Hat die Kanzlerin die Flüchtlinge eingeladen?

gestellt von Dr. Klaus Brink, Bad Soden am Taunus am 11. November 2015

Sehr geehrter Herr Pfarrer Lilie,

Ihr Interview in Chrismon (Ausgabe 11-2015) fordert zu Widerspruch und Kommentar heraus. Sie sagen, die Kanzlerin habe das „Signal nicht ausgesendet“. Offenbar haben das dann 800.000 falsch verstanden. Tatsächlich hat sie diese „Einladung“ öffentlich dargestellt. Der österreichische Außenminister sagte gerade, die „Einladungspolitk“ müsse ein Ende haben. Und wer bitte hat da "eingeladen", wenn nicht Merkel? Sie sagen, es sei keine gute Idee, mit Zäunen zu reagieren. Dann ist es eben eine schlechte Idee. Aber unser Staatsgebilde, sagen wir besser: ein Staatsgebilde, denn Merkel hat gerade für unseres verkündet, daß es keine Grenze mehr habe, muss eine Grenze haben. Und Grenzen müssen geschützt werden. Diese sind zu sichern gegen illegal einfallende Menschen aus anderen Staaten. Sie sagen, Deutschland sei „mit seinem Wohlstand“ eine „Insel der Seligen“. Danke! Wir, meine Frau und ich, haben als Selbständige ca. 30-40 Jahre für unseren Wohlstand hart gearbeitet (entschuldigen Sie das anmaßende Adverb „hart“). Mit einem Male kommt aber meine Kirche, die an meinem Umsatz per Kirchensteuer satt beteiligt war und ist, daher und sagt mir, ich sei zu wohlhabend, ich müsse Opfer bringen, da ich auf einer Insel der Seligen lebe. Das ist eine Beleidigung meines und meiner Frau‘ Arbeitsleben. Sie hatte eine Steuerkanzlei, dabei ca. fünf Halbtagsmütter beschäftigt. Und wenn diese sich einfach abmeldeten, weil die Kinder unpäßlich waren, hat sie deren Arbeit – die bekanntlich nicht liegenbleibt – selber gemacht. Und ich bin 30 Jahre „durch die Welt gegondelt“, wie man so schön sagt. Als Berater, in DE, AT, USA, UK etc. Sagt Ihnen SAP etwas? OK. Dann wissen Sie, daß solche Projekte nicht in den hohlen Bauch ziehen; daher auch eine Unterschenkelvenen-Thrombose bei mir. Und bei meiner Frau ein Schlaganfall jetzt im August. Danke nochmal für Ihre Ortung, daß wir „Wohlhabenden“ auf einer „Insel der Seligen“ leben. Ganz herzlichen Dank - hatte es selber noch gar nicht bemerkt. Dann schieben Sie uns Deutschen die Schuld in die Schuhe, wir seien „Teil des Problems“. Wir würden den Klimawandel verursachen. Tatsächlich, das tun wir. Weil wir die AKW abschalten und die wegfallende Grundlast durch Kohle und Gas ersetzen (AKW sind bekanntlich klimafreundlich, weshalb der Rest der Welt diese eben nicht abschaltet). Aber wegen des Klimawandels kommen derzeit nicht Zehntausende täglich über unsere Grenze. Schweifen Sie bitte nicht ab. Das ist zu billig! Nebenbei: unsere Kirchen haben plump für den „Ausstieg“ plädiert - und damit der Klimaverschlechterung nach geholfen. Sie schlagen Orte vor, „bis ihr Verbleib endgültig geklärt ist“. Genau das will Seehofer: Transitzonen. Aber die SPD will das nicht. Zum Schluß. Was erwartet meine, die ev., Kirche vom Zustrom von nun 1 Millionen Flüchtlingen dieses Jahr und – nach Rechnungen eines Bayrischen Landrats bis zu 10 Millionen Menschen (nachkommende Familienangehörige) - zukünftig aus islam-gläubigen Ländern? Welchen Vorteil, Nutzen, was auch immer, werden unsere Kirchen davontragen? Ich sage es Ihnen: Keinen. Keinen. Außer daß sich die Kirchenoberen in Gutmenschentum präsentiert haben. Keinen einzigen Gläubigen werden Sie in unseren Kirchen zusätzlich finden. Umgekehrt: unsere Kirchen werden zurückstecken müssen in der Verkündigung ihres Glaubens. Warum dieses? Weil es hinfort nicht mehr opportun und politisch genehm ist gegenüber dann ca. 10-20 Millionen (die die schon immer da sind, und die die jetzt gekommen sind, und die die noch kommen werden) Islamgläubigen die dominanten christlichen Kirchen zu spielen. Unsere Kirchen werden keinen Nutzen haben von diesen Flüchtlingen. Ja, sie werden die eigenen Gläubigen vernachlässigen müssen, um sich, wie es schon geschieht, hauptsächlich mit der Unterbringung von Flüchtlingen anderen Glaubens zu befassen. Unsere Kirchen sollte das Maß ihres Engagements in der Flüchtlingskrise sehr wohl dosieren. Sie sollten sich, bissig gesagt, auch mal um die eigenen Gläubigen kümmern. Nicht umsonst sind die Kirchen nur zu einem Fünftel (so meine höfliche Schätzung) gefüllt. Und jetzt sage ich Ihnen – auch sehr emotional – weshalb unsere Kirchen leer sind. Weil nämlich die Damen und Herren Pfarrer, und die Damen und Herren auf der höchsten ev. Kirchenebene sich mit anderen Dinden befasen als den christlichen Glauben standhaft zu vertreten. Die ev. Kirche ist gerade dabei, sich via Luther-Beauftrage Käßmann, für die Existenz Luthers zu entschuldigen. Ich mag gar nicht an 2017 denken, was dann über unseren armen Kirchenreformator herein brechen wird. Nun wirklich Schluß: Ihr Interview hat mich klarerweise geärgert. Wir, die wir nicht „amused“ sind darüber, daß die Merkel die Flüchtlingsschleusen geöffnet hat, werden nun von Schreibern wie Ihnen als „Wohlhabende“ stigmatisiert, die auf einer „Insel der Seligen“ leben. Besser gesagt: gelebt haben. Denn es wird niemals wieder solch ein Deutschland geben (so wohlhabend und so inselselig) wie vor dem Öffnen der Schleusen. Auch die Kirchen werden den Gürtel enger schnallen müssen und werden nicht mehr das Geld für unsinnige Bibelneuübersetzungen aus dem Fenster schmeißen können. Bitte um Nachsicht, wenn ich mancher Belang übers Ziel hinaus geschossen haben sollte. Sie wissen selbst, was Sie daraus zu entnehmen haben. Schließlich stammen Sie aus der großen Kirchen-Dynastie Lilie, deren Namen ich schon als Kind von meiner Großmutter hörte. Wir kommen aus einem Dorf in Ostwestfalen.

Mit freundlichen Grüßen Dr. Klaus Brink, Bad Soden am Taunus

Sehr geehrter Herr Dr. Brink,

zunächst wünsche ich Ihnen und Ihrer Frau schnelle Genesung und wünsche Ihnen dazu beste medizinische Versorung und Gottes Segen!

Sie vermuten, das Frau Dr. Merkel die Flüchlinge eingeladen hat, und dass darum so viele Menschen bei uns in den letzten Monaten Asyl oder Schutz gesucht haben. Diese Auffassung teile ich nicht oder nur sehr eingeschränkt. Hätte die Bundeskanzlerin nach den dramatischen Zuständen an der ungarischen und österreicheischen Grenze nicht gehandelt, wären mit Sicherheit viele, viele Todesopfer unter den Flüchltingen zu beklagen gewesen. Gott sei Dank hat Frau Dr. Merkel hier sehr verdienstvoll dafür Sorge getragen, dass es neben den skandalös vielen Toten im Mittelmeer nicht zu weiteren Todesopfern auf dem europäischen Kontinent wenige Kilometer vor unseren Grenzen gekomen ist. Die Flüchtlinge kommen aber nicht wegen einiger Selfies der Kanzlerin, sondern weil sie in ihren Heimatländern massivsten Menschenrechtsverletzungen und gewalttätiger Verfolgung ausgesetzt sind und weil die Situation in Flüchtlingslagern rund um Syrien (und auch in der Türkei) sich im Laufe des Jahres 2015 dramatisch verschlechtert hat. Zuletzt standen hier für jeden Flüchtling pro Tag nur noch 13 Cent zur Verfügung, nicht zuletzt darum, weil die UN -Beitragszahler ihre Beiträge nicht an den UNHCR - die Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen - gezahlt haben. Da kann man schon von Verantwortung und von Schuld sprechen, oder? Denn viele Flüchtende blieben viel lieber in sicheren Lagern in der Nähe ihrer Heimat, als wegen katasrophaler Zustände in den Lagern mit kleinen Kindern oder alten Menschen die lebensgefährliche Flucht über das Mittelmeer oder in tödlichen LKWs antreten zu müssen.

Selbstverständlich braucht Europa sichere Grenzen und selbstverständlich müssten die Flüchtlinge in ganz Europa gerecht und das heisst nach der Leistungsfähigkeit der Staaten verteilt werden. Aber in einer globalisierten und vernetzten Welt, als IT - Fachmann wissen Sie sicher, wovon ich spreche, kann man solche Herausforderungen eben nicht durch Zäune lösen (am 3. Oktober haben wir der Untauglichkeit von Mauern und Zäunen zur Lösung von Menscheitsproblemen gerade gedacht). Sehr viel sinnvoller sind jetzt europäisch und weltweit abgestimmte Bemühungen zur schnellen Beendigung des furchbaren Krieges in Syrien, in dem auch mit deutschen Waffen geschossen wird. Nur wenn dieser Krieg beendet  und die Situation in vielen Staaten Nordafrikas wieder sicherer und unter humanitären Gesichtspunkten stabiler wird, wird ein großer Teil der Flüchtlinge nicht mehr den Leben rettenden und zugleich lebensgefährlichen Weg nach Europa suchen müssen. Wir müssen die Fluchtursachen und nicht die Flüchtlinge bekämpfen! Weltweit sind 70 Millionen Menschen wegen Klimaveränderung, bewaffneten Konflikten oder massiven Menschenrechtsverletzungen auf der Flucht, nur ein Bruchteil von ihnen gelangt nach Europa.

Und übrigens, lieber Herr Dr. Brink, in Deutschland leben aktuell etwa 4, 5 Millionen Muslime( ca. 5,5 % der Gesamtbevölkerung) friedlich mit ca. 59 Millionen Christen und 28 Millionen Konfessionslosen zusammen. Die Zusammensetzung unserer Bevölkerung ändert sich, das ist richtig und in einer globalisierten Welt in einem Einwanderungsland Deutschland nicht zuletzt wegen des demographischen Wandels durchaus auch wünschenswert . 10 - 20 Millionen Muslime werden aber weder in absehbarer noch in mittelfristiger Zukunft in Deutschland leben. Allen in Deutschland Lebenden - Rechtsextremen genauso wie radikalen Islamisten - gilt es unsere erkämpfte und keinesfalls selbstverständliche Werteordung deutlich zu machen. Und in diesem Punkt stimme ich Margot Käßmann zu:  " Man fürchtet sich vor vollen Moscheen, wenn man unsere leeren Kirchen sieht."

"Mit vollen Kirchen nimmt die Furcht ab und das Gottesvertrauen zu." - das hat ein Verfassungsrechtler von Rang, Prof. Dr.. Dr. Fabio dieser Tage auf der letzten EKD - Synode gesagt.

Ich wünsche Ihnen einen guten Sonntag!

Ihr

Ulrich Lilie

Kommentare

Zitat " 10 - 20 Millionen Muslime werden aber weder in absehbarer noch in mittelfristiger Zukunft in Deutschland leben " ? Träumt weiter . Wo sollen Sie denn ihren Weg finden ? Neue , alte Heimat ? Gesellschaft , Staat ? Besser einen Traum als keinen Traum !

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