Unter uns Pfarrern

gestellt von Jakob Stehle, Pfarrer i.R. am 2. März 2015

Je mehr ich mich mit dem biblischen Glauben beschäftige, um so mehr wundert es mich, daß die katholische Kirche an alten Irrtümern und heidnischen Gebräuchen festhält. Auch wundert es mich, wie unsere evangelische Kirche in der "Gender-Frage" so einknickt und sich nicht an Gottes Schöfungsordnung und biblischen Anweisungen im Blick auf die Ehe hält? Welche Antwort würden Sie denen geben, die so fragen?

Ein Kollege

Lieber Kollege,

als studierter Theologe sollten Sie wissen, dass es keinen "biblischen Glauben" im Christentum gibt. Unser Glaube fußt zwar auf der Bibel, doch hat die Kirche von Anbeginn viel Zeit und Mühe aufgewendet, Bekenntnisse zu formulieren, die bekunden, was wir gemeinsam glauben. Es gibt also lediglich einen christlichen Glauben.

Was Sie unter den "heidnischen Gebräuchen" der katholischen Kirche verstehen, ist mich unklar.

Denen, die mich nach der von Ihnen erwähnten "Schöpfungsordnung" fragen, antworte ich, dass unsere Aufgabe als Christinnen und Christen nicht ist, die Bibel Wort für Wort umzusetzen. Erstens ginge das gar nicht, denn die Bibel widerspricht sich selbst. Zweitens ist es vielmehr unsere Aufgabe, die Schrift auszulegen. Das hat bereits Jesus getan und alle, die sich nach ihm nennen, tun gut daran, ebenfalls die Aussagen der Bibel zu interpretieren. Maßstab dabei sollte in jedem Fall das doppelte Liebesgebot sein, das Jesus zitiert: "Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften«. Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (Lev 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese." (Mk 12,29-31)

Wenn man verantwortungsvoll mit der Bibel umgehen will, sollte man diese Gebote als den Schlüssel zur Bibellektüre nutzen. Wenn es Stellen gibt, die diesen beiden Geboten entgegenstehen, dann sind diese Stellen diesen Geboten untergeordnet. Gott hat sich nach christlichem den Menschen nicht in der Bibel offenbart, sondern die Bibel ist das Zeugnis der Offenbarung Gottes. Dieses Zeugnis zum Gesetzbuch zu machen widerspricht dem Grundsatz, dass sich Gott den Menschen endgültig in Jesus Christus offenbarte. Die Bibel verkündet vielmehr das Evangelium, die Frohe Botschaft von der Liebe Gottes.

Das hat nichts mit Beliebigkeit zu tun, sondern damit, dass wir gerade verantwortungsvoll reden und handeln. Die Bibel als Zeugnis gegen den Kern ihrer Botschaft auszulegen, ist ein viel willkürlicherer Akt.

Kollegiale Grüße

Frank Muchlinsky

Kommentare

Sehr hilfreich, Ihre Pointierung. Man kann sie sich gut merken, und man kann sich damit verteidigen, wenn einen jemand mit dem Buch in der Hand in die Ecke reden will.

"Gott hat sich nicht in der Bibel offenbart, sondern in Christus. Die Bibel ist Zeugnis seiner Offenbarung. Wir müssen sie auslegen."

Danke!

Zitat Luther: "Die Bibel legt sich selber aus".

Die Forderung des sola scriptura sollte dabei keineswegs zum Ausdruck bringen, dass nur der genaue Wortlaut der Heiligen Schrift für das Leben eines Christen ausschlaggebend sei, wie dies in der Neuzeit als Programm des christlichen Fundamentalismus formuliert wurde. Vielmehr ging es um die Frage, wer die Schrift recht auslegt. Nach der Vorstellung Luthers konnte dies nur durch die Schrift selbst geschehen, da sie "durch sich selbst" glaubwürdig, deutlich und ihr eigener Ausleger sei. Auch sollte nicht das Schriftstück Bibel sakralisiert werden, sondern das in ihm enthaltene Wort Gottes ständig neu zur Sprache kommen (viva vox werden). Bei diesem Vorgang sei der Mensch nur passiv – er empfange das unverfügbare Wort.

Damit diese Unverfügbarkeit nicht wiederum zur Willkür der Schriftauslegung führt, betonte Luther die "Mitte der Schrift". Diese Mitte liege in der Christusbotschaft, die somit der innere Maßstab der Schrift sei. Von hier aus sei es möglich, kirchliche Entscheidungen und sogar die einzelnen Schriften der Bibel zu kritisieren – je nachdem, ob sie „Christum treyben“, also das Evangelium den Gläubigen zuführen, oder nicht.

Hallo Herr Muchlinsky, woher wissen Sie so sicher, was der Maßstab für die Auslegung der Bibel tatsächlich sein soll? Als studierter Theologe wissen Sie sicher besser als ich, dass sich mit der Bibel auch mühelos jedes beliebige andere Welt- und Wertebild begründen lässt. Was im vermeintlichen Auftrag und Namen Ihres Gottes schon an Leid über die Menschheit gebracht wurde, ist Ihnen sicher auch bekannt. Welchen Wert kann ein Buch für die Menschen im 21. Jahrhundert haben, wenn es neben Nächstenliebe auch Völkermorde anordnet? Viele Grüße, Marc Niedermeier

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