Christliches Verhalten bei Nachbarschaftsstreit

gestellt von Tina Jacques am 28. Juli 2017

Hallöchen.. meine Frage ist: Wie sollte ich mich gegenüber einer ständig provozierenden, angreifenden und beleidigenden Nachbarin verhalten. Wir wohnen zur Miete in einer Liegenschaft, wo die meisten Mitbewohner im eigenen Eigentum wohnen und die Nase recht hoch tragen. Die Angriffe dieser Frau reichen von Auto zerkratzen bis Nachrufen bei nächtlichen Spaziergängen mit dem Hund. Ich wollte schon einmal zu ihr sagen "Smile, Jesus loves you" oder einfach laut anfangen, in ihrer Gegenwart zu Gott zu sprechen, so in der Art " Vater, bitte helfe unserer Schwester Frau K... mit ihrem Problem"... so in der Art? Wir überlegen ja auch schon wieder wegzuziehen, aber dann hätte der Teufel ja schon wieder gewonnen. Help?

Liebe Frau Jacques,

das ist wirklich unschön, was Sie von Ihrer Nachbarin berichten! Verbale Angriffe und ein zerkratztes Auto? Das geht gar nicht! Wenn alle Gesprächsangebote gescheitert sind, ist beim zerkratzten Auto bei aller Nächstenliebe eine Anzeige bei der Polizei vermutlich der beste Schritt.

 

Was also tun? Ich bemerke in Ihren "Lösungsvorschlägen" einen ironischen Unterton: Sie haben die Schnauze voll und haben die Situation lange genug demütig ertragen. Das kann ich gut verstehen. Gleichzeitig ist es schön zu wissen, dass Sie den Humor nicht verlieren. Das ist meiner Meinung nach das Wichtigste. Denken Sie sich Ihren Teil, provozieren Sie aber nicht. Das lässt die Situation nur eskalieren und macht am Ende alles schlimmer. Ein kleines Gebet um Hilfe für Ihre Nachbarin kann nicht schaden und zeigt immerhin, dass Sie trotzdem um sie besorgt sind. So hat es ja Jesus selbst gepredigt:

 

Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen. (Lukas 6,27f.).

 

Mir gefällt Ihr Geist der Vergebung. Sie sind auf einem guten Weg, auch wenn man sich natürlich fragt, wieviel Kraft es kostet, sich auch noch um die gehässige Nachbarin zu kümmern.

 

Trachte nicht nach Bösem gegen deinen Nächsten, der arglos bei dir wohnt. (Sprüche 3,29).

 

Natürlich sollen wir unseren Nachbarn nichts Böses tun. Was aber, wenn die Nachbarn gerade nicht "arglos" bei einem wohnen? Auge um Auge und Zahn um Zahn? Jesus hat unbedingte Gottes-, Nächsten- und Feindesliebe gefordert. Vielen fällt dieser Gedanke schwer. Wie kann ich diejenigen lieben, die mich so schikanieren?

 

"Die Kirche sagt, du sollst deinen Nachbarn lieben. Ich bin überzeugt, dass sie meinen Nachbarn nicht kennt.", soll Sir Peter Ustinov einmal gesagt haben. Auch der Psalter kennt Verse, die dieses Gefühl teilen: Wir sind bei unsern Nachbarn zur Schmach geworden, zu Spott und Hohn bei denen, die um uns her sind. (Psalm 79,4).

 

Wer ungerecht behandelt wird und durch andere zu Schaden kommt, kennt Rachegelüste und aggressive Gedanken. Meint Jesus letztlich, man soll diese Gefühle schlichtweg unterdrücken? Sigmund Freud hat das so interpretiert und Jesu Forderung abgelehnt. Gefühle zu unterdrücken sei keine Option und führe zum Aggressionsstau. Ich sehe Jesu Forderung so, dass man seine Gefühle umwandelt und neu ausrichtet. Also die Gefühle rauslassen, indem man anders aktiv wird und so – entgegen aller Erwartung (Ihrer Nachbarin) – eine neue Situation schafft.

 

Haben Sie Ihre Nachbarin in letzter Zeit einmal angesprochen? Oder vielleicht sogar einfach mal auf einen Kaffee eingeladen? Sprich mit deinem Nachbarn, ehe du ihm Vorwürfe machst. (Jesus Sirach 19,14). Natürlich klingt das zunächst völlig verrückt. So stelle ich mir eine mögliche Reaktion von Jesus vor. Einfach einmal das Gegenteil tun, von dem, was alle erwarten. Jesus ist mit dieser Taktik immer wieder angeeckt und hat die Leute trotzdem zum Staunen gebracht. Im Einzelfall muss man natürlich abwägen, was das Verhältnis zulässt. Ich könnte mir aber gut vorstellen, dass es den Versuch wert wäre. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. (Röm 12,21), hat Paulus dazu gesagt. Lassen Sie sich nicht provozieren. Werfen Sie Ihrer Nachbarin auch keine Bibelstellen an den Kopf. Suchen Sie das Gespräch auf Augenhöhe, wenn das noch möglich ist. Kommunikation ist immer besser, als stillschweigend zu resignieren.

 

Wenn alle Züge abgefahren sind, hilft nur, dass Sie sich vor Ihrer Aggression schützen (innerlich wie äußerlich) und im schlimmsten Fall mit anwaltlicher Hilfe  gegen Beleidigungen und Sachbeschädigungen vorgehen.

 

Ich hoffe, die Situation bessert sich und Sie finden kleine Schritte, dazu beizutragen. Verlieren Sie den Mut nicht und bleiben Sie tapfer!

 

Herzliche Grüße

Helge Bezold

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Kommentare

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