Ist Menschlichkeit eigentlich eine Sünde?

gestellt von Joel A. am 30. August 2017
Menschen

Foto: Fotolia/stockpics

Meine Frage die oben bereits schon steht, beschäftigt mich schon seit meiner Kindheit (bin jetzt 21).
Ich werde auch noch andere Glaubensgemeinschaften fragen, wie z.b. die Islamisten, die Buddhisten oder auch die Zeugen Jehovas, da mich die Meinung aller Glaubensrichtungen interessiert.

Ich persönlich, glaube an Gott! Allerdings will ich mich keiner Glaubensgemeinschaft anschließen. Ich hoffe trotzdem, dass ich eine Antwort bekomme, wenn es denn auch eine gibt.

Lieber  Joel A.,

 

ich muss meine Antwort mit einem "Also …" beginnen, weil ich möchte, dass wir einander richtig verstehen.

Also, zu allererst möchte ich Ihnen unbedingt den Unterschied zwischen dem Islam und seinen Anhänger*innen (Muslime) einerseits und den sogenannten "Islamisten" andererseits erläutern. Muslime sind alle Menschen, deren Religion der Islam ist. Islamisten sind Radikale, die den Islam benutzen, um ihre Ziele zu verfolgen. Islamisten zünden Bomben, Muslime beten in Moscheen. Bitte verwechseln Sie das nicht, denn es ist eine Beleidigung für Muslime, wenn man sie als Islamisten bezeichnet.

Zweitens, eine etwas feinere Unterscheidung: Christentum, Islam und Buddhismus sind Religionen. Wer sich Ihnen anschließt, gehört dann zu einer Glaubensgemeinschaft. Innerhalb der Religionen gibt es häufig Glaubensrichtungen, zu denen gehören zum Beispiel die Zeugen Jehovas.

Drittens: Ich bin nicht sicher, ob ich Ihre Frage richtig verstehe: Fragen Sie sich, ob das Menschsein (also die Tatsache, dass wir alle Menschen sind) Sünde ist? Oder meinen Sie Menschlichkeit im Sinne von: Sich anderen gegenüber menschlich verhalten? Ich nehme an, dass Sie "Menschsein" meinen und nicht "Menschlichkeit" im Sinne von "Mitmenschlichkeit". Darum werde ich in meiner Antwort auf das Menschsein eingehen, und wie das Christentum über dieses Menschsein denkt.

 

Der Mensch ist nach christlichem Verständnis zu allererst ein Geschöpf Gottes. Das heißt, er ist von Gott gewollt und gemacht. An ihm ist also alles gut und richtig. (Siehe zum Beispiel 1. Mose 1,26-28) Geschöpf sein bedeutet auch: Endlich sein, also sterblich. Das unterscheidet den Menschen sehr deutlich von Gott, dem Schöpfer, der eben unendlich ist. (Vergleiche zum Beispiel Psalm 90)

Der Mensch ist außerdem nach christlichem Verständnis Gottes Ebenbild (steht ebenfalls in 1. Mose 1,27), das bedeutet, dass in uns etwas von dem Göttlichen unseres Schöpfers selbst steckt. In der Schöpfungsgeschichte heißt es, Gott habe dem Menschen seinen eigenen Atem eingehaucht, damit er lebt. Der Mensch ist also nicht nur Geschöpf (Kreatur), sondern auch selbst schöpferisch begabt (also kreativ).

Drittens ist der Mensch nach christlichem Bild ein Wesen, das von Anfang an in Beziehung lebt. In einer waagerechten Beziehung – also mit anderen Menschen und in einer senkrechten Beziehung, also mit Gott. Diese Beziehungen des Menschen machen seine Aufgabe aus. Der Mensch soll sich in diesen Beziehungen zu seinen Mitmenschen und zu Gott seiner Ebenbildlichkeit mit Gott als würdig erweisen. So wie Gott liebt und Gutes schafft, so soll es der Mensch tun. Da der Mensch aber eben nicht Gott ist, weil er endlich und darum beschränkt ist, kann der Mensch diesen Auftrag Gottes niemals ganz erfüllen. Er wird immer an einen Punkt kommen, an dem er scheitert. Darum braucht der Mensch Gottes Vergebung, weil er seinem Auftrag nicht gerecht werden kann.

 

Man könnte dieses Scheitern als Sünde bezeichnen, und einige Theologinnen und Theologen tun das auch, wenn sie zum Beispiel vom "Sündenfall" reden in dem Moment, als Adam und Eva von der Frucht essen, die Gott ihnen verboten hat. (1. Mose 3) Der Mensch ist gar nicht fähig und in der Lage, ohne solche Fehler zu leben, so sagt die Bibel. Darum könnte man tatsächlich sagen: Ja, der Mensch ist durch sein Menschsein grundsätzlich ein Sünder. Nicht das Menschsein selbst, aber der Mensch. Aber nun hat Gott den Menschen doch genauso geschaffen: Endlich, fehlbar, begabt und unfähig, alles richtig zu machen. Gott liebt die Menschen und müsste sie doch gleichzeitig verurteilen. Wie kommt man aus dieser Schleife also heraus? Indem Gott die Initiative übernimmt und den Menschen im wahrsten Sinne entgegenkommt. Nach dem christlichen Glauben ist Gott selbst Mensch geworden. In Jesus ist Gott selbst einer von denen geworden, die eigentlich nicht dazu in der Lage sind, ohne Sünde zu leben. (Vergleiche hier Johannes 3,16-18) Der Ewige selbst, der Unendliche wird plötzlich einer der Geschöpfe, einer der Sünder. Das ist im Grunde unmöglich, doch es ist genau der Weg, auf dem Gott – so glauben Christinnen und Christen – auch die Menschen radikal verändert hat. Ihre Aufgabe ist immer noch dieselbe, nämlich in ihren Beziehungen zu anderen Menschen und zu Gott alles richtig zu machen, doch ist ihnen das Scheitern ausdrücklich erlaubt. Zusammengefasst: Ja, der Mensch kann nicht ohne Sünde, aber er kann sich auf Gott verlassen, dass er ihm das verzeiht. Das ist ist gemeint, wenn das Christentum von "Rechtfertigung aus Glauben allein" spricht. (Das wird zum Beispiel im Brief des Paulus an die Römer erläutert: Röm 3,21-31)

 

Ich hoffe, das hilft Ihnen etwas weiter.

Herzliche Grüße

Frank Muchlinsky

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