Kann ich glauben lernen?

gestellt von Katharina am 26. November 2017
Glauben lernen

Foto: Getty Images/iStockphoto/apichon_tee

Lieber Herr Muchlinsky,

ich bin wenig religiös erzogen worden und erst durch die Konfirmation mit der Religion in Kontakt gekommen. Mir fehlt somit ein intuitiver, früher Zugang zum Glauben und mein „Einstieg“ war erst in einem Alter, das das Hinterfragen von Dingen mit sich bringt. So hat mich der Pfarrer in meinem Konfirmationsunterricht fast des Raumes verwiesen, als ich sagte, dass ich mir die Jungfrauengeburt nicht vorstellen könne.

Heute sehe die Jungfrauengeburt als Übersetzungsfehler bei dem aus „junge Frau“ fälschlicherweise Jungfrau wurde. Christus ist für mich ein Symbol dafür, dass wir alles Gottes Kinder sind und er ist für mich ebenso göttlich, wie jeder andere Mensch. Auch die Auferstehung ist für mich eher ein Gleichnis. Und Gott ist sowohl Du, als auch - im pantheistischen Sinne - eine Kraft, die alles durchdringt.

Meine Fragen dazu: Widerlaufen meine Einschätzungen unumstößlichen Glaubensinhalten der evangelischen Kirche? Und falls ja: Wieso können einige Dinge gleichnishaft gesehen werden (Stichwort Schöpfungsgeschichte neben der inzwischen auch von der Kirche anerkannten Evolutionstheorie), andere wiederum nicht? Macht dieses die Kirche nicht bei aufgeklärten Menschen im wahrsten Wortsinn „unglaubwürdig“?

In meinem Umfeld erlebe ich Menschen, die von klein auf christlich erzogen wurden - und etwas haben, was ich religiöses Urvertrauen nennen würde. Auch sie zweifeln viele Glaubenssätze an, fühlen sich durch den frühen emotionalen Zugang in ihrer Kindheit aber in Gottes Hand geborgen.

Haben Sie eine Idee, wie ich diesen emotionalen Zugang finden könnte, also zuzusagen lernen könnte, zu glauben? Denn die religiöse Leerstelle in meinem Leben würde ich gerne füllen, bei Gottesdiensten z.B., die mir eher blutleer erschienen, ist mir dies allerdings bislang nicht gelungen.

Mit Spannung freue ich mich auf Ihre Antwort.

Katharina

Liebe Katharina,

es ist gut, dass Sie suchen, und ebenso gut ist es, dass Sie zweifeln und nicht einfach schlucken, was Ihnen vorgesetzt wird. Glauben kann man schon lernen, denke ich, zumindest kann man ihn üben. Das fällt natürlich leichter, wenn man damit aufwächst. Dann ist es wie eine Muttersprache, bei der man keine Vokabeln trainieren und keine Grammatik zu verstehen braucht, um sie zu sprechen. Man lernt es einfach so nebenbei. Darum kann ich gut verstehen, wenn Sie sagen, dass Ihnen Ihr "Hinterfragen" immer wieder sozusagen in die Quere kommt. Sie möchten sich gern auf das Glauben einlassen, doch Sie stolpern immer wieder über das, was Sie gerade nicht glauben können.

Dabei ist das, was Sie schreiben, so ziemlich der Konsens der meisten Leute, die ich kenne, und die von sich durchaus sagen, dass sie glauben. Jungfrauengeburt? Problematisch. Die Auferstehung? Unvorstellbar. Die Schöpfung? Ein Gleichnis. Gott? Eine Kraft und gleichzeitig ein Gegenüber. Ehrlich gesagt, sind Sie mit der letzten Aussage näher an dem, was dem Christentum besonders wichtig sind, als viele andere, die sich als Christen bezeichnen: Gott ist ein Gegenüber. Das – so behaupte ich – ist eine der Voraussetzungen, christlich glauben zu können. Gott ist nach christlichem Verständnis mehr als eine unpersönliche Kraft, sondern ein Du, wie Sie auch schreiben.

Bei Ihren Versuchen zu glauben (so möchte ich nennen, was Sie beschrieben haben), haben Sie versucht, die Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Sie haben nach Erklärungen gesucht, wie es denn angehen kann, dass in der Bibel zum Beispiel von Jungfrauengeburt die Rede ist, von Schöpfung oder von Auferstehung. Die Antworten, die Sie gefunden haben, sind unterschiedlich befriedigend für Sie, denn Sie wissen, dass an einigen Aussagen mehr hängt als an anderen, und wenn Sie davon ausgehen, dass diese Aussagen "Gleichnisse" sind, dann fehlt etwas. So habe ich Sie zumindest verstanden. Mit anderen Worten: Ihre Antworten befriedigen Ihren Intellekt aber nicht Ihr Gefühl, Ihren Wunsch, diese "Leerstelle zu füllen".

Ich denke, der Weg, der Sie weiterbringen kann, verläuft nicht über Ihren Intellekt. Denn was ist damit gewonnen, wenn ich "Jungfrau" als einen Übersetzungsfehler erkenne, wenn doch viele Menschen an die Jungfrauengeburt glauben, und es jeden Sonntag im Gottesdienst genauso bekannt wird? Was ist damit gewonnen, wenn man die Schöpfungsgeschichte und die Auferstehung Jesu als "Gleichnisse" begreift, wenn anscheinend der gesamte christliche Glauben darauf aufbaut, dass Gott in Jesus Christus Mensch wurde, lebte, starb und wieder auferstand? Sich solche Aussagen über Gott zu erklären, ist für den Glauben vollkommen unfruchtbar.

Glaubensaussagen sollen ausdrücken, was einem wichtig ist, woran man sich festhalten will und nicht, was man gefälligst glauben soll. Darum sage ich Ihnen: Vergessen Sie für einen Moment alles, von dem Sie meinen, dass Sie es glauben müssen! Konzentrieren Sie sich ganz auf das, was Sie tatsächlich glauben. Sie haben ja schon einiges davon aufgeschrieben. Vielleicht können Sie daraus Ihr ganz persönliches Glaubensbekenntnis formulieren. Wie ich schon sagte, stehen Sie mit dem, was Sie mir geschrieben haben, nicht im Abseits. Lassen Sie einmal alle Themen weg, mit denen Sie nichts anfangen können. Formulieren Sie nicht Ihren Zweifel, sondern ganz direkt Ihren Glauben.

Dieses Glaubensbekenntnis lassen Sie eine Nacht ruhen. Am nächsten Tag schauen Sie, ob es noch passt, oder ob Sie doch wieder Zweifel haben. Dann ändern Sie fröhlich drauf los und lassen es wieder eine Nacht ruhen, bis Sie – zumindest fürs erste – zufrieden sind. Und dann beginnen Sie zu beten. Sie sagen, dass Gott für Sie auch ein "Du" ist. Dann sprechen Sie mit diesem "Du". Tun Sie das leise und für sich ganz allein. Oder wollen Sie sich lieber reden hören dabei? Dann eben laut. Die Form ist ganz egal. Wichtig ist, dass Sie Gott sagen, was Sie glauben. Machen Sie aus Ihrem Bekenntnis ein Gebet. Sagen Sie Gott, was Ihnen gut tut an diesem Glauben, und wo Sie vielleicht noch etwas brauchen. Nehmen Sie sich Zeit dafür, aber setzen Sie sich nicht unter Druck, möglichst lange zu beten. Es ist so lange gut, wie es dauert. Wiederholen Sie das, so oft Sie mögen, und schauen Sie, wie es Ihnen dabei ergeht. Vielleicht erfahren Sie dann tatsächlich, dass das "Du", an das Sie sich wenden, sich Ihnen ebenfalls zuwendet. Wie gesagt: Konzentrieren Sie sich zunächst unbedingt auf das, was Sie tatsächlich glauben. Und wenn Sie irgendwann das Gefühl haben, dass das alles eine Bedeutung für Sie gewinnt, dann arbeiten Sie sich wieder an Ihren Einwänden ab. Dann versuchen Sie zu schauen, ob die Rede von Jesus Christus als dem einen Sohn Gottes für Sie einen Sinn ergibt, ja vielleicht sogar, ob es irgendeinen Sinn machen kann, von Jungfrauengeburt zu reden. Dann schreiben Sie mir gerne auch wieder. Und reden Sie mit anderen darüber – wenn es eine Bedeutung gewonnen hat.

Ich wünsche Ihnen alles Gute – so oder so!

Frank Muchlinsky

Fragen zum Thema

Kommentare

Lieber Frank, vielen Dank für deine Worte. Ich muss nochmal nachfragen, ob ich dich richtig verstehe: meinst du man soll sich einfach das aussuchen was einem aus dem christlichen Glauben Halt gibt? Denn dann sehe ich die Gefahr, dass es zu einer "ich-wünsche-mir-etwas"- Religion wird. Am besten man nutzt noch Aspekte aus anderen Weltreligionen, damit es mir besser gefällt.
Ist das der Sinn von Glaube?
Nur ein Impuls zum Nachdenken, liebe Grüße

Liebe Tanja,

schön dass Du nachfragst! Nein, so meine ich das nicht. Mit geht es darum, zunächst einmal eine Basis zu schaffen von dem, was man tatsächlich glaubt. Wer sich immer gleich den Zweifeln zuwendet, wird – wie Katharina – nicht weit kommen mit dem eigenen Glauben.

Natürlich gibt es im Christentum ausgesprochen wichtige, ja notwendige Glaubensinhalte. Aber auf die weise ich in meinem letzten Absatz ja auch hin. Wer eine Basis hat, kann sich den Inhalten zuwenden, mit denen er oder sie intellektuell Probleme hat. Der Zweifel gehört zum Glauben schließlich dazu und soll nicht verboten werden.

Das Schlagwort von der Beliebigkeit oder "Ich-wünsch-mir-was-Religion" verkennt, dass ohnehin jeder Mensch sich etwas anderes vorstellt unter Gott, auch wenn er die Bekenntnisse mitspricht, so wird doch jeder Mensch etwas anderes unter all den Worten verstehen, die gesprochen werden. Man sollte darum lieber von "Ich-stell-mir-was-anderes-vor-als-Du-Glauben" sprechen. Obwohl, das klingt auch nicht wirklich schön ;-)

Herzlich, Frank

"Was ist damit gewonnen, wenn man die Schöpfungsgeschichte und die Auferstehung Jesu als "Gleichnisse" begreift, wenn anscheinend der gesamte christliche Glauben darauf aufbaut, dass Gott in Jesus Christus Mensch wurde, lebte, starb und wieder auferstand?"
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Ich möchte gern einmal ergänzen, dass ich es gar nicht für problematisch halte, grundsätzliche biblisch fundierte Glaubensinhalte als Gleichnisse, oder vielleicht besser gesagt "Bilder" zu verstehen. Es ist ja nicht so, dass Bilder und Gleichnisse weniger Wahrheit beinhalten, oder im Gegensatz zum "wirklichen Glauben" stehen würden. Vielmehr können Bilder und Gleichnisse meines Erachtens durchaus selbst wirklich sein. Sonst hätte ja Jesus nicht auch in Gleichnissen gesprochen.
Ist es nicht so, dass die tiefsten Glaubensaussagen für uns, wenn überhaupt, erfahrbar, aber nicht (rational) begreifbar sind? Das Geheimnis Gottes entzieht sich doch ohnehin jedem rationalen Verstehen und damit auch unserer menschlichen Sprachfähigkeit. Ich sehe es so, dass dort, wo wir anfangen über Gott zu sprechen, unsere Sprache aufhört. Ich denke, so wie wir heute sprachlos vor dem Wunder der Auferstehung stehen, wenn wir davon in der Bibel lesen, ging es auch den Jüngern, die es "wahrhaftig" erlebten. Und weil eben die Wirklichkeit dieses geheimnisvollen und zugleich wunderbaren Ereignisses nicht in Worte zu fassen ist, bedarf es des Bildes, wie z.B. im Bild des zum Himmel auffahrenden Jesus im Himmelfahrtsbericht, um das auszudrücken, was menschliche Sprache nicht auszudrücken vermag. Aber nur weil ich es als Bild verstehe macht es das Ereignis an sich doch nicht weniger wahr.
Die biblische Überlieferung lebt von Bildern. Oder vielleicht noch konkreter: Bilder sind, so meine ich, sogar die Sprache der Bibel, weil der Kern ihres Inhalts ein Geheimnis ist, das sich der menschlichen Erfahrungswelt entzieht. Bilder fungieren im Grenzraum zwischen Rationalität und Geheimnis und können daher diesen transrationalen Raum erschließen.

Lange Rede - kurzer Sinn: Ich halte es für problematisch zu sagen, Glaubensaussagen als Gleichnis/Bild zu verstehen, widerspreche einem wirklichen Glaubensverständnis. Vielmehr denke ich das darin erst die Wirklichkeit des Glaubensgeheimnisses erschlossen werden kann. Insofern erachte ich Gleichnisse als außerordentlich hilfreich für den Glauben. Und im Bild der Auferstehung kann ich aus meiner tiefsten inneren Überzeugung und dem Vertrauen auf den geheimnisvollen und zugleich nahen Gott einstimmen in den österlichen Ruf: "Der Herr ist auferstanden! Halleluja. Amen."

Das ist mir völlig neu!
Der Mensch ist seit Adam und Eva "ein Sünder".
Von "göttlich" weit entfernt.

Blutleere im Gottesdienst? Um Gottes Willen!
Leiden Sie unter Mangeldurchblutung?

... lieber Herr Muchlinsky, liebe Tanja, lieber Theodor für die fundierten Worte und Gedanken-Anstöße. Vieles davon ist nachvollziehbar und hilfreich. Allen eine friedliche Adventszeit!

Katharina

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