Was glaubt die Griechische Evangelische Kirche?

gestellt von Alexis am 16. April 2016

Lieber Herr Muchlinsky,

mit großem Interesse habe ich den Artikel über die Griechische Evangelische Kirche gelesen. Als Grieche ist das für mich sehr spannend, dass es in einem Land, wo 96 % der Griechen Griechisch-Orthodox sind, eine Evangelische Kirche gibt.

Auf Wikipedia steht, dass sich die Griechische Evangelische Kirche auf das Westminster-Bekenntnis beruft. Was genau sagt dieses Bekenntnis aus? Des Weiteren steht im Wiki, dass die Kirche eine konservative Theologie vertritt.

Dieser Begriff ist für mich sehr schwammig. Was kann man sich denn unter einer konservativen Theologie denn vorstellen? Heißt das, dass diese Kirche eher traditionell oder doch eher evangelikal ist?

Ich freue mich auf Ihre Antwort und grüße Sie herzlich!

Ihr Alexis

 

Lieber Alexis,

 

die Griechische Evangelische Kirche (Ελληνική Ευαγγελική Εκκλησία, EEE) ist in der Tat eine besondere. Ich habe mich auch erst aufgrund Ihrer Frage mit der Geschichte und der Theologie dieser reformatorischen Kirche bekannt gemacht. Wie ich es verstehe, ist die GEK eben eine reformierte griechisch-orthodoxe Kirche, anstelle einer reformierten römisch-katholischen. Damit meine ich, dass man sich einerseits (wie die reformierten Kirchen im Westen) an der Bibel als oberster Autorität orientiert (also nicht an "menschlichen" Autoritäten). Darum orientiert sich die GEK an dem Westminster Bekenntnis von 1647, in dem die eindeutige Autorität der Heiligen Schrift ausführlich dargelegt wird. (Zum Nachlesen gibt es das Bekenntnis auch in übersetzter und kommentierter Form hier.) Ebenfalls eine große Rolle spielt – in dem Westminster Bekenntnis wie in der Entstehung der EEE – die Forderung, die Bibel müsse in die jeweilige Volkssprache übersetzt werden. Das wiederum geht darauf zurück, dass die EEE aus griechisch-stämmige Missionare aus den USA zurückgeht, die anscheinend Presbyterianer waren, die sich auf das Westminster Belenntnis beziehen.

 

Auf der anderen Seite ist die EEE ausgesprochen nah an den Ostkirchen, also an den orthodoxen. Das gilt vor allem für die Verwendung des Nicänischen Glaubensbekenntnisses anstelle des Apostolischen. Das "Nicänum" wird in den westlichen Kirchen zwar auch gesprochen (vor allem zu großen Festen), allerdings gibt es im Westen einen Zusatz, der im Osten auf jeden Fall weggelassen wird: Es geht dabei um die Frage, ob der Heilige Geist aus Gott allein hervorgeht, oder auch aus Jesus Christus. Man nennt diesen Streit nach der lateinischen Formulierung den "Filioque-Streit". In diesem Fall hält sich die EEE an die orthodoxe Version, also ohne den Zusatz "und dem Sohn".

 

Theologisch gesehen ist die EEE darum "spannend", weil sie sich aus zwei Kirchen speist, die weit auseinander liegen: Man orientiert sich an der orthodoxen Kirche, die sich eins von der westlichen (also von Rom) trennte, und man orientiert sich an der Theologie der Reformierten Kirche, die sich Jahrhunderte später ebenfalls von Rom trennte. Das Konservative an der EEE bedeutet, dass sie an ihren Traditionen und ihrer Theologie festhält. Evangelikal ist sie nicht zu nennen.

 

Zum Schluss möchte ich noch einmal auf den Artikel hinweisen, den Sie zitieren, denn es ist eine ausgesprochen wichtige Eigenschaft der EEE, dass sie sich diakonisch engagiert, eben auch für die Flüchtlinge, die in Griechenland landen.

 

Herzliche Grüße!

Frank Muchlinsky

Kommentare

Lieber Herr Muchlinsky,

vielen Dank für diese informative Antwort!

Hallo, Herr Muchlinsky,

Ich habe nun endlich mal an einem Gottesdienst der Griechischen Evangelischen Kirche beigewohnt und bin dort auf sehr nette Menschen gestoßen, die mich mit offenen Armen empfangen haben.

Da der hauptamtliche Pastor der Gemeinde im Urlaub war, hat ein Mitglied des Presbyteriums den Gottesdienst geleitet. Ich war etwas irritiert, dass weder ein Glaubensbekenntnis noch das Vater Unser gebetet wurde. Auch auf das Abendmahl wurde verzichtet.

Ist das so üblich oder ist dort ein Liturgie-Fehler unterlaufen?

Das ist in der Tat ungewöhnlich. Ein Gottesdienst ohne Glaubensbekenntnis und Vaterunser geht nach unserem (deutschen) evangelischen Verständnis eigentlich gar nicht. Vielleicht liegt es daran, dass der leitende Presbyter der Meinung war, das sei zu heilig, als dass er es anleiten könne. Könnte er aber, wie gesagt, nach unserem Verständnis schon.

Das vermute ich auch ganz stark, es würde sonst nicht zur gelehrten Theologie der EEE passen. Ansonsten hat mir der Gottesdienst sehr gut gefallen. Predigttext war APG 11, 19 - 30. Neben dem Gesangbuch fand man auf jedem Platz auch die Bibel. Was mir berichtet wurde war, dass das Abendmahl auf den Bänken ausgeteilt wird.

In der Remberti-Gemeinde in Bremen wird bewußt auf das Glaubensbekenntnis verzichtet (wie nachzulesen auf deren Seiten im Internet). Ist diese Gemeinde dann nicht evangelisch im engeren Sinne?

Lieber Jochen,

vielen Dank für den Hinweis. Ich muss tatsächlich meine Sicht der Dinge korrigieren. Es gibt durchaus verfasste evangelische Gemeinden in Deutschland, die das Glaubensbekenntnis nicht im Gottesdienst sprechen. Die Remberti-Gemeinde in Bremen ist ein Beispiel dafür. Da die Bremische Kirche es ihren Gemeinden freistellt, sich eine eigene Verfassung zu gebe, kann der Konvent dieser Gemeinde tatsächlich beschließen, das Apostolische Glaubensbekenntnis nicht zu sprechen und hat das auch getan, weil es darin Passagen gibt, von denen der Konvent sagte, man könne ihn in dieser Gemeinde nicht guten Gewissens sprechen.

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