Kircheneintritt trotz Zweifen ?

gestellt von Norbert am 14. Dezember 2013

Sehr geehrter Herr Muchlinsky,

immer wieder in meinem Leben überlege ich der Kirche, der Evangelischen, beizutreten.
Immer wieder erlebe ich mir die starke Sehnsucht nach etwas Größerem und das nicht nur zur Weihnachtszeit.
Aber ich bin ein Zweifler, ein Agnostiker, ein Schwanker.
In meiner Kindheit habe ich ziemlich einschneidendes Erlebnis gehabt.
Mein Großvater hatte einen sehr schweren Unfall und lag einige Zeit im Koma. Meine Familie kommt aus Ost-Deutschland und hatte zur Zeit der DDR nicht viel mit der Kirche zu tun, obwohl meine Großeltern getauft und konfirmiert waren.
Jedenfalls in diesen Tage und Wochen, sah ich plötzlich mein Großmutter und Mutter beten und ich hatte es nie zuvor erlebt.
In meiner Jugend habe ich oft zu Gott gebetet und zu Weihnachten ging es in den Gottesdienst.
Ich kann mich einfach nicht recht entscheiden. Haben Sie eine Idee, wie ich diese Zweifel ausräumen kann?
Über eine Rückantwort würde ich mich freuen.

Lieber Norbert,

 

Wie schön, dass Sie sich hingezogen fühlen zum Glauben und zur kirchlichen Gemeinschaft. Und wie besonders schön, dass Ihnen das nicht nur zur Weihnachtszeit so geht. Ihr Zögern kann ich nachvollziehen, denn es ist ein großer Schritt, sich taufen zu lassen und zu seinem Glauben zu bekennen. Sie beschreiben sich selbst als zweifelnden Menschen. Andererseits schreiben Sie davon, wie beeindruckt Sie waren, als Sie Zeige wurden, wie Ihre Mutter und Großmutter beteten.

Ich finde es sehr spannend, dass Sie mir nicht geschrieben haben, wie die Geschichte mit Ihrem Großvater ausging, wie es ihm nach seinem Koma erging. Ich finde das deswegen bemerkenswert, weil Sie anscheinend nicht davon beeindruckt waren, dass das beten eine Art von Wunder bewirkt hat, sondern, die Tatsache, dass sie überhaupt gebetet haben, war das Wunder.

Ich schreibe das alles, weil ich Ihnen gern deutlich machen möchte, dass Sie als ein "Schwanker", wie Sie sich nennen, keineswegs falsch sind in der evangelischen Kirche. Was glauben, Sie? Haben Ihre Großmutter und Ihre Mutter gebetet, ohne zu zweifeln? Das ist nicht wahrscheinlich. Sie haben gehofft, und sie haben sich dem – wie Sie es ausdrücken – sich "etwas Größerem" anvertraut. Ich bin sicher, dass es den beiden gut getan hat, nicht allein mit ihrer Sorge zu sein, sondern sich Gott zuzuwenden – gerade in der Sorge und im Zweifel.

 

Unser Gott braucht meines Erachtens keine Menschen, die alles einfach hinnehmen, die niemals zweifeln. Ich mag Ihnen also überhaupt nicht raten, dass Sie Ihre Zweifel ablegen sollen. Was Sie tun können, ist, dass Sie sich in all dem, was Sie bewegt – in Zweifeln und Hoffen und Wünschen und Sehnen – sich an Gott wenden. Und wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie nicht ins Leere reden, wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihre Gedanken so gut aufgehoben sind, dann sind Sie richtig in der Kirche. Wohlgemerkt: Legen Sie Ihre Zweifel nicht ab, sondern in ihr Gebet hinein. Ob Sie das versuchen mögen? Es wird sich vielleicht merkwürdig anfühlen zunächst. Aber ich kann mir vorstellen, dass Sie sich darauf einlassen können. Immerhin haben Sie ja schon diese Frage hier gestellt.

 

In der Hoffnung, dass ich Ihnen ein wenig weiterhelfen konnte und mit herzlichen Grüßen!

Ihr Frank Muchlinsky

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