Kleinkinder im Gottesdienst?

gestellt von Alexis am 23. September 2015
Ein Kleinkind blickt gelangweilt in die Kamera

Foto: epd-bild / Rolf Zöllner

Lieber Herr Muchlinsky,

 

meine Partnerin und ich haben eine kleine, fast 2 jährige Tochter. Bis vor kurzem habe ich noch mit einem Freund regelmäßig Gottesdienste besucht. Meine Partnerin und meine Tochter sind hin und wieder mal mitgekommen.

Seit ca. Ostern ist meine Tochter in den Gottesdiensten leider sehr aktiv und wir sind dadurch gezwungen, mit ihr hin und her zu gehen, da sie sonst quengelig wird, wenn sie immer im Buggy sitzen muss.

Mein Kumpel fühlt sich seit kurzem leider durch meine Tochter im Gottesdienst gestört und sagt, dass er sich nicht auf die Predigt konzentrieren kann, wenn wir auf und ab laufen und kommt seitdem nicht mehr mit uns zum Gottesdienst, es sei denn, meine Partnerin und meine Tochter bleiben zu Hause, was mein Kumpel auch gefordert hat.

 

Das Problem ist, dass wir leider fast keinen Babysitter haben. Die Oma kann nicht mehr aufpassen und unsere Freunde sind quer durch die ganze Stadt verteilt. Wir sehen das allerdings auch nicht wirklich ein, unsere Tochter abzuschieben und quer durch die ganze Stadt zu fahren, nur damit mein Kumpel und eventuell auch andere den Gottesdienst genießen können. Jesus hat ja selber gesagt, dass man die Kinder zu ihm kommen lassen soll.

Uns hat das Verhalten des guten Freundes ein wenig verletzt.

Und nun die Frage an Sie: Hat unser guter Freund doch recht oder sollen wir sie weiterhin mitnehmen? Wie gehen Sie als Pastor mit Kleinkindern im Gottessdienst um? Und wie sollte man sich mit einem Kleinkind im Gottesdienst am besten verhalten?

 

Ich freue mich auf Ihre Antwort.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Alexis

Lieber Alexis,

 

Zunächst einmal finde ich es schön, dass Sie und Ihre Partnerin gern gemeinsam in den Gottesdienst gehen. Ich weiß, wie gut es tut, sich anschließend über den Gottesdienst unterhalten zu können. Dass Sie Ihre kleine Tochter ebenfalls mitnehmen, ist nur allzu verständlich, wenn Sie niemanden haben, der sich um sie kümmern könnte. Nun weiß ich ebenso, dass es für zweijährige Kinder ausgesprochen unattraktiv ist, in einem Buggy sitzend einem Gottesdienst beizuwohnen. Es gäbe ungefähr zehntausend schönere Sachen zu tun. Darum verstehe ich die Quengeligkeit Ihrer Tochter ebenfalls ausgesprochen gut. So weit also zu Ihrer Seite des Problems.

Ihren Kumpel oder Freund kann ich insofern auch gut verstehen, als dass er vermutlich arge Schwierigkeiten hat, sich auf den Gottesdienst einzulassen der der Predigt zu folgen, wenn in seiner Nähe eine Unruhe ist, die ihn ablenkt. Nicht verstehen kann ich allerdings, dass Ihr Freund deswegen gleich fordert, Ihre Freundin und Ihre Tochter mögen doch gänzlich zu Hause bleiben. Ich kann mir vielmehr vorstellen, dass Sie zu einem Kompromiss kommen könnten.

 

Ich kenne Ihren Kirchraum nicht, aber ich könnte mir vorstellen, dass Ihr Kumpel sich eher nach vorn setzt, während sie mit Partnerin und Tochter eher hinten Platz nehmen. Wenn die Kleine unruhig wird, könnte Ihre Partnerin doch im hinteren Bereich mit ihr herumgehen, ohne dass Ihr Kumpel gestört würde, oder? Und wenn sie tatsächlich laut wird, nun dann sollte es die Rücksichtnahme gebieten, dass entweder Sie oder Ihre Partnerin mit der Kleinen für so lange hinausgeht, wie sie lauthals quengelt. Als Pastor kann ich Ihnen versichern, dass es auch ausnehmend schwierig ist, sich auf eine Predigt zu konzentrieren, wenn sich ein Kind lautstark langweilt.

Wie gesagt, ich verstehe, dass Sie das Verhalten Ihres Freundes verletzt hat, weil er Sie gebeten hat, dem Gottesdienst gänzlich fern zu bleiben. Vielleicht können Sie ihm sagen, dass Sie das verletzt hat, und Sie kommen ihm gleichzeitig ein wenig entgegen, indem Sie gemeinsam nach einem geeigneten Kompromiss suchen.

 

Wie gesagt, Sie zeigen Rücksicht, wenn Sie mit Ihrer Tochter den Raum so lange verlassen, wie sie sich sichtlich und hörbar unwohl fühlt – auch gegenüber den anderen Gottesdienstbesucherinnen und –besuchern. Ja, und auch dem Pastor gegenüber. Aber verstehen Sie das bitte nicht als Ausladung, sondern nur als Bitte um Rücksichtnahme. Vielleicht können Sie auch Ihren Pastor ansprechen und ihn fragen, ob man zu einer generellen Lösung kommen kann. In einigen Kirchen gibt es Speilecken für Kleinkinder. Vielleicht ist so etwas ja auch bin Ihnen in der Gemeinde möglich.

 

In jedem Fall wünsche ich Ihnen, dass Sie zu einem guten Ergebnis kommen, denn es wäre ja wirklich schade, wenn Sie oder Ihre Partnerin – oder auch Ihr Kumpel – nicht in den Gottesdienst gehen könnten.

 

Herzliche Grüße

Frank Muchlinsky

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Kommentare

Lieber Herr Muchlinsky,

zunächst einmal vielen Dank für die nette Antwort!

Wir hatten mit unserem Freund, den ich immer noch als Freund bezeichne, ja schon genau diesen Kompromiss geschlossen, den Sie vorgeschlagen haben. Aber unser Freund hat sich an diesen Kompromiss nicht gehalten. Er fühlt sich gestört, wenn wir mit ihr im hinteren Teil der Kirche hin und her laufen.

Und selbstverständlich gehen wir mit ihr auch raus, wenn es überhand nimmt, also wenn sie zu sehr aufdreht oder quengelig wird. Glauben Sie mir, uns ist das mehr als unangenehm, wenn die kleine quengelig wird.

Liebe Grüße

Alexis

Ich stell mir das lustig vor, wenn der Pastor vorne auf der Kanzel predigt und Ihr Kleinkind die ganze Zeit unter der Kanzel hin-und herspringt und "Blablablablabla...." blabbert. Wo steht denn geschrieben, dass in der Kirche Grabesruhe herrschen muss?

Alternativ könnte man seinem Kleinkind das Gesangbuch zum spielen geben, zum rumblättern - nicht zum zerrupfen! Das knistert und es macht Spaß - aber irgendwie auch Lärm + Krach!

Vielleicht einfach einen kleinen Rucksack mitnehmen mit knusprigen Bio-Reiswaffeln und Holz-Bausteinen samt Schnulli, so kann das Kleinkind eine Stunde lang im Rucksack ganz still + leise rumkruschteln und sich beschäftigen. Die meisten Kinder lieben es allerdings, die Holzbauklötze gaaaanz hoch zu heben und dann die Steine gaaaaanz langsam aufs kirchliche Laminat prasseln zu lassen...

Ein singendes Kuscheltier während dem Gottesdienst? Hab mir sagen lassen, dass Babyspielzeug die Dezibelzahl von einem startendem Flugzeug hat! Dem Pfarrer zuliebe also bitte zu Hause lassen!

Ich meine, wenn der Gottesdienst für alle Anwesenden nicht nervtötend sein soll, würde ich einfach den Tipp des allerbesten Freundes akzeptieren. Er meint`s wirklich nur gut!

Liebe Gästin,

das ist genau der Punkt.

Meine Partnerin und ich sehen es einfach nicht ein, auf den Gottesdienst zu verzichten, nur weil sich der eine oder die andere gestört fühlt. Für uns ist der Gottesdienst eine Familienveranstaltung. Davon mal abgesehen, kommt meine Partnerin vielleicht, wenns hoch kommt, 1 - 2 mal im Monat mit in den Gottesdienst. Und das ist ja nun wirklich verkraftbar. Davon mal abgesehen, lernt unsere Tochter so spielerisch den Gottesdienst kennen und wächst in die Gemeinde hinein.

Und glauben Sie mir: 1. schadet es ihr nicht, 2. machen es diverse andere Familien genauso.

Liebe Grüße

Inzwischen ist die Anfrage ja schon länger her, das Kind wahrscheinlich schon ein Profi im Gottesdienst.

Für die, denen es ähnlich geht:
Wäre es nicht eine Möglichkeit, den Pfarrer oder den Kirchenvorstand einmal anzusprechen, ob sie nicht Möglichkeiten schaffen können, die dem Kind den Aufenthalt erträglicher machen? Oder die sie anregen, mal über eine Kinderbetreuung während der Gottesdienste nachzudenken?

Wir haben in unseren Dorfkirchen einfach Spielecken eingerichtet. Entweder in einer Nische oder abgegrenzt mit Paravents, die etwas den Hall der hohen Kinderstimmen dämpfen. Dort liegen Puzzle- und Legespiele aus, Stifte zum Mahlen, Stempel, gibts außerdem eine "Chill-Ecke" wo sich die Kinder hinkuscheln können, einen Sternenhimmel oder bunte Lichter sehen, außerdem eine Spiel-Arche mit biblische Erzählfigürchen. Interessante Sachen halt, die sich nicht unbedingt im Kinderzimmer finden und die möglichst wenig Lärm machen.
Unsere Erzieherinnen im Kiga haben außerdem eine kleine Broschüre erstellt, mit Tipps, wie die Eltern Krabbel- und Kleinkinder durch den Gottesdienst lotsen und ins Gottesdienstgeschehen mit einbeziehen. Z.B. das Kind beim Beten auf den Arm nehmen und ihm das Vaterunser ins Ohr flüstern oder sich gemeinsam als Familie an den Händen fassen.

Anstrengend wirds für mich als Pfarrerin übrigens nicht wegen brabbelnder Kinder. Sondern erst, wenn die Eltern oder Gottesdienstbesucher Scham- oder Fremdscham-Vibes aussenden und immer nervöser werden. Was dann natürlich das Kind noch puscht, denn die spüren das ja auch. Dann wird bei den Erwachsenen gehüstelt und mit den Füßen gescharrt und mit den Augen gerollt, was dann mich auf der Kanzel auch irritiert.
Ein erfahrener Prediger und jemand der Kinder mag, redet von der Kanzel ein "störendes" Kind auch mal an und versucht es einzubeziehen. Es reicht schon, das Kind ab und an mit Namen anzureden, damit es merkt, ich gehöre auch dazu und jemand interessiert sich. Einmal hat sogar ein Kind unter meinem Talar Verstecken gespielt und saß zwischen meinen Füßen. Dieses Jahr hab ich's konfirmiert und es kommt immer noch mit seinen Eltern.

Liebe Pfarrerin,

vielen Dank für Ihre Tipps! Wenn wir merken, dass es nicht mehr geht, gehen wir mit den Kindern nach draußen. Und Spielecken sollte es in jeder Kirche geben.

Lieber Alexis,
die Diskussion um Kinder im Gottesdienst gibt es wohl in allen Gemeinden hin und wieder, wenn nicht gerade eine Kinderbetreuung bzw. Kindergottesdienst angeboten wird. Ich gehe gern und häufig in den Gottesdienst. Obwohl ich selbst keine Kinder habe, dafür aber ein sehr lebhaftes Patenkind, war für mich ein riesiger Sympathiefaktor in meiner jetzigen Kirchengemeinde, wie hier mit Kindern im Gottesdienst umgegangen wird. Es gibt Malbretter, größere Kinder werden möglichst miteinbezogen und nahezu nie reagiert die Gemeinde genervt. Ein lauthals quengelndes Kind direkt vor der Kanzel während der Predigt habe ich noch nie erlebt, das wäre vermutlich allen Eltern zu unangenehm. Was ich sagen will: Kinder gehören wie alle anderen Altersstufen in einen Gottesdienst und mit der von Ihnen geschilderten Rücksichtnahme sehe ich überhaupt kein Problem dabei. Im letzten Gottesdienst rief mein Patenkind übrigens so fröhlich "Amen", dass der Pastor den Schwung übernahm und alle Erwachsenen schmunzeln mussten. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie weiterhin schöne Gottesdienste!

Liebe Andrea W.,

vielen Dank für Ihre Worte! Wir sehen das genauso. :-)

Hallo - unsere drei inzwischen erwachsenen Kinder sind seit Ihrer Geburt mit zur Kirche gekommen. Unsere Erfahrung damit waren absolut positiv. Unsere Gemeinde kannte die Kinder, dank des anschließenden Kirchkaffees :-) und wir Eltern haben ernsthaft, gelassen, fröhlich Gottesdienst gefeiert. Die Kinder kannten den Ablauf, liebten den Gesang und das Orgelspiel und hielten während der Predigt auch schonmal ein Schläfchen.Tatsächlich gab es außer dem Gesangbuch und dem Schoß keine Spielmöglichkeiten oder andere Bestechung. Sie haben erlebt, wie wir Eltern den Gottesdienst gefeiert haben und es uns nachgemacht. Aufstehen und hinsetzen, Hände falten, alles lernten sie spielerisch...auf die Frage: Mama warum machst du die Augen zu, schläfst du? gab es eben erst beim nächsten Lied eine kurze geflüsterte Antwort, denn beim Beten wollte ich das nicht diskutieren. Unsere total normale Gemeinde hat das mit Bravour gemeistert. Unsere Kinder hatten einen durchaus hohen Bewegungsdrang und einen festen eigenen Willen, aber die Stunde Gottesdienst war für uns alle eine Ruhephase an einem Sonntag, der gerne schonmal um halb sechs angefangen hatte. Die Kinder sind auch hinten mal hin und her gelaufen, wir haben immer am Gang gesessen...das ist dann coolness bei den Eltern angesagt. Gelernt haben sie viel: Tatsächlich haben sie zu Hause gerne in ihrern Rollenspielen Gottesdienst gefeiert. Unsere Tochter war Organistin und Taufmutter, ihr Bruder der Pastor (mit einem alten Lexikon als Liederbuch - bestimmt wegen des roten Einbandes) und es wurde gerne immer Lied B 52 gesungen. Der Kleinste war der Täufling oder die Gemeinde. Eine durchweg positive Erfahrung, von der ich gerne berichte...bitte gehen Sie als Eltern und bitte auch mit Kindern in den Gottesdienst und feiern sie ihn!

Für Eltern mit Kleinkindern ist es immer schwierig bei allen öffentlichen Veranstaltungen. Nur ausgerechnet im Gottesdienst sollte für mehr Toleranz und Akzeptanz geworben werden. Auch in unserer Kirche gibt es eine Malecke, die allerdings nur funktioniert, wenn ein Erwachsener dabeibleibt. Es gibt auch einen Kindergottesdienst in einem Nebenraum, der natürlich nur für Kinder geeignet ist, die groß und mutig genug sind, ohne Eltern mitzugehen.
Als ich einmal mit Baby, Kleinkind und Klein-Cousin und -Cousine allein in einen Gottesdienst ging und alle vier Kinder sehr ruhig waren - ich habe ihnen immer zugeflüstert, was passiert, Bildebücher parat gehabt und letztendlich auch was zu knabbern gegeben - wurde ich am Ende von einem älteren Ehepaar angesprochen. Ich dachte schon, um die Kinder für Ihre Geduld zu loben. Leider nein. Es gab so richtig Gemecker, dass das unmöglich ist mit kleinen Kindern im Gottesdienst, und dies sei ja nun wirklich nicht der Ort zum Essen. Ich bin dann erstmal für lange Zeit nicht mehr in die Kirche gegangen.

Hallo Alexis, hallo *,
sehr interessante Diskussion. Und auch aus meiner Sicht (als Presbyter) können wir um jede Familie sehr froh sein, die den Weg mit Ihren Kindern in die Kirche findet: Kinder gehören dazu! Kinder sind unsere Zukunft - und die Zukunft der Kirche!

Und wenn es wegen der Geräusche und der Bewegung Konflikte gibt, sollte sich das mit Pfarrer(-in), Presbyterium und Gemeinde klären lassen. Aus eigener Erfahrung: einfach den Kontakt suchen, da findet sich sicherlich eine gute Lösung. Und sicherlich eine bessere, als einen Freund zu verlieren - oder das Ihre Gemeinde Sie (oder "Teile" Ihrer Familie) verliert!

Aber noch ein kleiner Hinweis: Ältere bzw. Schwerhörige haben wohl ein anderes oder eingeschränktes Sprachhören. Da werden Kinder leider oft anders (lauter? störender?) empfunden als von den Eltern selbst, die ja meist auch einiges mehr von Ihrem Kind gewöhnt sind und mehr Toleranz haben...

Viele Grüße und gutes Durchhalten - nicht den Kopf in den Sand stecken!
Uwe Furchheim

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