Rechtfertigung allein durch Glauben – also nicht für alle Menschen?

gestellt von Juliane am 28. Juli 2017

Liebe Redaktion, nach Luthers Rechtfertigunglehre werden wir allein aus dem Glauben gerechtfertigt. Gleichzeitig bezieht sich Gottes Liebe auf alle seine Geschöpfe, oder? Ich frage mich nun, ob ich aus christlicher Perspektive argumentieren kann, dass alle Geschöpfe von Gott dem Vater und dem Sohn geliebt werden (und also auch erlöst werden), auch wenn sie nicht an ihn/sie glauben? In anderen Worten frage ich mich also, ob Atheist*innen auch von Gott geliebt werden und durch Jesus erlöst werden? Nach Luthers Rechtfertigungslehre übernähme Christus für Atheist*innen keine Stellvertretung im Jüngsten Gericht, oder? Herzliche Grüße, Juliane

Liebe Juliane,

 

vielen Dank für diese spannende und ein bisschen vertrackte Frage. Die theologische Literatur zur Frage nach der Rechtfertigung würde eine ganze Bibliothek füllen. Extrempositionen gibt es dabei genauso wie abwägende und vorsichtige Haltungen. Ich versuche einmal, mein Verständnis hier ein wenig schlanker darzulegen.

 

Nach evangelischer Auffassung geschieht Rechtfertigung vor Gott nicht durch eigene Verdienste, sondern zunächst aus Gnade. So steht es im vierten Artikel des Augsburger Bekenntnisses. Anders als die damalige römische Lehre, bekennen die Protestanten, dass man sich einen gnädigen Gott nicht durch Taten verdienen kann. Die göttliche Gnade (und seine Liebe) ist in meinem Verständnis zwar umfassend und gültig für alle Geschöpfe. Im zweiten Satzteil des Artikels heißt es aber weiter: „... aus Gnade um Christi willen durch den Glauben, nämlich wenn wir glauben, dass Christus für uns gelitten hat und dass uns um seinetwillen die Sünde vergeben, Gerechtigkeit und ewiges Leben geschenkt wird.“ Der Glaube hängt also in der evangelischen Lesart eng mit der Rechtfertigung zusammen. Heißt das nun, dass alle, die nicht oder anders glauben, keine Chance auf Rechtfertigung haben? Luther selbst hatte mit der Vorstellung einer ewigen Verdammnis für Ungläubige weniger Probleme, als wir das heute tun. Da haben Sie recht. Auch heute gehört die Vorstellung eines Jüngsten Gerichts fest zur Vorstellung der christlichen Kirchen. Dort stehen alle Menschen vor Gott und mit ihnen auch alle ihre Sünden. Wie das ausgeht, ist wiederum von der göttlichen Gnade abhängig.

 

Nach evangelischem Verständnis hängt die Rechtfertigung des Menschen durch Gott zusammen mit der Annahme, dass alle Menschen Sünder sind. Damit ist eine grundlegende, negative Aussage über den Menschen an sich gemacht. Niemand kann sich durch besonders gute Taten oder besonderen Glauben mehr göttliche Gnade verdienen. Alle Menschen sind Sünder – ChristInnen wie AtheistInnen. Auch diejenigen Menschen, die ihr Leben nach Christus ausgerichtet haben, haben keinen „Freibrief“. Alle Menschen bedürfen göttlicher Gnade. In diesem Glauben hoffe ich letztlich darauf, dass Gott mit seinen Geschöpfen jeder (nicht-/religiösen) Überzeugung gnädig „ins Gericht geht.“

 

Herzliche Grüße

Helge Bezold

Fragen zum Thema

Kommentare

1. Herr Bezold, wie sicher sind Sie sich, dass es sich bei dieser Vorstellung nicht lediglich um ein von Menschen zu bestimmten Zwecken erdachtes Gedankenkonstrukt handelt?

2. Wenn die angebliche Belohnung oder Bestrafung in keinem Zusammenhang mit diesseitigem menschlichem Verhalten steht und sowieso alles von Gottes Gnade abhängt, der demzufolge also nach unbekannten Maßstäben "ins Gericht geht", welche Bedeutung soll dieser Gott dann für die irdische Lebenswirklichkeit noch haben?

3. Wie stellen Sie sich das konkret vor: Sind Sie der Meinung, dass menschliche Persönlichkeiten unabhängig vom Körper, also irgendwie virtuell und auch noch nach dem Tod (weiter-)existieren? Wenn ja: Wie und wo soll das sein? Und auf welche Anhaltspunkte stützt sich diese Vorstellung?

4. Angenommen, Gott geht, wie von Ihnen erhofft, sowieso mit allen Menschen unabhängig von deren Verhalten "gnädig ins Gericht", welche Rolle spielt dann noch die von Ihnen behauptete "Sündigkeit"?

5. Wäre es nicht viel sinnvoller und näherliegend, sich um ein erfülltes und glückliches Leben im Diesseits zu bemühen, ohne dabei gleichberechtigte Interessen Anderer zu verletzen?

6. Und eine letzte Frage: Wieso sollte man Ihrer Meinung nach das alles glauben?

Lieber Marc,

gut, dass Sie kritisch nachhaken! Natürlich sind theologische Ansätze wie die Rechtfertigung "Gedankenkonstrukte". So versuchen Menschen Ihren Glauben zu reflektieren und im Rahmen Ihrer theologischen Vorstellungen plausibel zu machen. Ob es sich mit der "Rechtfertigung" so verhält, wie wir das glauben, "wissen" wir natürlich nicht. Darüber bin ich mir als Christ und als Theologe immer im Klaren.

Ich glaube nicht, dass alles, was man im Leben tut und wie man sich verhält, irrelevant ist. Die Bibel fordert uns zu einem gemeinschaftlichen Leben in Liebe und Gerechtigkeit auf, weil das die Werte sind, mit denen wir uns als sein Gegenüber begreifen und der Vorstellung seines Ebenbilds entsprechen. Wie Gott unser Leben (und auch unsere "Sündigkeit") letztendlich sieht, überlasse ich aber ihm.

Ich glaube daran, dass Gott seine Beziehung zu Menschen in ihrer Person, ihrem Wesen, ihrer Geschichte und auch ihrem Körper über den Tod aufrecht erhält, mit der Auferstehung aber gleichzeitig etwas Neues passiert. Anhaltspunkt dafür ist die Auferstehung Jesu Christi, die die ersten Christen bezeugten und an die ich (und die ChristInnen dieser Welt) glaube(n). Ich suche keine wissenschaftlichen Argumente für meinen Glauben daran, sondern vertraue in diesem Punkt Gottes Liebe, die ich in diesem Leben erlebe.

Es ist überaus sinnvoll und naheliegend, dass wir uns um ein erfülltes und glückliches Leben im Diesseits bemühen! Aus christlicher Sicht sind die Nächstenliebe und der Einsatz für eine gerechte Welt die wichtigsten Maßstäbe. Gleichzeitig glaube ich, dass kein Mensch perfekt ist und das anerkennen darf.  Gerade weil ich mich für eine gerechtere Welt einsetze und weiß, dass ich sie nicht "perfektionieren" kann, bleibe ich auf Gottes Zusage angewiesen. Als Christ lebe ich in dieser Spannung zwischen Anspruch und Zuspruch. Das ist für mich auch eine Spannung zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen schon und noch nicht. So verstehe ich Jesu Predigt vom Reich Gottes, das angebrochen, aber noch nicht vollendet ist. Diese Spannung motiviert mich und befreit mich zugleich. Deshalb glaube ich daran.

 

Herzliche Grüße

Helge Bezold

Liebe Juliane,

Ich würde gerne dem Gedanken "Gott liebt alle Menschen, deswegen erlöst Er sie auch alle" noch eine Überlegung beistellen. Die Bibel bezeugt uns ganz deutlich Gottes unbedingte Liebe zu allen Menschen. Nach meinem Verständnis ist die Erlösung, die man sich nicht verdienen kann, aber auf die Reaktion des Einzelnen angewiesen: ein Geschenk kann man annehmen - oder eben auch nicht. Ich glaube, das hat damit tun, dass Gott uns als Wesen mit einem Freien Willen geschaffen hat. Nur ein Freier Wille kann ehrlich "zurücklieben" - weil Gott eben keine Marionetten wollte.

So ist die Erlösung wohl beides: Geschenk für alle, aber wirksam nur für die, die sie auch wollen.

Liebe Grüße von Phil.

Warum soll jemand erlöst werden, wenn dieser gar nicht an die Erlösung glaubt?
Eine Zwangs-Erlösung gibt es nicht! Ab mit dir in den Himmel??? Wohl eher nicht.

Für die meisten Menschen auf dieser einmaligen Erde ist das ganze Leben eine Hölle und die große Lüge, nach dem Tode wird alles besser, ist eine Frechheit.
Schön für den- oder diejenigen die auf der richtigen Seite stehen und leben.
Und das gilt für Christen und Nichtchristen. Einfach nur Glück gehabt. Wovon soll ich also erlöst werden?

@Wolfgang

1.Petrus 4
...Das befremdet sie, daß ihr nicht mit ihnen laufet in dasselbe wüste, unordentliche Wesen, und sie lästern; aber sie werden Rechenschaft geben dem, der bereit ist, zu richten die Lebendigen und die Toten. Denn dazu ist auch den Toten das Evangelium verkündigt, auf daß sie gerichtet werden nach dem Menschen am Fleisch, aber im Geist Gott leben.…

Sie können gerne umkehren zum Kreuz bevor es zu spät ist. Dies gilt allerdings auch für unsere Politiker in Deutschland.

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