Wie kann die Bibel moralische Orientierung geben?

gestellt von M. Karlsohn am 6. Mai 2014

Sehr geehrter Herr Muchlinsky,

schon seit einiger Zeit beschäftige ich mich kritisch mit biblischen Inhalten. Diese sollen ja, zumindest nach Ansicht der Theologen und vieler Politiker, Grundlage für unsere moralischen Vorstellungen sein. Nun gibt es in der Bibel unzählige Stellen die, vorsichtig ausgedrückt, andere Menschen diskriminieren und ausgrenzen. Auch der Aufruf zum Mord ist in der Bibel zu finden.

Wer bestimmt eigentlich, dass diese Textpassagen nicht einmal ansatzweise Gültigkeit haben, andere, wie die Schöpfungsgeschichte aber schon?
Besonders schockiert hat mich die Stelle mit Lot, der seine Töchter und die Nebenfrau eines Priesters dem marodierenden Mob zur Verfügung gestellt hat und dafür noch belohnt wurde.
Ein Vater, der seine Töchter, gleich welchen Alters, anderen zum Verkehr gibt, aus welchen Gründen auch immer, ist meiner Ansicht nach niemand, der sich in meiner moralischen Wertvorstellung bewegt.

Dass dann in den 10 Geboten von den Töchtern noch verlangt wird, diesen Vater zu ehren, das ist mir unbegreiflich. Scheinbar ehren diese Töchter den Vater aber so sehr, dass sie ihm das Wissen über den Inzest noch ersparen wollen, das würde man heute mit dysfunktionalen Familienstrukturen erklären. Wie soll also ein Buch, in dem solche Taten als moralisch vorbildlich dargestellt werden, eine Orientierung in der heutigen Zeit darstellen?
Es ist mir durchaus bewusst, dass es andere Stellen gibt, die heute sicherlich noch erstrebenswert sind, es sind aber eben auch einige Passagen enthalten, bei denen es nach heutigen Wertvorstellungen einfach nur grausam zu geht.

Und dann bleibt noch die Frage, wenn jemand eine Entscheidung trifft, welche Stelle wie gedeutet werden soll, wer garantiert mir, dass dieser Mensch nicht genauso falsch liegt wie diejenigen, die Giordano Bruno auf den Scheiterhaufen gebracht haben?

Ich bedanke mich bei Ihnen für Ihre Zeit und Ihre Bemühungen.

Mit freundlichem Gruß,

M. Karlsohn

Liebe Frau oder lieber Herr Karlsohn,

 

In großen Teilen stimme ich Ihren Beobachtungen zur Bibel zu. Die Geschichte aus Genesis 19 ist in der Tat überhaupt nicht dazu geeignet, Lot zu einem positiven Helden zu machen, dem man nacheifern sollte. An dieser bestimmten Bibelstelle, die Sie angeführt haben, möchte ich Ihnen aber gern auch deutlich machen, wo Ihre Kritik unangemessen ist.

Sie schreiben, dass Lot für seinen Vorschlag an den Mob, seine Töchter anstelle der Engel, die bei ihm zu Gast sind, zu vergewaltigen (Gen 19,8) von Gott belohnt wird. Wo nehmen Sie das her? Das steht nirgends in der Bibel. Meinen Sie, dass Lot deswegen aus der untergehenden Stadt gerettet wird? Das ist auch nicht der Fall. Lot wird ausdrücklich nur deswegen gerettet, weil sein Onkel Abraham darum gebeten hat (Gen 19,29).

 

Die Weise, in der Sie die Bibel lesen, entspricht nicht dem, wie die Texte es selbst wünschen und auch nicht dem, wie die Kirche die Texte auslegt. Niemand verlangt von Ihnen, dass sie das Verhalten Lots gutheißen. Die Bibel will vielmehr davon erzählen, wie die Welt ist. Und dazu gehören die schönen Dinge ebenso wie die ganz fürchterlichen und hässlichen. Lots Schicksal und das seiner Frau und das seiner Töchter ist furchtbar. Als Leserin oder Leser können und sollen Sie darüber nachdenken, was da falsch gelaufen ist. Sie dürfen seine Familie auch gern dysfunktional nennen, oder was Ihnen auch sonst noch so einfällt aus Ihrem Blickwinkel eines aufgeklärten Menschen des 21. Jahrhunderts nach Christus. Noch einmal ganz deutlich: Die Bibel stellt die taten dieser Familie nicht als moralisch vorbildlich dar. Sie schildert sie lediglich als einen Teil der Geschichte der Menschen.

 

Kommen wir zu Ihrer Frage der Deutung. Die Bibel ist voller widersprüchlicher Stellen. Das haben Sie vollkommen richtig gesehen. Nun muss man sich tatsächlich fragen: Welcher Stelle gebe ich den Vorzug vor einer anderen. Das tun alle Menschen, die sich ernsthaft mit der Bibelauslegung beschäftigen, ständig. Lediglich Fundamentalisten versuchen, sämtliche Bielstellen als gleichwertig, gleichsam gültig und richtig zu behalten. Wenn wir uns also beispielsweise fragen, ob die Aussage der Bibel für uns gilt, dass eine menstruierende Frau "unrein" ist (und also zum Beispiel nicht am Gottesdienst teilnehmen kann – Lev 15,19), dann müssen wir schauen, ob wir gute Gründe finden, die ebenfalls aus der Bibel abgeleitet sind, wenn wir anderer Meinung sind. Man könnte zum Beispiel damit argumentieren, dass Jesus selbst sich von einer Frau hat berühren lassen, die an einem ständigen Blutfluss litt (Lk 8,43-48). Man kann auch anführen, dass durch das Opfer, das Jesus durch seinen Tod am Kreuz brachte, ohnehin Reinheit und Unreinheit keine Rolle mehr spielen.

So wird entschieden, welche Stellen der Bibel uns direkt vorschreiben können, wie wir uns verhalten sollten. Wir nehmen die Bibel nicht in die Hand und legen los und machen nach, was darin steht.

 

Stattdessen wird die Bibel immer und immer wieder ausgelegt und gedeutet und die verschiedenen Passagen in ihr werden von verschiedenen Menschen als unterschiedlich wichtig und bedeutsam erachtet. Bestimmte fundamentalistische Strömungen sehen in der Schöpfungsgeschichte eine Art Tatsachenbericht, während die meisten Christen die beiden Schöpfungsberichte so interpretieren, dass Gott der Schöpfer von allem ist, was ist und was lebt, dass die Schöpfung also kein Zufallsprodukt ist. Wie viele Tage Gott "gebastelt" hat, spielt dabei überhaupt keine Rolle.

Ich sehe übrigens durchaus die Gefahr, dass es immer wieder zu Auslegungen der Bibel kommen wird, die nach meinen Maßstäben in die völlig falsche Richtung laufen. Aber das Risiko muss man eingehen, wenn man mit der Bibel auch heute noch einen guten Umgang pflegen will.

 

Ich hoffe, ich konnte Ihnen deutlich machen, wie man mit der Bibel umgehen sollte, wenn man ihr gerecht werden will.

 

Mit freundlichen Grüßen

Frank Muchlinsky

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