Gesunde Haltung zum Job

gestellt von Peter am 6. Juli 2017

Lieber Herr Muchlinsky,

Wir leben in narzisstischen Zeiten, in denen der einzelne um die permanente Anerkennung und Zuwendung seiner Umwelt buhlt, wovon ich mich explizit nicht ausnehmen will. Die Auseinandersetzung mit den Lehren Luthers war hier ein Balsam für meine Seele, sein Schluss dass Gott uns und sogar mich bedingungslos liebt, unabhängig von unseren diesseitigen Werken, brachte mit viel innere Ruhe.

Ich hadere noch mit meinen Perfektionsstreben im Beruf, genährt aus denselben niederen Antrieben nach profaner Anerkennung durch Kollegen und Vorgesetzte; gipfelnd in permanenter Unzufriedenheit an den eigenen Leistungen und der Angst, dass andere das auch so sehen könnten. Das sinngemäße Lutherwort “Woran du dein Herz hängst, das ist eigentlich dein Gott” geht hier schon aus meiner Sicht in die richtige Richtung: Hänge dich in deiner Lebensausrichtung und -selbstwertung nicht an den schnöden Mammon. Gibt es hier noch weitere (lebens-) hilfreiche Schlüsse, welche einen zu einer psychologisch gesünderen Distanz zur Erwerbsarbeit führen?

Viele Grüße,

Peter

Lieber Peter,

 

Sie haben schon ein großes Stück auf Ihrem Weg zurückgelegt. Wer es schafft, den Blick Gottes als liebevoll zu verstehen und wahrzunehmen, kann sich tatsächlich entspannen. Wenn Sie den nächsten Schritt machen möchten, kann Ihnen vielleicht helfen, was Luther als Konsequenz aus der "Rechtfertigung aus Glauben allein" gezogen hat: Dadurch, dass wir frei sind davon, durch Werke vor Gott gut dazustehen, können wir uns wiederum besser verhalten als je zuvor. Es ist also nicht so, als würde uns gesagt, wir seien schon okay so, wie wir eben sind. Vielmehr: Wir sind geliebt, obwohl wir sind, wie wir sind. Das heißt: Wir dürfen und können und sollen uns einsetzen für andere. Wer im Sinne Luthers "befreit" ist von dem Zwang, gute Werke zu tun um Gott zu gefallen, der wird es gar nicht anders wollen, als nun gerade gute Werke zu tun, sich um andere zu kümmern.

 

Wenn Sie also einen Rat von mir wünschen, der "im Sinne von Luthers Theologie" ist, dann empfehle ich Ihnen, dass Sie versuchen, Ihrem Wunsch nach Anerkennung im Beruf dadurch zu begegnen, dass Sie vor allem anderen helfen. Helfen Sie Ihren Kolleginnen und Kollegen ganz bewusst zu deren Erfolgen und Anerkennung. Auf diese Weise kann sich Ihr Blick verändern. Dies ist tatsächlich die Alternative zur Blickrichtung auf die eigene Perfektionierung und den damit zusammenhängenden Erfolg: Schauen Sie die anderen mit demselben liebevollen Blick an, den Sie von Gott erfahren. Freuen Sie sich an der Freude anderer, und ziehen Sie Vergnügen aus dem Gelingen der Pläne anderer. Das ist kein leichter Schritt, aber er ist – zumindest nach Luther – der einzig konsequente. Der befreite Christ schaut in jeder Situation, was das Richtige ist, dass er tun kann, und der Maßstab dabei ist die Liebe.

 

Lassen Sie mich auch dies noch schreiben: Dass Sie gern Anerkennung für das haben möchten, was Sie leisten, ist nur allzu verständlich und auch nicht zu kritisieren. Auch eine angemessene Bezahlung ist ein Ausdruck der Anerkennung. Ich schrieb meinen letzten Absatz darum, weil Sie diese Anerkennung anscheinend als hohl empfinden und das Streben nach ihr als Druck. Darum: Wenn Sie Ihr Herz losreißen wollen von dem, woran es gerade leider hängt, geben sie ihm einen neuen Ort, an den es sich hängen kann: Ihre Mitmenschen.

Neulich hat Prof. Gesche Linde bei evangelisch.de eine wunderbare Zusammenfassung der kleinen Lutherschrift "Von der Freiheit einen Christenmenschen" geschrieben. Ich empfehle, dass Sie sich ihren Artikel durchlesen.

 

Konnte ich weiterhelfen? Ich habe es versucht. Sie entscheiden, ob es hilft.

Herzliche Grüße

Frank Muchlinsky

Kommentare

Lieber Herr Muchlinsky,

vielen Dank. Ja, ihre Ausführungen haben mir sehr weitergeholfen. Ich bin immer wieder positiv angetan von der zeitlosen Universalität der Gedankengänge Luthers. Aber auch ihrer Fähigkeit, hier Antworten auf den Punkt zu bringen

Sie haben mir hier auch eine neue Perspektive eröffnet. Ganz in der üblichen Egozentrik verhaftet habe ich natürlich in der Vergangenheit vor allem darüber gegrübelt, ob ich MEINE gottgegebenen Fähigkeiten in MEINEM Beruf in einem freiheitlichen Sinne zum Guten und Edlen einsetze oder um des reinen Gelderwerbs willen “verschwende”. Sprich: Mit der mir gegeben Freiheit verantwortungsbewusst umgehe. Klar ist das eine wichtige Komponente, aber am Ende des Tages natürlich wieder stark selbstbezogen. Dabei lässt man aber außer Blick, dass schon die Kollegen auch liebenswerte Mitmenschen im christlichen Sinne sind.

Und man vielleicht - um den Gedankengang kurz weiter zu führen - zumindest als Führungskraft wie ich es bin auch versuchen kann die Unternehmensziele und das operative Handeln gegenüber der umgebenden Gesellschaft auch im weiteren Sinne an dem Maßstab der christlichen Nächstenliebe auszurichten (ich denke da auch an Luthers Interpretation des Gebots “Du sollst nicht stehlen”: “(...) daß wir unsers Nächsten Geld oder Gut nicht nehmen noch mit falscher Ware oder Handel an uns bringen, sondern ihm sein Gut und Nahrung helfen bessern und behüten.”) Und zwar nicht aus “Werktätigkeit” oder selbstverliebter Eigendarstellung heraus, sondern aus Liebe am Mitmenschen.

In diesem Sinne…

Herzliche Grüße zurück,

Peter

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