Müssen wir noch Buße tun?

gestellt von Timo am 21. Dezember 2017

Foto: Getty Images/iStockphoto/ulkas

Wie halten wir es mit der Reue und der Buße im Glauben?

Sehr geehrter Herr Muchlinsky,
sind wir durch Jesus begnadet, oder müssen wir Buße tun, um vor Gott wieder frei von Sünde zu werden?
Ich habe von einem evangelischen Pastor gelesen, der über Gnade schreibt und redet und nach seiner Aussage steht klar im NT, das durch Jesu Opfer alle Schuld getilgt ist und wir durch den neuen Bund nicht weiter unter dem „Gesetz“ des AT stehen.
Vielen Dank für Ihre Mühen.

 

Lieber Timo,

ich mache mich einmal, stellvertretend für Pastor Muchlinksy daran, Ihre Frage zu beantworten.

Wie ist das eigentlich mit der Gnade Gottes? Bekommen wir die Gnade ohne jegliches Zutun unsererseits, einfach so ohne Gegenleistung? In mir persönlich rebelliert da die Pädagogin: Wenn ich einen Schüler dabei beobachte, wie er seinem Nebensitzer das Lineal über den Kopf zieht, dann ist mein erster Gedanke sicher nicht, ihm gnädig über den Kopf zu streicheln und ihm Wissen darum, dass er ja nicht anders kann, alles zu verzeihen – obwohl uns Religionslehrern der Ruf vielfach zu gnädig zu sein nicht grundlos anhaftet…Ganz ehrlich, ein bisschen Reue sollte da schon zu spüren sein. Ein Eingeständnis der Schuld, ein Gelöbnis zur Besserung und die Bitte um Verzeihung bei seinem Mitschüler. Das ist nun ziemlich anmaßend, mich als Lehrerin in die Position Gottes zu hieven, spannend finde ich jedoch, wie nah dieses Vorgehen dem mittelalterlichen Bußsakrament ist, das Martin Luther als junger Augustinermönch miterlebte. Hier wurden in der Ohrenbeichte die getanen Sünden aufgelistet (confessio oris), es bedurfte der aufrichtigen Reue (contritio cordis, der Zerknirschung des Herzens) und der Leistung einer Genugtuung (satisfatio operis) – zum Beispiel einen Ablassbrief zu kaufen. Gegen diese Praxis des Hochmittelalters packte Martin Luther der heilige Zorn. Er wandte sich gegen die Vorstellung, die Kirche könne als Institution ganz verbindlich die Gnade Gottes zusagen und das Heil nach ihrem Gutdünken austeilen. Zu einem solchen Kuhhandel dürfe die Buße nicht verkommen.

Was Luther dem entgegensetzt, kann man vielleicht am treffendsten als Verinnerlichung der Buße beschreiben, aber mitnichten als Verzicht auf die Buße! Und so steil eröffnet er seinen Thesenkatalog:

Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte: "Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“, wollte er, dass das ganze Leben der Glaubenden Buße sei.

Hier ist beim Thema Buße nicht mehr an einzelne Leistungen gedacht, sondern an eine innere Haltung des Menschen. Als Einsicht, dass wir als Menschen ganz auf Gottes Gnade angewiesen sind. Denn auch dort, wo wir aufgehört haben unseren Nebensitzer mit Linealen zu traktieren, können wir unser Leben nicht schuldfrei leben. Luther würde sagen, wir bleiben eben immer auch Sünder. Und so tritt auch Jesus im Neuen Testament – bei den Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas – mit seinem Aufruf zur Umkehr, zur Buße in Erscheinung. Nur im Evangelium nach Johannes steht zu Beginn des Wirkens Jesu ein rauschendes Fest – und für den Weinnachschub ist gesorgt.

In beidem wird deutlich, was die christliche Existenz ausmacht: Buße – ja, weil sie uns deutlich vor Augen stellt, dass wir Gottes Gnade brauchen, dass wir an den Gesetzen immer nur unser eigenes Scheitern erkennen, allen voran am Gebot der Nächsten- und Feindesliebe. Deshalb sieht Luther im Gesetz unter anderem auch ein speculum peccatum: einen Spiegel, der uns die eigene Sündhaftigkeit vor Augen stellt. Aber wir sind eben auch die Gäste am Tisch des Herrn, und wo bei der Hochzeit zu Kana der Wein fließt, so fließt uns Gottes Gnade zu. Unverdient, aus lauter Liebe durch den neuen Bund in Jesus Christus.  

Das waren nun wirklich ein paar theologische Brocken - ich hoffe ich konnte Ihnen dennoch etwas weiterhelfen und grüße Sie herzlich,

 

Maike Weiß

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