Deutsche Bibelübersetzungen für konservative oder liberale ChristInnen?

gestellt von Kenneth am 13. September 2017
Bibeln

Foto: Sarika Feriduni/evangelisch.de

Mich würde interessieren, ob es - ähnlich wie bei den englischsprachigen Bibelübersetzungen (z. B. NRSV Bible) - auch deutschsprachige Bibeln gibt, welche eher von konservativen ChristInnen gelesen und verwendet werden, und solche, welche eher liberale ChristInnen lesen?

Lieber Kenneth,

 

es gibt ja eine große Anzahl von Bibelübersetzungen, und jede von ihnen hat sicherlich eine bestimmte Gruppe, die am liebsten auf genau diese zurückgreift. Allerdings stellt sich natürlich die Frage: Was ist denn ein konservativer Christ? Beziehungsweise, was erwartet eine konservative Christin von ihrer Bibelübersetzung?

 

Konservativ hat das lateinische Wort "conservare" in sich, und das bedeutet zunächst einmal nichts anderes als bewahren. Wenn man unter konservativ also jemanden versteht der gerne etwas bewahren möchte, muss man als nächstes fragen, was es ist, dass er oder sie bewahren möchte. Möchte ein konservativer Christ vor allem die Lutherübersetzung bewahren? Dann ist die 2017er Lutherbibel ausgesprochen geeignet. Oder heißt "bewahren" in dem Fall, dass man am liebsten eine Übersetzung hätte, die möglichst nah am hebräischen und griechischen Urtext ist? Dann wären die Zürcher Bibel oder die Elberfelder Übersetzung konservativ zu nennen. Am konservativsten wäre es für katholische Christinnen und Christen, sich an die Lateinische Übersetzung zu halten, weil die sozusagen die gültige ist, an der sich die anderen Übersetzungen zu messen haben. Auch die Neue Welt Übersetzung, die Bibel der Zeugen Jehovas, ist in diesem Sinne ausgesprochen konservativ, denn sie versucht – von einigen gravierenden theologischen Entscheidungen abgesehen – möglichst genau am Urtext zu sein.

 

Wenn Sie unter einem konservativen Christen verstehen, dass er die Bibel wörtlich nimmt, dann wird die Wahl der Bibel dieser Person wohl vor alle damit zu tun haben, in welchem Zusammenhang sie ihren Glauben lebt und nicht damit, wie nah sie am Urtext ist. In diesem Sinne konservative Mitglieder einer Freikirche werden die Bibel nehmen, die dort üblicherweise benutzt wird, Lutheraner die Lutherbibel und Reformierte die Zürcher. Allerdings ist der Rückschluss nicht zulässig: Wer die Lutherbibel bevorzugt, hat dafür mehrere Gründe. Ob er oder sie deswegen konservativ ist, lässt sich daraus nicht ableiten. Ich selbst mag die Lutherbibel auch am liebsten, bin aber weit davon entfernt, die Bibel für das eindeutige Wort Gottes zu halten. Ich mag den Klang, und in dieser Hinsicht bin ich wohl konservativ, weil ich mir diesen Klang bewahre, der ja mittlerweile bald 500 Jahre alt ist.

 

Sie sprechen auch von liberalen Christinnen und Christen. Im Wort "liberal" steckt "Freiheit". Liberale Christinnen wären also wörtlich diejenigen, die sich Freiheiten nehmen. Im Bezug auf die Bibelübersetzungen könnte man also liberal nennen, was sich die meisten Freiheit in der Übersetzung nimmt. Die Gute Nachricht Übersetzung ist in diesem Sinne liberal, denn sie will verständlich sein und nimmt sich die Freiheit, nicht alles wörtlich zu übersetzen, sondern eher erzählerisch zu werden. Besonders liberal in diesem Sinn ist die Volxbibel, bei der Leserinnen und Leser über eine Wiki selbst Vorschläge zur Übersetzung machen können.

 

Wenn sie liberal vor allem als Gegenteil von konservativ verstehen in dem Sinne, dass man die Bibel eben nicht als eindeutiges Wort Gottes versteht, ist unbedingt die Bibel in gerechter Sprache zu nennen, die aus theologischen Gründen massiv in den Text eingreift, um eine Übersetzung zu bekommen, die frei ist von Ungerechtigkeiten. Sie ist in diesem Sinne extrem liberal, und durch ihre Formulierungen ist sie ein Dorn im Auge vieler Menschen, die sich Gott zum Beispiel unter keinen Umständen als weiblich vorstellen möchten. Wieder gilt: Der Umkehrschluss ist nicht zulässig. Wer die Bibel in gerechter Sprache nicht mag, muss deswegen nicht konservativ sein. Allerdings können Sie im diesem Fall davon ausgehen, dass wer die Bibel in gerechter Sprache mag, tatsächlich in diesem Sinne liberal ist.

 

Der wirklich freie Geist aber sollte sich nicht auf eine einzige Bibelübersetzung festlegen, denn alle enthalten ihre Wahrheiten und Einsichten. Bibelübersetzungen sind schließlich bereits Interpretationen der Bibel, und je mehr Interpretationen man sich anschaut, desto mehr Einsichten wird man selbst in die Bibel erlangen. Sehr hilfreich ist hier der bibleserver, der viele verschiedene Übersetzungen bereithält.

 

Ich hoffe, ich konnte Ihnen weiterhelfen und grüße herzlich!

Frank Muchlinsky

Kommentare

Lieber Frank Muchlinsky,

vielen Dank für Ihre ausführliche und fundierte Antwort. Tatsächlich lassen sich die Wörter "konservativ" und "liberal" vielseitig deuten, was auch gut so ist. Seit ein paar Jahren hab ich vor allem englischsprachige Bibeln, wie "New Believer's Bible", "NLT Study Bible", "The Wayfinding Bible", "Live Application Study Bible" (New Living Translation) als E-Books gelesen bzw. hineingelesen und mir vor kurzem eine "Harper Collins Study Bible" (New Revised Standard Translation) gekauft und bin über die Beschäftigung mit unterschiedlichen Bibelübersetzungen im Englischen und unterschiedlichen Kritiken daran auf die unterschiedlichen Bibeln im deutschen Sprachraum gekommen. Es scheint in Deutschland eher Kritik an bestimmten Versionen der Bibel (z. B. Lutherbibel) zu geben, und zwar besonders dann, wenn bestimmte Übersetzungtraditionen durch gender-gerechte Sprache ersetzt werden. Bestimmte Bibeln, welche eher von ("politisch") konservativen und eher von ("politisch") liberalen ChristInnen gelesen werden scheint es aber, so wie sie selbst schreiben, in Deutschland eher weniger zu geben. Auch die neue Lutheribel wird ja von konservativen wie von liberalen ChristInnen gelesen. Die "Bibel in gerechter Sprache" wäre mir, denke ich, selbst zu liberal - aber weniger vom Anliegen, sondern vielmehr, dass sie die Bibel zu frei übersetzt wurde, und zwar auch an Stellen, wo es historisch patriarchal zuging.

Beste Grüße,
Kenneth Plasa

„(...) ist unbedingt die Bibel in gerechter Sprache zu nennen, die aus theologischen Gründen massiv in den Text eingreift, um eine Übersetzung zu bekommen, die frei ist von Ungerechtigkeiten.“

Mit Verlaub, aber es geht bei dieser „Übersetzung“ wohl eher Ideologie als um Theologie.

Neuen Kommentar schreiben

Hier ist Ihre Meinung gefragt. Wenn Sie etwas zu diesem Thema beitragen möchten, geben Sie einfach Ihren Namen an (wenn Sie das Feld leerlassen erscheint "Gast" auf der Website) und geben Sie Ihren Text ein. Die Redaktion behält sich vor, welche Kommentare veröffentlicht werden. Radikale politische Äußerungen und persönliche Beleidigungen werden grundsätzlich nicht veröffentlicht.
CAPTCHA
Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob Sie ein menschlicher Benutzer sind und um automatisiertem Spam vorzubeugen.
Bild-CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.