Wer nicht arbeiten will, soll auch nichts essen?!

gestellt von Anna am 26. August 2015

Hallo Herr Muchlinsky oder Frau Löw!

Ich bin immer wieder in Diskussionen mit Menschen, die als Christen viel konservativer als ich sind. Ebenso bin ich es mit Menschen, die ein Herz für Gerechtigkeit für Arbeitslose oder unzureichend Bezahlte, für psychisch Beeinträchtigte haben...und deswegen meinen, Kirche ablehnen zu müssen. Paulus: Wer nicht arbeitet, soll nicht essen. Dies wird mir immer von meinen linken Kirchenkritikern vorgehalten. Ich sage dann immer: Das predigt heute kein Pfarrer mehr. Die ich kenne, predigen alle das Evangelium der Armen und Ausgegrenzten. Daraufhin wird gesagt: Aber die in der Kirche sitzen, hauen es dann ihren Mitbürgern vor der Kirche um die Ohren. Sie sagen, der Paulussatz würde die Arbeitslosen-Menschenfeindlichkeit befördern. Ich weiß, bei Paulus gab es keine gesättigten Arbeitsmärkte, es ging ihm nicht darum, beeinträchtige Menschen zu beschämen, sondern um Schwärmer an "irdische" Anforderungen zu erinnern. Ich fühle mich dann immer so ratlos, ich bin doch gerade links, weil ich Christin bin!. Oder auch: Ich bin doch Christin, weil ich für die Schwachen bin. Da wird doch Paulus nicht das glatte Gegenteil behaupten. Liebe Grüße - eine zwischen den Stühlen und m solche(mittlerweileBarmhmeinen als Mensch, dem Ausgegrenzte am Herzen liegen

Liebe Schreiberin,

aber wirklich: Sie haben Recht mit ihren Satzzeichen: "?!"

Also ich sage Ihnen jetzt mal ungeschützt: der gute Paulus war bei seinem Schreiben nicht immer auf der gleichen Höhe!

Es gibt absolut himmlische, geistliche und erhebende Aussagen von ihm und andere sind so: „na ja“

– So dieses Zitat mit dem „wenn jemand nicht will arbeiten, dann soll er auch nicht essen“ (2. Thess 3, 10).

Erst recht wird es sehr daneben, wenn man so ein Zitat aus seinem Kontext reißt, um irgendwas zu begründen oder zu widerlegen.

 

Liebe Schreiberin, Sie wissen es – es gibt x Gründe, warum Menschen nicht arbeiten. Wusste Paulus vielleicht nicht. Oder er will eben genau das sagen, was Sie erwähnen: Dass man nicht zu sehr schwärmen soll, sondern diesseits mit anpackt.

Das wissen wir heute: psychisch Beeinträchtigte – oder physisch Beeinträchtigte können einfach nicht so sehr arbeiten wie andere. (Überhaupt sollte man über den „Arbeits“ – Begriff auch noch mehr nachdenken….Was ist Arbeit? Was Arbeitslositkeit?)

Man kann Menschen, die beeinträchtigt sind doch nicht mit diesem Paulus-Zitat kommen – also:  Das geht gar nicht.

Die Kirche übrigens bezieht sich nie auf dieses Bibelzitat. Das ist keines, auf dem wir uns als Kirche gründen würden!

Wir als Kirche sind auf der Seite der Schwachen und Benachteiligten. Und das dürfen Sie gerne auch so gegenüber Ihren linken Freunden kommunizieren.

 

Ich meine, wer Lust darauf hat, Kirche doof zu finden, wird da immer etwas finden. Aber lassen Sie sich deshalb bitte nicht kirre machen!

Sie haben nämlich sehr Recht: Das predigt heute kein Mensch mehr!

 

Ja, Paulus wollte sicher daran erinnern, anzupacken.

Z.B. zur Zeit bei der Flüchtlingshilfe.

Da sind wir als Kirche gefragt. Und was Gerechtigkeit und Arbeitsmarkt angeht auch - , erster und zweiter Arbeitsmarkt.

 

Sie haben Recht in Ihrem Gefühl – Sie sind Christin, weil Sie für Schwache eintreten!

Zwischen den Stühlen wünsche ich Ihnen ein gutes Kissen. Seien Sie stark !  Es muss kein schlechter Platz sein, so dazwischen. Bleiben Sie einfach sich selbst treu - und Ihrem Glauben.

Gott ist mit Ihnen.

Liebe Grüße,

Ihre Sabine Löw

P.S.: Das Schöne am Evangelischsein ist übrigens auch, dass man da einen wie Paulus auch kritisieren darf!

 

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Kommentare

Liebe Frau Löw,

Habe eben Ihre Zeilen von Paulus gelesen. Es ging um sei e Aussage ob jemand essen darf, der nicht arbeitet.
Dem an sich habe ich nichts anzumerken. Doch ich möchte etwas zu ihrem Schlusswort anmerken. Dass das Schöne am Evangelisch sein , das wäre, dass man Paulus kritisieren dürfe.
Nun muss ich anmerken, dass ich aus der röm.kath. Kirche stamme. Vor 20 Jahren bereits ausgetreten bin, da ich viele viele Kritikpunkte ihr gegenüber habe. Gerade auch so einige Dogmen. Ich reagiere Dogmen gegenüber allergisch.
Das soll heißen, dass ich die vielen Schwachpunkte der röm.kath. Kirche kenne und selbst kritisch gegenüber stehe.
Lange s von überlege ich, ob ich nicht in die evangelische Kirche eintreten soll, da ich eine geistige Heimat suche.
Ich muss dazu ehrlich zugeben, dass solche spitzen Bemerkungen wie Ihre nicht dazu beitragen diesen Wunsch dann wirklich werden zu lassen.
Diese Spitzen treffe ich bei Menschen, die der evangelischen Kirche angehören, leider immer wieder.
Leider fühle ich mich nur in Taize richtig wohl. Da ist es einfach so ganz und gar gleichgültig, zu welcher christlichen Kirche man gehört.
Frere Roger hatte sich immer gefragt, warum die Menschen, die solch eine Energie aufbringen, um die Unterschiede heraus zu arbeiten, nicht diese Energie besser darin stecken, um die Gemeinsamkeiten zu entdecken.
DARIN finde ich mich wieder und ich wünsche mir so sehr, dass ich dieses auch hier Zuhause finden kann.
Herzliche Grüße
Angela

Liebe Angela, diese Bemerkung hab ich überhaupt nicht als "Spitze" verstanden gehabt - ich finde das einfach ein wunderbares Zeichen von Freiheit, Paulus auch kritisieren zu können ... Ich liebe Vieles an der römischen Kirche!

Aber man darf nicht vergessen, dass Paulus gesagt hat: Wer nicht arbeiten WILL, darf auch nicht essen.

Nicht, wer nicht arbeiten KANN aufgrund psychischer Belastungen, Behinderungen und/oder andere Einschränkungen.

Paulus meint damit, dass man selbst für sich sorgen und anderen nicht zur Last fallen solle.

Umgedeutet wurde dieser Bibelspruch z. B. vom Gründer der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei....und wer nicht um sein Leben kämpft, soll nicht auf dieser Erde leben....nur dem Starken, dem Fleißigen und dem Mutigen gebührt ein Sitz hienieden.

Heutzutage gilt man als asozial, wenn man nicht arbeitet, obwohl man arbeiten könnte und sich lieber vom Staat durchfüttern lässt.

Zitat "Paulus meint damit, dass man selbst für sich sorgen und anderen nicht zur Last fallen solle."

Nein, so denkt Paulus nicht von seinen Glaubensbrüdern. In 1. Thessalonicher 4,9-12 sagt Paulus den Adressaten, dass sie mit ihren eigenen Händen arbeiten/wirken sollen. Dies ist aber eine gesamtgemeinschaftliche Aufforderung, nicht an den Einzelnen. Die Gemeinde soll ihr "Ding" unterhalten, damit dadurch der brüderliche Zusammenhalt für die da Draussen (Ungläubige) erkennbar ist. Die christliche Gemeinschaft bestand ja üblicherweise nicht nur aus Besitzlosen, sondern zum Teil auch aus Menschen aus dem Kaiserhaus (Philipper 4,22). Aus Apostelgeschichte 2,45 + 4,34-35 wird klar, dass sämtlicher gemeinschaftlicher Besitz so aufgeteilt wurde, dass zumindest keiner mehr Not leiden musste. Dieses Prinzip lehrt Paulus auch den Korinthern (2. Korinther 8,12-15). In 2. Korinther 11,8-9 erwähnt Paulus, dass er den Korinthern nicht zur Last fallen wollte, entkräftet aber im gleichen Atemzug jede "Belastungsverbots-Lehre" dadurch, dass er die Unterstützung durch seine Makedonischen Brüder lobend erwähnt. Konkret sind hier die Philipper gemeint, denen er auch einen Brief gewidmet hat und wo er ebenfalls in Philipper 4,15 ein entsprechendes Lob ausspricht.

Das Evangelium ist doch eine Botschaft der Gnade Gottes. Wie Gott uns Gnade durch Christus erwiesen hat, so sollten wir auch mit allen Menschen umgehen. Davon abgesehen, dass die Bibel einen ganz anderen Begriff von Arbeit hat als wir heute im Industriezeitalter und Paulus damit hauptsächlich das Mitwirken zum Bau am Leibe Christi meint (1. Korinther 9,14 + 1. Timotheus 5,17), verkommt die Liebe Gottes zu einem schwarzen Evangelium, wenn man Menschen in schlechten Lebenslagen, ohne gewinnbringende Ausbildungen oder Kenntnisse direkt nach ihrer Bekehrung erst mal zur geldbringenden Maloche im Dienst der Wirtschafts- und Kapitalismusgötzen zwangsverpflichtet.

Grade Systemkritiker, wie es Obdachlose nicht selten sind, brauchen besonders die Liebe und menschliche Annahme. Diese haben sich doch gerade von dem herrschenden System zurück gezogen, weil sich aus welchen Gründen auch immer diesem System nicht gewachsen fühlen. Wir als Nachfolger Christi sollten ihnen nicht einerseits sozialarbeiterlich entgegen treten um sie dann doch wieder unter diese Moloche knechten zu wollen.

Zitat : "Heutzutage gilt man als asozial, wenn man nicht arbeitet, obwohl man arbeiten könnte und sich lieber vom Staat durchfüttern lässt."

Das trifft aber auch auf Menschen zu, die rein formal ein Beschäftigungsverhältnis vorweisen können. Da sogar noch in viel drastischerer Form. Es ist unmenschlich jemanden als asozial zu bezeichnen, wenn er grad mal ein Existenzminimum hat, die großen Ausbeuter aber, die sich gnadenlos durch den Raubbau an Natur, Mensch und Tier bereichern, als Helden der Gesellschaft gefeiert werden.

Zitat: "Heutzutage gilt man als asozial, wenn man nicht arbeitet, obwohl man arbeiten könnte und sich lieber vom Staat durchfüttern lässt."

Wer bezeichnet heutzutage wen als asozial? Meist doch leider diejenigen, die von ihrem Gegenüber keinerlei Ahnung haben, oder keinerlei Ahnung haben wollen, aber unbedingt ihr Urteil abgeben "müssen." Zumeist ist ein so abgegebenes Urteil durch nichts zu rechtfertigen. Es ist schlichtweg: "Falsch." Ich würde mich, mit dem Urteilen über andere, zurückhalten.

Wenn jemand nicht arbeiten kann, sei es aus einer psychischen Erkrankung heraus, sei es durch eine Behinderung oder wegen einer sonstigen Erkrankung, kann dies einzig und allein ein Arzt beurteilen und entscheiden. Aber wer nimmt sich heraus, dies zu tun? Die Nachbarn, die sogenannten Freunde, manchmal sogar die eigenen Verwandten.

So mancher "schwer schuftende Präsident" ist ein Steuersünder und somit asozial, eben weil der Steuersünder die gesellschaftlichen Normen nicht einhält und andere durch sein asoziales Verhalten (=Gegenteil von sozial) schädigt. So mancher Landstreicher, Obdachloser und so manche Prostituierte ist sozialer als ein Steuersünder. Ich meine jetzt aber nicht explizid den ehemaligen Präsidenten des FC Bayern. Ich meine, wer arbeitet und viel Geld verdient, der sollte doch auch mal den Rachen (Teil vom Verdauungssystem) voll kriegen!

Wie gesagt: es gibt auch Menschen, die können und wollen arbeiten, und denen wird dann - o Wunder - gekündigt. Einfach so. Asozial?! Wer? Arbeitgeber? Arbeitnehmer? Gesellschaft?

ich wollte arbeiten, war aber "zu alt" zum Arbeiten und "zu jung" zum Sterben, meine natürlich: für die Rente zu jung!

Mein kirchlicher Arbeitergeber wollte mich auf die "freiberufliche" Schiene abschieben, das bedeutet: selber versichern, kein Urlaubsgeld, kein Krankengeld....das übliche eben! Seiner Zeit war ich grade mal 40!

Auch wenn dieser Anfrage etwas älter ist möchte ich noch meinen Senf hinzufügen.
Es stimmt schon was Paulus sagt. Der Apostel hatte seine Geschwister im glauben geliebt und wollte niemanden auf der Tasche liegen. Auch Heute noch gibt es sehr viele Menschen die gerne für Ihren eigenen Lebensunterhalt sorgen möchten. Durch die zunehmende Industriealisierung jedoch kaum noch etwas finden. Das Problem ist das die Politik diesen Satz (s. Betreff) missbrauchten um ihre Agenda durchzusetzen. Hat mit dem Christentum aber rein gar nichts zu tun.

Dieser Bibelspruch wird oft und gerne benutzt - oftmals falsch, da das Wort "will" bewußt oder unbewußt weggelassen wird. Hierdurch bekommt der Ausspruch eine völlig andere Bedeutung, welche nicht nur meiner eigenen Meinung nach zur Stigmatisierung von Arbeitslosen beiträgt. Gerade in der heutigen Zeit mit ihren befristeten Arbeitsverträgen, der Leih- und Zeitarbeit und Löhnen, welche so niedrig sind, daß es eher ein "Hohn" ist, sind solche Sprüche wie "Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen." mehr als nur problematisch, suggerieren sie doch, daß jeder, der nicht arbeitet, einfach faul ist. Ob genügend freie Arbeitsplätze verfügbar sind, ob diese aus gesundheitlichen Gründen ausgeführt werden können oder ob die dort gezahlten Löhne ausreichen, um davon leben zu können - diese Fragen höre ich kaum einmal. Man möchte meinen, daß hier gezielt mit falschen Zitaten öffentlicher Druck und Entsolidarisierung mit Arbeitslosen aufgebaut und betrieben werden soll.

Ich möchte einen jeden hier bitten, das falsche Zitat "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen." wann immer es so gehört wird zu berichtigen. Im 2. Brief des Paulus an die Thessalonicher steht es anders: "Wer nicht arbeiten WILL, der soll auch nicht essen.". Ein bedeutender Unterschied, denn zwischen arbeiten wollen und arbeiten können liegen mitunter Welten.

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