Ist die Einheitsübersetzung ökumenisch?

gestellt von Susanne am 20. September 2016

Hallo Herr Muchlinsky,

ich habe gerade, hier auf der Seite von evangelisch.de einen Artikel gelesen, den ich nicht so recht nachvollziehen kann. Die Überschrift lautet: "Katholische Bischöfe stellen Einheitsübersetzung der Bibel vor." In dem Artikel steht folgendes: Zitat: "Bisher waren die Psalmen und das Neue Testament zusammen mit der evangelischen Kirche verantwortet worden, jetzt wird es aber keine evangelisch-katholische Übersetzung mehr geben. Die evangelische Kirche hatte sich zurückgezogen und das damit begründet, dass nach vatikanischen Vorschriften auch für eine ökumenische Bibelübersetzung eine "katholische Identität" verlangt werde."

Was hat das zu bedeuten? Ist da nicht, ökumenisch gesehen, ein "Rückwärtsgang" eingeschlagen worden? Herzliche Grüße Susanne

Liebe Susanne,

 

tatsächlich erscheint im Dezember diesen Jahres – nur zwei Monate nach der neu revidierten Lutherbibel eine Revision der sogenannten Einheitsübersetzung erscheinen. Und es stimmt auch, dass die bisherige Einheitsübersetzung unter evangelischer Beteiligung entstanden ist – zumindest die Psalmen und das Neue Testament. Als die Einheitsübersetzung 1979 veröffentlicht wurde, war man sowohl auf evangelischer, vor allem aber auf katholischer Seite ausgesprochen froh gestimmt, dass es gelungen war, eine solche Bibel herauszugeben. Allerdings war auch damals schon die Einheit, die im Namen Einheitsübersetzung enthalten ist, nur eine katholische Einheit. Der Name entstammt der Tatsache, dass hier eine "einheitliche" Bibelübersetzung für alle deutschsprachigen (katholischen) Diözesen entstand. Für die evangelische Kirche war weiterhin die Lutherbibel maßgeblich.

 

Der eigentliche Bruch erfolgte allerdings erst bei der Arbeit an der Revision, die jetzt im Dezember auf den Markt kommen wird. Ein großes Problem für die Mitwirkung der evangelischen Kirche war, dass sich Anfang diesen Jahrhunderts das ökumenische Klima sehr deutlich abkühlte. Die Erklärung der römischen Kongregation für Glaubenslehre "Dominus Jesus", die 2000 maßgeblich von dem späteren Papst Joseph Ratzinger verfasst wurde, bezeichnete die evangelischen Kirchen nicht als Kirchen, sondern lediglich als kirchliche Gemeinschaften. Das führte natürlich zu Spannungen im gesamten ökumenischen Prozess. 2003 veröffentlichte die (katholische) Deutsche Bischofskonferenz nun eine Pressemitteilung über die begonnene Revision der Einheitsübersetzung. In dieser Pressemitteilung hieß es: "Seit rund 25 Jahren gibt es die deutsche Einheitsübersetzung der Bibel. Wir haben jetzt eine Überarbeitung beschlossen ... Die Psalmen und das Neue Testament werden in bewährter ökumenischer Zusammenarbeit von evangelischen und katholischen Experten überarbeitet... Bei der Überarbeitung gelten die Normen für die Übersetzung der Heiligen Schrift und für die Erstellung der Lektionaro (Liturgiam authenticam 34-45)." Die hier genannten Normen waren es, die das gemeinsame Projekt der Revision der Einheitsübersetzung scheitern lassen mussten, denn sie besagen, dass jegliche von den Experten verfasste Übersetzung durch den Vatikan anerkannt werden muss. Da wollte die EKD nicht mehr mitgehen und brach die Zusammenarbeit 2005 schließlich ab.

 

Sie sehen also: Es war in der Tat, ökumenisch gesehen, ein Rückwärtsgang, der eingelegt wurde. Man muss freilich auch sagen, dass die Übersetzung der Bibel ins Deutsche durch Martin Luther auch immer schon evangelische Identität gestiftet hat. "Unsere" Lutherbibel gilt nach wie vor als das, was die evangelische Kirche vereint. Protestantinnen und Protestanten haben darum insgesamt ein geringeres Interesse daran, eine ökumenische Bibel zu nutzen, als das die katholische Kirche hätte, die ja schon das Wort "allgemein" (eben "katholisch") im Namen trägt.

Vermutlich werden wir auch künftig zwei Bibeln für den gottesdienstlichen Gebrauch haben: Die Lutherbibel für die evangelische und die Einheitsübersetzung für die katholische Kirche. Übrigens gibt es eine Bibelübersetzung, die tatsächlich ökumenisch ist: Die Gute Nachricht – Bibel, die 1982 veröffentlicht und 1997 neu überarbeitet wurde, ist in einer evangelischen, katholischen und auch freikirchlichen Zusammenarbeit entstanden. Sie ist also sozusagen die einzige wirklich ökumenische Bibelübersetzung. Nur wird sie eben kaum im Gottesdienst genutzt.

 

Herzliche Grüße

Frank Muchlinsky

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Kommentare

Die Frage "Was bedeutet ökumenisch für mich?" habe ich mir schon als Kind gestellt und beschäftigt mich heute noch - immer wieder. Ist es in unserer heutigen Zeit der "Religionskämpfe" nicht wichtiger, dass wir unseren "christlichen Glauben an JESUS CHRISTUS" gegenseitig stärken? Ob ich jetzt in der Lutherbibel oder Einheitsbibel lese, wichtig ist doch was Gott mit dem Heiligen Geist durch sein Wort, seine Gnade und Liebe erst mal mir sagen will, damit ich danach lebe. Das Wort Gottes soll für uns eine Leitplanke für unser Zusammenleben sein sein, damit wir Menschen uns nicht gegenseitig verletzen mit Gedanken, Worten und Werken. Und die Liebe Gottes ist höher als alle menschliche Vernunft und sie will uns bewahren vor Lug und Trug ...

Hallo Herr Muchlinsky,

danke für Ihre ausführliche Antwort, die ich mit großem Interesse gelesen habe, den vielen Links, die mich zu weiteren Infos geführt haben und dem Bild, das ich mir genau betrachtet habe. Beim anschauen sind mir drei Sätze durch den Kopf gegangen:

1. Die Bibel, das Buch der Bücher!
2. Die eine Bibel aber eine große Zahl an Bibelübersetzungen!
3. Ob die Bibelübersetzung, die tatsächlich ökumenisch ist, die Gute Nachricht - Bibel, auch darunter ist?

Dass es in der Ökumene zu diesem "Rückwertsgang" gekommen ist, macht mich traurig. Die Ökumene liegt mir am Herzen und ich hoffe sehr, dass 500 Jahre Reformation 2017 auch zum Anlaß genommen wird, in der Ökumene wieder etwas aufeinander zu zu gehen. Einige Veranstaltungen zum Thema Ökumene stehen ja wohl auf dem Programm. Warum soll nicht das, was sich vor 500 Jahren voneinander getrennt hat, 500 Jahre später wieder ein Stückweit mehr aufeinander zu gehen können?

Ich denke, dass es eine vollständige "Wiedervereinigung" von Evangelischer und Katholischer Kirche nicht geben wird. Dazu sind die Unterschiede wohl zu groß. Das muss meiner Meinung nach auch gar nicht sein. Es stellt ja gerade den besonderen Reiz dar, wenn nicht Alle und Alles gleich ist. Unterschiede können auch spannend sein. Aber Unterschiede, wie die Ansicht, dass die Evangelische Kirche keine richtige Kirche sei, sondern lediglich eine christliche Gemeinschaft, sollten, wenn irgendwie möglich, überdacht werden, denn das hemmt ein weiterkommen in der Ökumene doch sehr. Der Wunsch nach dem gemeinsamen Abendmahl rückt in weite Ferne, wenn selbst in Sachen, wer und was ist Kirche, keine Einigung besteht. Und die ökumenische Einheitsübersetzung ...............!? Ich habe das Gefühl, dass selbstverständlich in allen Fragen der Katholischen Kirche, aber auch in Ökumenefragen, die ja Katholische und Evangelische Kirche betreffen, am Ende der Vatikan das letzte Wort hat, das für Alle bindend ist. Ob´s gefällt, oder auch nicht, egal!

Herzliche Grüße
Susanne

Wenn ich mir den Zustand mancher evangelischer Gemeinden anschaue, dann kann ich die Feststellungen in Dominus Iesus über Kirche und kirchliche Gemeinschaften nachvollziehen. Nicht alles muss die Ohren schmeicheln, wenn es ökumenisch sein soll.

Da ich bisher nicht in so vielen evangelischen Gemeinden persönlich anwesend war, kann ich mir über (Zitat: ".......den Zustand mancher evangelischer Gemeinden......") kein Urteil erlauben.

Wenn die Ansicht besteht, dass die Evangelische Kirche keine Kirche sondern lediglich eine Kirchliche Gemeinschaft ist, wird dies nicht gerne gehört, was ich zu 100% nachvollziehen kann. Diese Ansicht, von katholischer Seite, hat logischerweise zu einem Bruch in der Ökumene geführt. Es gibt aber auch Unterschiede auf katholischer Seite (für die Katholiken bestimmt auch auf evangelischer Seite) die, wie Sie sich ausdrücken, "nicht die Ohren schmeicheln" aber sie führen auch nicht zu einem Bruch in der Ökumene. (Z. B. Heilige oder die Marienverehrung kennen wir in der Evangelischen Kirche nicht, aber sie wirken sich auch nicht irgendwie negativ auf die Ökumene aus.) Also, ein stückweit müssen die Dinge schon die Ohren des Gegenüber schmeicheln, um ökumenisch sein zu können, um sich nicht evt. negativ auszuwirken.

Ich versteh schon weitgehend was Sie meinen (90%?), aber wenn Ökumene alternativlos ist - z. B. in einer Familie mit gemischten Konfessionen - da kann man sich alles sagen, "negative Auswirkungen" in dem Sinn wie Sie es meinen sind dann allenfalls temporär, weil die Liebe Lichtjahre stärker ist. Konfrontiert mit der katholischen Marienverehrung kann man sich fragen: was bedeutet Maria für mich? Gibts da was zu entdecken? Oder wenn z. B. Missverständnisse in der katholischen Verwandtschaft hinsichtlich des Vorhandenseins von Osterkerzen in evangelischen Kirchenräumen deutlich werden, dann kann man sich nach dem ersten Beleidigtsein mit dem Gebrauch von Kerzen in der Geschichte der Kirche generell beschäftigen. Ich finde dadurch wird Ökumene sogar produktiver, auch wenn es wie gesagt nicht immer unbedingt die Ohren schmeichelt. Es ist besser als Gleichgültigkeit.

Da haben Sie vollkommen Recht. Ehepartner in einer konfessionsverschiedenen Ehe leben ja die Ökumene sozusagen tagtäglich. Da kommt es natürlich zu kontroversen Diskussionen. Und es kommen Dinge zur Sprache, die die Ohren des Partners, der Partnerin nicht immer schmeicheln. Das ist, denke ich, ganz normal. Es wäre komisch, wenn es nicht so wäre. Eine gute Ehe wird daran nicht scheitern. Aber diese Diskussionen bleiben ja in der Familie. Sie wirken sich auf die Ökumene im allgemeinen nicht negativ aus. Und bei unterschiedlichen Konfessionen in der gesamten Familie, kann ich mir vorstellen, dass die Diskussionen nochmal "hitziger" ausfallen. Einfach weil mehr als zwei Menschen miteinander reden. Ich finde es gut, wenn in der Familie respektvoll miteinander über die Dinge (hier: Glauben, Kirche, Ökumene u.s.w.) geredet und diskutiert werden kann.

Nach der revidierten Lutherbibel, die seit Oktober 2016 im Buchhandel erhältlich ist, kann nun auch, seit Dezember 2016, die revidierte Einheitsübersetzung käuflich erworben werden.

Nun haben beide christlichen Konfessionen (evangelisch und katholisch) ihre eigene Bibelübersetzung, da die Revision der Einheitsübersetzung nicht mehr in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirche erfolgt ist, wie auch in der Antwort von Pfarrer Muchlinsky zu lesen ist. Da die einzige wirklich ökumenische Bibelübersetzung nun die Gute Nachricht Bibel ist (s. Antwort oben), meine ich, dass diese Bibel ab jetzt bei ökumenischen Gottesdiensten zum Einsatz kommen könnte. Ich denke da z. B. an einen Einsatz der Gute Nachricht Bibel beim nächsten ökumenischen Kirchentag.

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