Moralische Relevanz der Bibel

gestellt von J. Kullen am 10. Juli 2017

Sehr geehrter Herr Muchlinsky,

Ich denke sowohl Atheisten als auch Christen sind sich einig, dass sich in der Bibel vorbildliche moralische Vorgaben finden lassen (bspw. die Bergpredigt oder die goldene Regel).
Es ist aber ebenfalls unbestritten, dass es äußerst grausame Stellen gibt (bspw. 5. Mose, 21, 18-21).
Nähme man alles wörtlich käme man nicht nur zu mit unserer Gesellschaft unverträglichen Moralvorstellungen sondern auch zu zahlreichen Widersprüchen.
Wie ich in einem Ihrer Posts gelesen habe, sind Sie der Meinung, man müsse den Bibelstellen Relevanz geben, die man nach heutigem Wissensstand für richtig hält (" Nun muss man sich tatsächlich fragen: Welcher Stelle gebe ich den Vorzug vor einer anderen. [...]So wird entschieden, welche Stellen der Bibel uns direkt vorschreiben können, wie wir uns verhalten sollten. Wir nehmen die Bibel nicht in die Hand und legen los und machen nach, was darin steht.").

Dem stimme ich völlig zu. Meine Frage ist nun:
Warum besitzt die Bibel moralisch betrachtet mehr Relevanz als Shakespeare oder Dickens?
In beidem finde ich moralisch wertvolle Zitate, in beidem aber auch grausame. Warum also soll die Bibel (oder Literatur allgemein) für Moral herhalten, wenn wir unsere Moral nicht direkt aus ihr beziehen, sondern aus schon vor dem Lesen vorhandenen Wertvorstellungen?

 

Mit freundlichen Grüßen
J. Kullen

Lieber Herr Kullen,

 

Ihre Frage ist relativ leicht zu beantworten: Die Bibel besitzt darum mehr Relevanz als Shakespeare oder Dickens, weil das Christentum das festgelegt hat. Die Bibel ist darum ein Heiliges Buch, weil beinahe zwei Milliarden Menschen in der Welt sagen, dass es so ist. Damit will ich nicht sagen, dass es darum auch "stimmt". Wenn jemand den Schriften Shakespeares eine ähnliche Heilbedeutung zuschriebe, wie es die Christ*innen mit der Bibel tun, dann wäre es für diese Person eben umgekehrt: Shakespeare enthielte für ihn mehr Relevanz.

 

Wichtig ist in der Unterscheidung, dass die Biel ja nicht dafür geschrieben wurde, dass Menschen aus ihr allgemeingültige moralische oder ethische Normen ableiten. Sie wurde geschrieben, um von der Offenbarung Gottes an die Menschen zu schreiben. Es geht um Heil und Erlösung nicht in erster Linie um Regeln.

Moral kann man auch als Christ*in aus jeglicher Schrift ziehen. Gutes Verhalten kann man aus jedem Vorbild erlernen. Wer Romeo und Julia liebt, kann auch das Hohelied lieben und umgekehrt. Nur eben als Zeugnis der göttlichen Offenbarung erkennen die Christ*innen eben nur die Bibel an.

 

Herzlich

Frank Muchlinsky

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