Was soll ich glauben?

gestellt von Ulf Hackler am 8. Oktober 2016

Lieber Pastor Muchlinsky,

oft stelle ich fest, dass der Glaube von evangelischen Christen sehr stark voneinander abweicht. Nehmen wir auf der einen Seite das "evangelikale" Spektrum, auf der anderen Seite das "liberale". Viele Glaubensüberzeugungen der jeweiligen Seite sind mit denen der anderen schlichtweg nicht kompatibel. Ich persönlich schwanke zwischen den verschiedenen Positionen hin und her und habe häufig den Gedanken "Wenn jener recht hat, dann liegt dieser völlig falsch." Dies treibt mich insbesondere um im Hinblick auf Wunder, Auferstehung, Inspiration der Schrift und Exegese. Die Kirche selbst scheint sich hier nicht klar zu positionieren - wahrscheinlich um niemanden vor den Kopf zu stoßen. Ich habe größte Schwierigkeiten meinen Platz zu finden, da ich immer "zwischen den Stühlen" stehe. Häufig erlebe ich eine schreckliche Ignoranz von evangelikaler Seite, welcher eine schreckliche Überheblichkeit der anderen gegenüber steht. Viele Aussagen von konservativer Seite machen mir nicht nur Angst, sondern erfüllen mich gleichermaßen mit Wut und Abscheu (Homosexualität, Sünde, Frauenbild etc.), Erklärungsmodelle vieler Theologen hingegen beziehen sich oftmals nicht auf die Bibel, sondern scheinen einem säkularen Geist Rechnung zu tragen und scheinbar wichtige biblische Aspekte werden mit einem Lächeln uminterpretiert. Diese Umstände verunsichern mich zutiefst und ich fühle mich dadurch in einem Glaubensdilemma. Haben Sie eine Idee, wie ich dies überwinden kann? Können Sie mir bei meinem Problem helfen?

Herzlichen Dank im Voraus!

Lieber Herr Hackler,

 

Ihre Feststellung ist vollkommen richtig, dass der Glaube evangelischer Christen nicht einheitlich ist, sondern sich sehr voneinander unterscheidet. Man könnte es ein Markenzeichen des Protestantismus nennen, dass wir innerhalb unseres gemeinsamen Bekenntnisses so große Unterschiede zulassen. Die evangelische Kirche wird schließlich nicht zentral verwaltet, und Dogmen werden in der evangelischen Kirche mittlerweile nicht mehr formuliert.

 

Andererseits spielt bei diesen großen Unterschiedenen in der Frömmigkeit auch das Individuum eine entscheidende Rolle. Darum können Sie sicher sein, dass es auch in der katholischen Kirche nicht mindergroße Unterschiede in den Glaubensüberzeugungen gibt. Beide Kirchen positionieren sich durchaus deutlich zu den von Ihnen genannten Themen, aber was die einzelnen Christinnen und Christen glauben, wird immer unterschiedlich bleiben. Wenn Sie sich gern an dem orientieren möchten, was die Evangelische Kirche in Deutschland zu einzelnen Themen sagt, empfehle ich Ihnen die Lektüre entsprechender Denkschriften. In diesen Schriften positioniert sich die Evangelische Kirche in Deutschland zu vielen Themen sehr ausführlich. Darüber hinaus gibt es auch sogenannte EKD-Texte zu verschiedensten Themen. Manchmal äußert sich die EKD auch zu bestimmten Fragen der Bibelauslegung, die Sie ja in Ihrer Frage auch erwähnen. Zum Beispiel gibt es einen EKD-Text zum Thema Schöpfungsglaube und Evolutionstheorie und eine Orientierungshilfe zum Thema Familie, von der Sie vielleicht schon gehört haben, weil sie ausgesprochen kontrovers diskutiert wurde. In dieser Orientierungshilfe gibt es einen Abschnitt, der beispielhaft vorführt, wie innerhalb der evangelischen Kirche derzeit Bibelauslegung betrieben wird. Ich empfehle Ihnen die Lektüre dieses Abschnittes sehr. Sie werden beim Lesen feststellen könne, dass es um das Abwägen unterschiedlicher biblischer Zeugnisse geht, und wie argumentiert wird, sich für die eine oder die andere Auslegung der Bibel zu entscheiden. Dieses Vorgehen ist nichts Neues oder Modernes. So ist das Christentum mit der Bibel immer schon umgegangen, aber die EKD macht es hier eben anschaulich vor, und Sie können lesen, welche Schlüsse gezogen werden.

 

Was die EKD veröffentlicht, ist also so etwas wie der Common Sense der Evangelischen Kirche. Das heißt aber nicht, dass alle evangelischen Christen so denken. Da Menschen dazu neigen, ihr Missfallen deutlich lauter zu formulieren als ihre Zustimmung, kommt es in der öffentlichen Wahrnehmung manchmal dazu, dass der Eindruck entsteht, die Kirche sei zerstritten oder uneinig. Dabei sind es in der Regel lediglich kleine aber laute Gruppen, die sich gegen eine ihrer Meinung nach zu liberale Auslegung wehren. Sie erwähnten das sogenannte evangelikale Spektrum ja bereits selbst.

Die Lautstärke ist aber auch an anderen Rändern des Spektrums höher als in der Mitte, weil es eben als interessanter wahrgenommen wird, wenn "die Fetzen fliegen". Wenn Theologen die Auserstehung Jesu so deuten, dass sie ihren Zweifel an einer leibhaftigen Auferstehung äußern, dafür aber andere Erklärungen liefern, so interessiert sich in kürzester Zeit niemand mehr für die Erklärung, sondern lediglich dafür, dass ein Theologe gesagt hat: Er ist gar nicht auferstanden.

 

Wenn Sie sagen, dass Sie sich "zwischen den Stühlen" fühlen, dann kann ich Ihnen sagen: ja, so geht's mir auch. Und ich bin sicher, dass es der überwiegenden Mehrheit der Christinnen und Christen in Deutschland so geht, weil wir uns an den Rändern nicht wohlfühlen und gleichzeitig meinen, dass da die Stühle stehen. Das ist meiner Überzeugung nach aber eine falsche Wahrnehmung. Christsein heute sollte bedeuten, sich als Christ offen für neue Gedanken zu zeigen und gleichzeitig den eigenen Glauben zu bewahren. Das geht nicht ohne Anstrengung und manchmal auch mit solchen Gefühlen, wie Sie sie beschreiben, dass man nirgends mehr richtig Platz hat. Der Glauben existiert nicht ohne die Person, die mit ihm lebt. Weil wir uns aber ebenso ändern wie alles andere Lebendige, und weil sich unsere Welt ebenso verändert, ist auch unser Glaube gefordert, sich ändern zu können. Wenn  der Glaube starr bliebe, müsste er zwangsläufig irgendwann brechen, weil sich alles um ich herum ändert.

 

Glauben Sie weiterhin an die Auferstehung und daran, dass die Bibel von Gottes Offenbarung zeugt! Aber fragen Sie sich immer wieder, was Sie damit meinen. Das ist übrigens mit anderen Menschen zusammen viel leichter als allein. Wenn man über den eigenen Glauben redet und hört, was andere zu sagen haben, wird der Glaube besser bearbeitbar, wie Knete, die erst durch Körpertemperatur formbar wird.

Ich wünsche Ihnen alles Gute und hoffe, dass meine Ausführungen Ihnen deutlich machen konnten, dass zwischen den Stühlen die Mitte sein kann.

 

Mit herzlichem Gruß

Frank Muchlinsky

Kommentare

Ich bin mit Leib und Seele Christ. JESUS ist in meinem Herzen und das ist alles, was er will. Dazu kommt meiner Meinung nach, dass jeder eine ganz persönliche Beziehung zu Gott hat.

Ich habe sie kennengelernt. Auf der einen Seite die Evangelikalen. Ich habe sie kritisiert. Das Ergebnis ist so, wie wenn man in der katholischen Kirche den Papst kritisiert. Das für mich Schlimme ist, dass die Evangelikalen glauben, sich alles verdienen zu müssen. Dabei braucht man gerade bei Gott sich nichts zu verdienen.

Ich war auch schon bei den Freikirchen wie den Pfingstlern. Das verwerflche und überhebliche ist, wenn die sagen: musst dich NEU taufen lassen. Erwachsenen Taufe gut und schön, aber erneut taufen? Ich wäre vielleicht kein Christ, wenn Gott nicht ohne mein Zutun JA zu mir gesagt hätte.

Gottes Bund ist bunt = und vielleicht hat er es sogar so gewollt.

Hallo Herr Hackler,

danke, allein schon für Ihre Anfrage. Ich kann das völlig nachvollziehen, mir geht es ähnlich, obwohl ich vermutlich weiter zur liberalen Seite hin positioniert bin als Sie. Und ich habe den Eindruck, dass die evangelische Kirche auseinanderdriftet und daran insgesamt zugrunde geht. Luther und Calvin konnten noch große theologische Gesamtkonzepte schaffen, die zumindest in sich schlüssig waren, heute gibt es –zig Theologien, die z. T. erheblich voneinander abweichen, aber als prinzipiell gleichberechtig anzusehen sind. Keine davon hat den Rang einer verbindlichen Lehrmeinung.

Für mich bewährt hat sich ein in evangelischen Kreisen wohl unübliches Vorgehen. Ich schaue einfach im katholischen Katechismus nach (online verfügbar), filtere die Sachen weg, die sicher unevangelisch sind (Marienkult, Heiligenverehrung, nicht übernommene Sakramente usw.) und habe dann eine Art Referenzlinie, zu der ich mir mit Hilfe der Bibel, eigenem Nachdenken und Nachlesen bei evangelischen Theologen eine eigene Meinung bilde. Diese kann durchaus mal ein Stück weg von der Referenzlinie sein, aber ich weiß dann wenigstens, wo ich damit stehe.

Herzliche Grüße und viel Erfolg bei Ihrer persönlichen Suche

Thomas Jakob

Lieber Herr Jakob,

das ist eine interessante aber ausgesprochen unevangelische BVorgehensweise. Wenn Sie gern mehr Richtlinien hätten, gebe ich Ihnen hier eine: Nehmen Sie lieber einen evangelischen Katechismus zur Hand. :-) Ja, den gibtÄs nicht online, aber er fußt eben auf dem, was die evangelische Kirche bekennt. https://de.wikipedia.org/wiki/Evangelischer_Erwachsenenkatechismus

Herzliche Grüße

Frank Muchlinsky

Lieber Herr Muchlinsky,

danke für den Buchtipp. Diesen Erwachsenenkatechismus habe ich schon einmal in der Hand gehabt, sollte ihn mir aber wohl noch einmal genauer ansehen. Ganz gut finde ich auch den online verfügbaren Katechismus von Wilfried Härle. http://wilfried-haerle.glauben2017.de/

Apropos unevangelisch: Evangelisch ist für mich mehr ein Grundansatz (auf dem Evangelium basierend) als eine bestimmte Konfession oder Konfessionsgruppe. Trotz ununterbrochener Zugehörigkeit zu einer der EKD-Mitgliedskirchen war ich zeitweise so weit weg von zentralen Glaubensinhalten, dass die konfessionellen Kleinigkeiten mit bloßem Auge nicht mehr zu erkennen waren. Und auf dem Weg zurück haben katholische und orthodoxe Christen eine ebenso wichtige Rolle für mich gespielt wie evangelische. Deswegen gehe ich jetzt inhaltlich in keinen Konfessionskäfig mehr zurück.

Herzliche Grüße

Thomas Jakob

Was? Soll ich glauben? Warum sollte ich glauben? Gott hat doch auch nicht an mich geglaubt und mich aus dem Paradies rausgeschmissen und mir vorher noch eine Rippe geklaut. Und warum prange ich auf Bildern und an Deckengewölben, gemalt immer mit einem Bauchnabel? Also dieser Glaube ist
mir wirklich nicht suspekt!

Lieber Adam,

danke für Deinen Beitrag! Es ist schon etwas Besonderes, mal eine Stimme so direkt aus der Bibel hier zu hören. Ich kann verstehen, dass Du mit Gott haderst, weil er Dich aus dem Garten Eden geworfen hat. Dass Du diesen Ort "Paradies" nennst, macht deutlich, wie schön Du es da fandst. Dass Gott Dir eine Rippe "geklaut" hat, ist allerdings ein unberechtigter Vorwurf. Wie Du dich erinnerst, hat Gott sich extrem ins Zeug gelegt, Dir eine Partnerin zu beschaffen. Sämtliche Tiere sind an Dir vorbeigezogen, aber Du hattest an allen etwas auszusetzen. Als Gott dann aus Deiner Rippe eine Frau machte, war Deine Reaktion gelinde gesagt sehr begeistert!

Und Gott, lieber Adam, hat seinen Glauben an Dich nie verloren. Wie sonst erklärst Du Dir, dass Gott Dir uns Deinen Nachfahren immer und immer wieder entgegen gekommen ist – bis hin dazu, dass er selbst wie Du ein Mensch wurde!

Naja, und dass Du mit Bauchnabel gemalt wurdest … nimm's einfach als Zugeständnis an den allgemeinen Geschmack.

Hab's gut!

Frank

Ich bin begeistert! Locker und mit Humor pariert :) Glückwunsch!

Lieber Herr Muchinski (und alle anderen Kommentatoren inklusive unserem Urvater Adam),
herzlichen Dank für Ihre/Eure Antworten! Es ist gut zu wissen nicht allein zwischen den Stühlen zu sitzen... anstatt sich in einer Position am Rand "einzurichten" und es sich dort "gemütlich zu machen" ist es gewiss richtiger die Herausforderung anzunehmen und dabei das eigenstädige Denken nicht aufzugeben! Hier finde ich auch die Idee von Herrn Jakob sehr reizvoll und nicht zuletzt auch legitim, mal in die Schriften der "Konkurrenz" zu blicken! Sicherlich ist der Weg allerdings auch der mühseligere! Packen wir es an!!
Beste Grüße Ulf Hackler

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