Paulus und die bleibende Erwählung Israels

gestellt von Fred Runger am 13. Juni 2017

Hallo, ich habe eine Frage, und zwar: In der Schule musste ich ein Referat über Paulus und seine Heilslehre halten. Ich habe dabei unter anderem herausgestellt, dass aus Paulus' Sicht Juden vom Heilsplan Gottes ausgeschlossen sind und dies antisemitisch sei. In unserer Klasse gibt es zwei Schüler jüdischen Glaubens. Sie haben dafür votiert, am evangelischen Unterricht teilzunehmen. In der Folge meines Referats gab es eine hitzige Diskussion. Unser Lehrer hat sie schließlich beendet, indem er mir eine überzeichnende Darstellung vorgeworfen hat. Ich hätte, so sagte er, die zeithistorischen Bedingungen berücksichtigen müssen. Außerdem hätte ich recherchieren müssen, dass Paulus schwer krank war und seine Äußerungen gegen Juden nach Meinung aller Theologen vor dem Hintergrund seines Leidens zu verstehen sind. Daher hätte ich seine Äußerungen relativieren müssen. Ich bin anderer Auffassung: Wenn der Gründer der christlichen Kirche solche Äußerungen schriftlich an verschiedenen Stellen (!) vertreten hat, dann darf man das erwähnen und kritisieren, oder? Ansonsten kann man immer alles relativieren! Was meinen Sie? Gibt es eine Haltung der evangelischen Kirche zu dem Thema? Danke! MfG Fred

Lieber Fred,

 

die Frage nach Paulus und seinen Äußerungen über das Judentum seiner Zeit sorgt schon seit langer Zeit für Diskussionen. Kein Wunder, dass es auch bei einem solchen Referat Stoff für hitzige Debatten im Reliunterricht gibt. Ich finde es mutig und richtig, dass Du Dich für deine jüdischen Mitschüler einsetzt und die biblischen Texte so kritisch hinterfragst! Ganz prinzipiell hast Du Recht: Man sollte nicht vorschnell relativieren und muss die Bibel mit einem kritischen Geist auslegen. Manche problematischen paulinischen Aussagen (1Thess 2,14–16) lassen sich vielleicht mit historischen Auseinandersetzungen und enttäuschenden Erfahrungen mit bestimmten jüdischen Zeitgenossen erklären, mit einer schweren Krankheit haben seine theologischen Gedanken aber vermutlich weniger zu tun.

 

Die Frage, welche Rolle das Judentum im Denken von Paulus spielt, ist auch unter ExpertInnen umstritten. Deshalb möchte ich mich hier auf drei Aspekte beschränken, die das Thema bei Weitem nicht vollständig erklären, aber wichtige Anknüpfungspunkte für weiteres Nachdenken geben:

 

1. Paulus wurde als pharisäischer Jude geboren (Gal 1,13f.) und versteht sich sein Leben lang als Apostel für die Heiden aus Israel (d.h. Paulus hält an seiner Zugehörigkeit zum jüdischen Volk fest). Sein Glauben an Jesus und dessen Auferstehung hat ihn zwar grundlegend verändert. So hat er z.B. der Beschneidung oder Speisegeboten keine Heilsrelevanz mehr zugemessen und hat daran geglaubt, dass auch Nichtjuden in den göttlichen Bund aufgenommen werden sollen. Aber Paulus ist nicht zum „Christentum“ übergetreten und hat sich auch nicht „antisemitisch“ geäußert. Beide Begriffe gab es zu der Zeit noch nicht. Den rassistischen und pseudowissenschaftlichen „Antisemitismus“ gibt es erst seit dem 19. Jh. Am besten ist es, wenn man die Äußerungen von Paulus als theologische Debatte um die Frage nach dem „Heil für Israel“ versteht. Konkret heißt das: Was bedeutet es für das Gottesvolk Israel, dass mit Jesus der Messias (=Christus) gekommen ist, der für alle Menschen gestorben und auferstanden ist? Paulus selbst hat dabei nicht die eine Lösung, sondern beleuchtet verschiedene Aspekte des Problems in seinen Briefen.

 

2. Eine eindeutige Position zum Verhältnis von Kirche und Israel gibt es in den Paulusbriefen nicht. Er argumentiert – manchmal scheinbar widersprüchlich – und probiert verschiedene Lösungswege. Dazu gehören auch negative Aussagen an manchen Stellen. Die paulinische Theologie ist und bleibt voller Spannungen. Am ausführlichsten sind Paulus’ theologische Gedanken zum Heil für Israel im Römerbrief (Röm 9–11). Schon am Anfang wird klar, dass Paulus die Jüdinnen und Juden in seine Theologie selbstverständlich aufnimmt, denn das Evangelium „ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen.“ (Röm 1,16). Das große Problem, das Paulus sieht, ist, dass es manche Juden gibt, die nicht an Jesus glauben und seine Lehre und die beschneidungsfreie Mission der Heiden ablehnen. Für ihn ist das aber ein vorübergehendes Problem, nicht das endgültige Ziel im göttlichen Plan für ganz Israel. Paulus glaubt, dass Israel errettet wird: „Und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jes 59,20; Jer 31,33): »Es wird kommen aus Zion der Erlöser; der wird abwenden alle Gottlosigkeit von Jakob.“ (Röm 11,16). Ich finde es bemerkenswert, dass Paulus hier mit den Propheten des Alten Testaments argumentiert! Er sagt gerade nicht, dass dieser Erlöser Jesus ist oder dass sich alle Juden zu Jesus bekehren müssen. Wie und wann genau Israel errettet wird, lässt Paulus offen. Israel und die (entstehende christliche) Kirche bleiben für Paulus aufeinander angewiesen. So sieht das auch die neuere Paulusforschung, die man „Die neuere Paulusperspektive“ bzw. „New Perspective“ nennt.

 

3. Die christliche Auslegung von Paulus hat lange gebraucht, um diese neue Perspektive zu entwickeln. Die lange Phase einer antijüdischen oder sogar antisemitischen Paulusauslegung ist für unsere Kirche beschämend und darf keinen Platz in christlichem Denken haben. Die EKD hat im Jahr 2000 eine Denkschrift dazu veröffentlicht. Auch die evangelischen Landeskirchen halten heute an der „bleibenden Erwählung Israels“ fest. Diese Vorstellung der Verwurzelung der christlichen Kirchen im Judentum gehört zum zentralen Selbstverständnis unserer Kirche. Dazu gehört, Jesus und Paulus als Juden ernst zu nehmen und daran festzuhalten, dass die christlichen Kirchen immer auf den Bund Gottes mit seinem Volk angewiesen sind. Dazu gehört auch, sich von antijüdischen Aussagen Martin Luthers klar abzugrenzen. Deshalb hat auch das Alte Testament seinen festen Platz in der christlichen Bibel. Nur mit dieser Grundüberzeugung kann ein jüdisch-christlicher Dialog gelingen.

 

Ich hoffe, diese knappen Antworten zu einem großen Thema sind hilfreich. Wir Christinnen und Christen sind überzeugt, dass die Jüdinnen und Juden ihren festen Platz im Plan Gottes haben. Sie sind sein berufenes Volk. Wie das endzeitliche Heil aussieht und wann es eintritt, überlassen wir vertrauensvoll Gott. Wir vertrauen außerdem der Hoffnungsbotschaft von Paulus: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ (Gal 3,28).

 

Herzliche Grüße

Helge Bezold

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