leide irgendwie mit diesen Menschen.

 

Mir geht dabei unser ehemaliger Bundespräsident Christian Wulff, der ehemalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst oder auch Frau Margot Käßmann durch den Kopf. In meinen Augen wurden und werden all diese Menschen wegen ihres Fehlverhaltens einfach nur fertig gemacht.

 

Frau Margot Käßmann ist dieser Welle der Entrüstung damals zuvor gekommen und ist von all ihren Ämtern zurück getreten. Ich war sehr traurig darüber. Von mir aus hätte sie das nicht tun müssen. Ihre Autorität als Bischöfin hat in meinen Augen nichts mit ihrem "Missgeschick" zu tun gehabt.

 

Ich muss bei all diesen Beispielen, die ich hier aufgezählt habe immer an die biblische Geschichte denken in der Jesus gesagt hat:

 

Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. (Johannes 8,7)

 

Da war plötzlich Ruhe und alle haben sich "aus dem Staub gemacht".

 

Hat dieser Satz von Jesus heute keine Gültigkeit mehr? Oder verstehe ich mal wieder das, was da in der Bibel steht, nicht so ganz richtig? Lege ich zu viel Toleranz an den Tag, wenn ich sage, dass Menschen vielleicht auch eine zweite Chance eingeräumt werden sollte? Ist es nicht fairer einen Sachverhalt zunächst genau zu betrachten, als sofort über den Verursacher her zu fallen?

 

Ihre Antwort ist mir sehr wichtig, denn solche Fälle wird es wohl immer wieder geben. Und jedes mal leide ich mit, wenn über die "Gestrauchelten" in Talkshows, Interviews oder auch im Internet hergefallen wird.

 

Herzliche Grüße

Susanne

Liebe Susanne,

 

vielen Dank für Ihre Frage, und hören Sie bloß nicht auf mit dem Fragen!
Ich gebe Ihnen vollkommen recht, wenn Sie sagen, dass man Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, häufig mit viel zu viel Unversöhnlichkeit begegnet. Insofern möchte ich gleich zu beginn meiner Antwort auf die Frage nach der Gültigkeit des Jesus-Wortes aus Johannes 8 eingehen: Es sollte für uns in jedem Fall gelten, dass wir zunächst unsere eigenen Fehler anschauen, bevor wir andere verurteilen. Das hat gar nichts von seiner Aktualität eingebüßt.

 

Das Problem, mit dem sich Menschen, die "im Rampenlicht stehen", plagen müssen, ist nicht zuletzt, dass es Ihnen von der Öffentlichkeit besonders schwer gemacht wird, Fehler einzugestehen. Es steht ja gerade wieder der Buß´- und Bettag an, und ich würde eigentlich allen Menschen wünschen, die große Chance zu nutzen, die mit diesem Tag kommt: Erkenne, was Du falsch gemacht hat, dann bekenne es auch, damit Du neu anfangen kannst. Das hat zum Beispiel Frau Käßmann getan. Sie hat erkannt und auch bekannt, dass sie einen Fehler gemacht hat. Sie hat auch deswegen eine zweite Chance verdient, weil sie nicht so tut, als wäre das ja alles nicht so schlimm. Wenn ich mir einen Uli Hoeneß anschaue, der anscheinend die Tragweite seiner Schuld überhaupt nicht einsehen will, so frage ich mich zunächst schon, ob er von der Öffentlichkeit erwarten kann, dass sie ihm verzeiht. Er selbst sieht ja nicht einmal, dass da etwas zu verzeihen ist.

 

Doch wir sind schnell dabei, in Menschen mit großer öffentlicher Wirkung auch Vorbilder zu sehen. Ich selbst finde, sie werden erst in solchen Situationen zu Vorbildern, wo sie mit Krisensituationen auf nachahmenswerte Weise umgehen. Das gilt insbesondere dann, wenn sie an der Krise selbst einen teil Schuld tragen. Der erste Schritt sollte in jedem Fall sein;: Steh zu deinen Fehlern und versuch auch zu begreifen, wie sehr Du damit Schaden angerichtet hast. Dann zieh geeignete Konsequenzen und dann bitte um Verzeihung.

 

Nun noch einmal zum Buß- und Bettag, weil ich es so passend finde: An diesem tag wenden wir uns mit dem, was und belastet, mit dem, was wir falsch gemacht haben, an denjenigen, der viel, viel gnädiger ist, als Menschen das je sein könnten. Wir bekennen unsere Schuld Gott. Und Gott spricht durch Jesus Christus genau die Worte, die Sie zitieren. "Es soll niemand so tun, als sei seine Weste blütenweiß." Und zu der Frau sagt er: "Ich verdamme dich auch nicht. Geh und sündige nicht wieder." Er sagt nicht: "Ach, es war ja nicht so schlimm, was Du getan hast, Schwamm drüber. Sondern er sagt: Ja, Du hast Falsches getan, und trotzdem verdamme ich dich nicht." Darum sollten wir unsere Schuld bekennen.

 

Und auf der anderen Seite sollten wir als Öffentlichkeit uns das schöne Zitat, das Sie hier angeführt haben, zu herzen nehmen – spätestens dan, wenn wir echte Reue bei den "Promis" erkennen. Gerade dann kann aus einem Promi ein Vorbild werden.

 

Ich grüße herzlich!

Frank Muchlinsky

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