Bin ich Christ?

gestellt von Johan am 10. Juli 2017

Guten Tag,
mein Name ist Johan und ich bin 20 Jahre alt.
Ich bin getauft und konfirmiert worden, bin also auf dem Papier evangelisch.

Irgendwann distanzierte ich mich jedoch immer mehr von der Kirche und habe mittlerweile nicht mehr viel mit Religionen zu tun.

In letzter Zeit habe ich mich jedoch aus Interesse wieder intensiver mit dem Christentum beschäftigt.

Ich würde meine Einstellung zum Christentum wie folgt beschreiben:

Ich bin mir nicht sicher, ob ich an einen Gott glaube, kann mir aber gut vorstellen, dass es einen gibt.

Letztendlich ist es aber für mich nicht so wichtig, ob es einen Gott gibt. Wenn die Menschen christlichen Grundwerten (z.B. der Nächstenliebe) folgen, unterstütze ich das und es ist mir egal, ob Menschen dies tun, weil sie an einen Gott glauben oder aus anderen Gründen.

Ich unterstütze und befürworte im Großen und Ganzen die Werte des Christentums und finde es wichtig, dass diese aktiv gelebt werden.

Ich sehe Jesus als eine Art Vorbild und versuche, seine Ansichten in mein Leben einzubauen.

Ich kann mir allerdings nur schwer vorstellen, dass er der Sohn Gottes war, über Wasser gegangen ist oder Kranke geheilt hat. Ich bin beruflich in einem medizinischen Bereich tätig.

Meine Frage lautet: Bin ich überhaupt Christ? Und wäre es nicht inkonsequent weiter in der Kirche zu bleiben, wenn ich doch mit vielen Punkten gar nicht übereinstimme?

Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen!

Vielen Dank im Voraus!

Johan

Lieber Johan,

 

Sie sind ein Christ. Warum ich das schreibe? Zunächst einmal, weil Sie getauft sind. Das hat Sie ein für alle Mal zum Christen gemacht – zumindest aus der Sicht der Kirche. Mit Kirche meine ich in diesem Fall nicht eine bestimmte Kirche, sondern die weltumfassende Gemeinschaft aller Christinnen und Christen. Für die gilt: Wer getauft ist, gehört dazu, egal wie viele Zweifel ihn gerade plagen, oder was genau er glaubt.

 

Mir gefällt Ihre Herangehensweise an das Thema gut. Sie setzen sich mit der Frage nach Gott und Christentum ohne Vorurteile auseinander. Dass Sie sich von der Kirche als Institution distanzieren, ist nicht ungewöhnlich. Dass Sie nach Gott fragen und gleichzeitig an vielem zweifeln, was die Tradition berichtet, ist ebenfalls kein Grund, Sie nicht einen Christen zu nennen; eher im Gegenteil, denn es bedeutet ja, dass Ihnen Gott und Glaube nicht gleichgültig sind.

 

Darum lassen Sie mich Ihnen zwei Dinge deutlich machen, die Ihnen vielleicht in Ihren Gedanken weiterhelfen. Erstens: Es geht im Glauben nicht darum, möglichst alles für wahr zu halten, was in der Bibel steht. Es geht darum, ob man eine Beziehung zu Gott haben will. Sie schreiben, dass Sie sich vorstellen können, "dass es einen [Gott] gibt". Das ist ein guter Ausgangspunkt. Die Frage, die aber noch wichtiger für Sie werden sollte, ist diese: Was soll Gott sein für Sie? Das Bedeutende an einem Glauben ist ja nicht, dass man annimmt, es gäbe einen Gott, sondern dass man Gott in das eigene Leben hineinholt. Das kann dadurch geschehen, dass man sich an dem orientiert, wofür der Glaube an Gott steht: Am Gebot der Nächstenliebe zum Beispiel. Oder es geschieht durch Gebete. In jedem Fall ist Glaube kein schieres Akzeptieren von etwas Göttlichem. Es ist eine Auseinandersetzung mit der Vorstellung, dass es etwas außer uns selbst gibt, das unser Leben wichtig macht.

 

Zweitens: Glauben ist nicht wirklich eine Privatsache. Natürlich ist es höchst individuell, wie jeder Mensch glaubt, aber Glaube formt eben auch Gemeinschaften, in denen man den gemeinsamen Glauben lebt, sich gegenseitig unterstützt, infrage stellt, begleitet, korrigiert... Eben alles, was eine gute Gemeinschaft ausmacht. Das ist es, was die Kirche gern sein möchte. Dass sie in der Realität durchaus Macken und Probleme hat, die so gar nicht in dieses Wunschbild fallen, ist einerseits natürlich ärgerlich, aber andererseits auch sehr verständlich, denn – wie gesagt – die Kirche besteht aus Menschen, und die sind, wie sie sind, auch wenn Sie sich eigentlich an Maßstäben orientieren, die wesentlich mehr verlangen.

 

Gerade darum mag ich es, wenn Menschen wie Sie dazugehören, weil Sie nicht einfach hinnehmen, sondern abwägen. Darum noch einmal und zusammenfassend: Nichts von dem, was Sie über sich selbst schreiben, stellt Sie außerhalb des Christentums. Sie selbst müssen und dürfen entscheiden, wie sehr Sie dazugehören möchten.

 

Sehr herzliche Grüße

Frank Muchlinsky

Kommentare

Hallo Johan:

Wenn Sie mehr erfahren möchten.
Ich kann Ihnen empfehlen einmal den Römerbrief zu lesen.
Ihre Frage betrifft ja den Glauben.

Lieber Frank Muchlinsky,

vielen Dank für Ihre Antwort!

Ich hatte die gleiche Frage noch in einem anderen christlichen Forum gestellt und mehrheitlich die Antwort erhalten, ich hätte mit dem Christ-Sein nichts gemeinsam und müsse zu aller erst erkennen, bisher gesündigt zu haben.

Mit diesen Antworten konnte ich nichts anfangen und hätte ich Ihre Antwort nicht noch gelesen, hätte ich das Thema wahrscheinlich für mich wieder abgehakt.

Ich wünsche mir, dass mehr Menschen wie Sie in unseren Kirchen zu finden sind!

Mit freundlichen Grüßen!

Johan

Vielen Dank für die Blumen. Ich versichere Ihnen: Es gibt eine Menge mehr Leute in der Kirche, die so denken wie ich. Herzlich, Frank Muchlinsky

Lieber Johan, Ihre Frage hat mich sehr berührt, weil ich mich darin wiedergefunden habe, als ich Anfang 20 war. Bei mir gab es zunächst sehr starke Glaubenszweifel, dann war ich bei verschiedenen Religionen auf der Suche, fühlte mich dann aber doch den christlichen Werten am Nächsten. Zur Institution Kirche und zu christlichen Gemeinden hatte ich dennoch über Jahre ein sehr distanziertes Verhältnis. Aber trotzdem habe ich immer wieder Gottes Nähe erfahren dürfen, manchmal stärker, manchmal weniger stark. Vor einiger Zeit bin ich Menschen begegnet, durch die ich dem christlichen Glauben in meinem Leben nochmal eine neue Chance gegeben habe. Und inzwischen habe ich eine ev. Kirchengemeinde gefunden, in der ich mich zu Hause fühle und wo jeder Mensch auch mit seinen Zweifeln angenommen wird. Also lassen Sie sich nicht von Menschen in Kategorien einordnen, sondern bleiben Sie offen und auf der Suche. Ich fand für mich das Buch "Glauben ist ganz einfach- wenn man nicht muss" von Martin Schultheiss und Fabian Vogt sehr hilfreich. Später auch " Im Zweifel glauben" von Margot Kässmann.
Alles Gute für Sie! MfG Andrea W.

Lieber Herr Muchlinsky,
danke für die Einordnung - dann bin ich also Christ, wenn ich mir vorstellen kann, dass es einen Gott gibt und in der Gemeinschaft eine Beziehung zu ihm aufbauen möchte. Aber wie weit muss ich meine Vorstellungskraft verbiegen?
Mich bremst immer noch und immer wieder, dass ich viele Dinge mit meinem Verstand erklären kann (oder dem anderer Menschen) und daher immer weniger Raum für "Gott" bleibt. Beispiele seien die Entstehung der Welt (Urknall), das Entstehen des Lebens im Mutterleib (Biochemie), Gefühle (ebenfalls Biochemie), Entstehen und Vergehen von Konflikten (Soziologie). Meinen Kindern ist das leichter zu erklären, sie wissen noch nicht so viel und nehmen die Erklärung "das hat Gott so gewollt/vorgesehen" gerne an. Noch.
So sehr ich mir den guten Gott ersehne, so schwer ist es doch zu erklären, wofür? Es bleibt nur wenig Raum und der wird immer kleiner, finden Sie nicht?
Und, falls es Gott denn doch gibt - woher soll ich wissen, dass er eine Beziehung von mir überhaupt will, ob in Gemeinschaft oder allein?
So viele Zweifel, vielleicht sollte ich mich Thomas nennen :-)

Beziehungen können wachsen, schrumpfen und auch kaputt gehen. Beziehungen können tief und ­intensiv, aber auch oberflächlich und beiläufig sein.
 
Gott wollte Beziehung zu den Menschen - das bezeugt auch die Bibel. Gott hat eine vertrauensvolle Beziehung zu Adam und Eva, zu Abraham, Gott leitet sein auserwähltes Volk, er erzieht es, er spricht zu ihm, er warnt es, er lobt es, er zieht es an sein Herz, er umwirbt es mit seiner Liebe. Schließlich kommt Gott in der Person seines Sohnes Jesus Christus auf diese Welt, um für uns Menschen begreiflich, anfaßbar zu werden. Wenn dann immer noch Zweifel bestehen, obwohl Gott anfaßbar wurde, dann ist meiner Meinung nach die Beziehung eingeschlafen. Ob sie noch zu retten ist???

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