Sollen sich Christen politisch engagieren?

gestellt von Susanne am 30. Oktober 2018
Menschen demonstrieren auf Straße

© Leon Bublitz/Unsplash

Hallo Herr Muchlinsky,

ich habe mal wieder eine Frage, die mir sehr unter den Nägeln brennt und mir keine Ruhe lässt.

Es heißt immer, dass Christen politische Verantwortung übernehmen sollen (z.B. die Teilnahme an Wahlen). Wo aber steht in der Bibel ein Text, der sagt, dass Christen politische Verantwortung übernehmen und sich einbringen sollen?

Was politisch in unserm Land abläuft, empfinde ich als unerträglich. Egal, ob auf Bundes- oder Landesebene u.s.w. Die Politiker "pflegen" untereinander in ihren Debatten einen Ton, der mich verschreckt. Egal, was die Regierung auch macht, die Oposition ist ausnahmslos und immer dagegen und tut dies auch lautstark und, in meinen Augen, unkollegial kund. Die Gesellschaft ist zerrissen, aber die politischen Parteien sind es genauso.
Das hat die Landtagswahl in Bayern vor 14 Tagen gezeigt und ebenso auch die Landtagswahl am vergangenen Sonntag in Hessen.

Ich habe bisher immer "schön brav" an allen Wahlen teilgenommen und mein Kreuzchen gemacht. Aber mit meiner "popeligen Stimme" konnte ich z. B. die "AfD" und ihre Erfolge bei keiner Wahl verhindern. Das macht mich sauer und ärgert mich zutiefst. Meine Stimme hat scheinbar so wenig Einfluss, dass es mir schwer fällt, in Zukunft noch von meinem Wahlrecht Gebrauch zu machen. Gleichzeitig möchte ich aber eine gute Christin sein und mein Leben nach dem ausrichten, was die Bibel sagt.

Darum meine Frage, die ich zu Beginn meines Textes bereits formuliert habe, in der Hoffnung, dass Sie mir eine Antwort geben können und mir damit aus dem Dilemma, in dem ich stecke, heraus helfen.

Herzliche Grüße
Susanne

Liebe Susanne,

 

wie schön, dass Sie sich mal wieder mit einer interessanten Frage melden! Ich kann Ihre Frustration gut nachvollziehen. Die politische Kultur in unserem Land, und weit darüber hinaus, ist auch nach meiner Einschätzung giftig. Auch das Gefühl, dass meine Stimme bei Wahlen wenig zählt, kenne ich. Allerdings schöpfe ich meine Motivation, mich politisch zu engagieren nicht aus einem biblischen Auftrag, sondern vielmehr aus der Dankbarkeit, dass ich in einem Staat leben darf, in dem es überhaupt möglich ist, sich ohne irgendwelche Befürchtungen offen zu äußern und zu agieren. Ich will, dass das so bleibt, und darum trage ich meinen sicherlich kleinen Teil dazu bei.

 

Da Sie meine Antworten ja gut kennen, können Sie sich darüber hinaus bereits denken, dass ich Ihnen nicht mit einer oder zwei Bibelstellen kommen werde, die uns Christinnen und Christen "unwiderleglich" sagen, dass wir uns politisch engagieren sollen. So funktioniert die Bibel nicht – oder zumindest sollte sie so nicht funktionalisiert werden. Die Bibel ist das für das Christentum gültige Zeugnis der Offenbarung Gottes. Ihre Texte sind nicht göttlichen Ursprungs, sondern sie sind in einem langen Prozess verfasst, redigiert und – ganz wichtig – zu einem Buch zusammengestellt worden. Die Kirche hat sich darauf geeinigt, dass es diese und keine anderen Texte sind, die für uns Gültigkeit haben. Das bedeutet freilich nicht, dass wir sie wörtlich befolgen sollen. Vielmehr ist es unsere Aufgabe, die Bibel in ihrer Gesamtheit als Zeugnis der Offenbarung wieder und wieder auszulegen, damit sie eine Bedeutung für unser Leben haben und behalten kann.

 

Nach diesem kleinen Ausflug jetzt aber konkret zu Ihrer Frage: Die Bibel soll ja durchaus Richtschnur für christliches Handeln sein. Und dabei muss uns klar sein, dass es eben nicht allein um privates Verhalten geht. Sei es als Ebenbilder Gottes, sei es als Jüngerinnen und Jünger Jesu: Immer wieder wird in der Bibel deutlich, dass wir Verantwortung tragen, nicht nur für uns selbst, sondern für andere, ja selbst für die ganze Schöpfung. Christlicher Glaube dient nicht allein dem eigenen Seelenheil. Er drückt sich im Zusammenleben aus. Sei es in den 10 Geboten, sei es in dem was Jesus uns gebietet oder was Paulus uns lehrt: Immer geht es auch um das gute Miteinander. Und natürlich bedeutet das auch, sich in der Gesellschaft, in der man lebt, entsprechend zu engagieren. Und wo sollte da Schluss ein? An den Grenzen von Parteipolitik? Sollten wir still sein bei wichtigen Themen, weil gerade Parteien um dieselben Themen streiten? Sollen wir unseren Mund halten, wenn es um Flüchtlinge geht, selbst wenn wir davon überzeugt sind, dass wir Gottes Willen tun, wenn wir Flüchtlingen helfen? Sollen wir aufhören uns zu engagieren, weil es Politiker gibt, die uns deswegen verunglimpfen? Natürlich nicht!

 

Meinen Sie nicht, dass Sie allein sind, nur weil die anderen lauter schreien. Bringen Sie Ihre Stimme weiter ein: bei Wahlen und bei anderen Gelegenheiten. Singen Sie mit, wenn vom Frieden gesungen wird. Gehen Sie mit, wenn für Liebe marschiert wird. Unterschreiben Sie Petitionen. Tun Sie sich zusammen mit anderen Menschen, die Gutes tun, anstatt andere als Gutmenschen zu beschimpfen. Wenn Sie sich mit anderen zusammentun werden Sie schnell merken, dass jede und jeder Einzelne zählt.

 

Ich hoffe, ich konnte ein wenig weiterhelfen und grüße Sie sehr herzlich.

Frank Muchlinsky

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Kommentare

Hallo Herr Muchlinsky,

danke für Ihre Antwort! Ja, der Gedanke von meinem Wahlrecht Gebrauch zu machen, damit unser Land demokratisch bleibt, könnte für mich Motivation sein, auch weiterhin bei politischen Wahlen mein Kreuzchen zu machen.

Es war richtig von Ihnen, mir keine konkrete Bibelstelle zu nennen. "VERANTWORTUNG" wird immer wieder zum Thema in der Bibel gemacht. Das war das "SCHLÜSSELWORT" für mich, das Sie mir in Ihrer Antwort gegeben haben. Und mit "Verantwortung" hängt ja so vieles in unserem Leben zusammen, denke ich. (Gesellschaftliche Verantwortung, Politische Verantwortung, Verantwortung der Schöpfung gegenüber, Verantwortung sich selbst gegenüber, wie Sie ja auch schreiben). Und die BIBEL als "RICHTSCHNUR" ein weiteres Schlüsselwort.

Gott liebt diese Welt, und wir sind sein eigen. Wohin er uns stellt, sollen wir es zeigen: Gott liebt diese Welt!
Gott liebt diese Welt. Er rief sie ins Leben. Gott ist´s, der erhält, was er selbst gegeben. Gott gehört die Welt!
(Text und Musik: Walter Schulz 1962/1970 EG Lied Nr. 409 Vers 1-2)

Herzliche Grüße
Susanne

Zitat: "Singen Sie mit, wenn vom Frieden gesungen wird."

Ja, Singen macht Spaß! Singen, das tue ich sehr gerne. Aber meist alleine, denn mein Gesang ist für die Ohren Anderer "schmerzhaft", da nicht immer die richtigen Töne dabei aus meinem Mund heraus kommen. Dies habe ich zumindest als Kind immer wieder zu hören bekommen.

Nun ist mir ein schöner Liedvers eingefallen, den ich, während ich am Schreiben bin, vor mich hin trällere.

Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unsern Zeiten. Es ist doch ja kein andrer nicht, der für uns könnte streiten, denn du, unser Gott, alleine.

EG Lied Nr. 421 Text und Melodie: Martin Luther 1529 nach der Antiphon »Da pacem, Domine« 9. Jh. (Melodie nach Nr. 4), Ökumenische Fassung 1973

Jahreslosung 2019: Suche Frieden und jage ihm nach! (Psalm 34,15)

An der Schwelle zum Neuen Jahr 2019, ist es auch an der Zeit, sich die Jahreslosung 2019 vor Augen zu führen. Sie läd dazu ein, Verantwortung für den Frieden zu übernehmen. Staat und Kirche sind zwar voneinander getrennt, aber die Losung fordert die Politik und die Kirchen in gleicher Weise dazu auf, sich für den Frieden einzusetzten. Es wäre schön, wenn Kirchen und Parteien das ganze Jahr 2019 hindurch, in unterschiedlichen Veranstaltungen, den Frieden in besonderer Weise zum Thema machen würden.

Wo und wie kann sich die Gesellschaft ganz allgemein für den Frieden einsetzen? Was bedeutet Frieden überhaupt? Leben wie in friedlichen Zeiten, kann von Frieden gesprochen werden, wenn immer wieder über Terroranschläge, die in Deutschland, Europa und anderswo geschehen, in den Nachrichten berichtet werden muss? Übernehme ich, mit der Teilnahme an politischen Wahlen gleichzeitig Verantwortung für Frieden in unserem Land? ........................u.s.w.

Jahreslosung 2019: Suche Frieden und jage ihm nach! (Psalm 34,15)

Hallo Herr Muchlinsky,

die Äußerung von Frau Annegret Kramp-Karrenbauer im Artikel vom 22.05.2019 hier auf der Seite von evangelisch.de hat meine Erwartung an Politik auf´s Neue ganz schön erschüttert. Bisher bin ich mit der Antwort von Ihnen, lieber Herr Muchlinsky, die Sie mir auf meine Frage hin oben gegeben haben gut zurecht gekommen und konnte meine Einstellung zur Politik/Wahlen und ihre Antwort miteinander in Einklang bringen. Aber nach der Äußerung von Frau Kramp-Karrenbauer fällt mir das wieder schwer.

In dem Artikel vom 22.05.2019 steht Zitat: Es gibt keine christliche Politik. Nach Ansicht der CDU-Parteivorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer kann es "christliche Politiker geben, aber keine christliche Politik". Sie sei "Christdemokratin mit Leib und Seele", erklärte Kramp-Karrenbauer in einem Gastbeitrag in der "Zeit"-Beilage "Christ & Welt". Sie weise aber von sich, "eine christliche Politik zu machen".

Wenn es keine christliche Politik gibt, dann ist Politik doch automatisch eben ein unchristliches Geschäft. Damit ist eigentlich mein Interesse an Politik und an dem, was die einzelnen Parteien so vorhaben, wie sie ihre Politik gestalten wollen, welche Themen ihnen wichtig sind................ u.s.w., völlig erloschen. Dass ich in Zukunft zwar mein Kreuzchen bei Wahlen weiterhin machen werde, dazu habe ich mich entschlossen, von wegen der Verantwortung (hier politische Verantwortung), die ein Christ in der Gesellschaft in der er lebt übernehmen soll, wie Sie in Ihrer Antwort oben geschrieben haben, aber auch von wegen dem guten Gewissen, das ich habe, wenn ich meiner Verantwortung nachkomme. Aber damit brauche ich dann nicht bis zum offiziellen Wahlsonntag warten. Dann kann ich gleich, nachdem ich meine Wahlbenachrichtigung erhalten habe, diese zurückschicken, Briefwahlunterlagen anfordern, mein Kreuzchen irgendeiner demokratischen Partei (egal welcher, nach dem Motto: Da wo der Stift landet Kreuzchen machen) verpassen und das Ganze zur Post bringen. Dann hab ich´s hinter mir. Und der ganze Wahlkampf ist nicht mehr von Interesse für mich. Der macht mich, je intensiver er ist, und vor dieser Europawahl empfinde ich ihn als ganz besonders intensiv, sowieso innerlich immer sehr aggressiv. Das ist kein schönes Gefühl und doch auch nicht Sinn der Sache, oder?

Wie sieht Ihre Ansicht dazu aus?

Herzliche Grüße
Susanne

Mir lässt die Äußerung von Frau Annegret Kramp-Karrenbauer, dass es keine christliche Politik gäbe, wohl aber christliche Politiker und dass sie (Annegret Kramp-Karrenbauer) keine christliche Politik mache, keine Ruhe. Ich denke, dass es sehr wohl christliche Politik gibt. Dann nämlich, wenn ein christlicher Politiker Politik im christlichen Sinne macht. Was es nicht gibt, ist ein politisches Christentum. Frau Annegret Kramp-Karrenbauer könnte also, meiner Ansicht nach, als christliche Politikerin auch christliche Politik machen. Warum eigentlich nicht?

Zitat: "Immer wieder wird in der Bibel deutlich, dass wir Verantwortung tragen, nicht nur für uns selbst, sondern für andere, ja selbst für die ganze Schöpfung."

Stimmt, wir sollen Verantwortung für die Schöpfung tragen. Und ich finde es gut, wenn auch ich etwas zu dieser Verantwortung beitragen kann. Das kann sogar Spaß machen, habe ich inzwischen festgestellt. Ich finde es z. B. gut, wenn ich mein Obst und Gemüse nicht mehr in einer der dünnen Plastiktüten verstauen muss, sondern dafür meine Mehrweg Obst- und Gemüsenetze benutzen kann. Eine ganze Menge dieser dünnen Tüten konnte ich so schon einsparen. Normale Plastiktüten habe ich sowieso kaum benutzt und wenn doch, wurde auch diese Tüte mehrfach verwendet. Nämlich so lange bis sie kaputt ist. Und dann tut sie immer noch ihren Dienst als Mülltüte.

Aber nun hat die Politik ja vor die normale Plastiktüte ganz zu verbieten. Und da fängt für mich die Übertreibung an. Eine kleine Gebühr, so zwischen fünfzehn und dreißig Cent pro Tüte (je nach Tütengröße), finde ich o. k. Aber Plastiktüten ganz zu verbieten halte ich, wie schon gesagt, für übertrieben. Ab und an braucht man (brauche ich) eben doch eine Plastiktüte. Und das tut meiner Verantwortung der Schöpfung gegenüber keinen Abbruch, denke ich.

Und die Aufregung rund um die Autoindustrie, den Autoverkehr und den damit verbundenen CO² Ausstoß ist für mich ebenso übertrieben wie das Plastiktütenverbot. Ja, wir müssen den CO² Ausstoß im Auge behalten und etwas dagegen tun, damit er nicht Überhand nimmt. (Der Schöpfung gegenüber und uns selbst zur Liebe). Aber bei den ganzen Demonstranten und Umweltaktivisten die im Augenblick die Straßen bevölkern, z.B. rund um die IAA in Frankfurt am Main, bekomme ich den Eindruck: "Am besten zurück zur Pferdekutsche." Ich selber habe kein Auto und muss meine Wege zu Fuß oder mit S-Bahn, U-Bahn, Bus u.s.w. zurücklegen. Aber ich verstehe auch diejenigen, die ein Auto haben und auch damit fahren, um von hier nach da zu kommen. Es ist doch nicht verwerflich ein Auto zu besitzen und verantwortungsvoll, gegenüber seinen Mitmenschen und der Schöpfung, damit umzugehen, egal ob es sich nun um einen Diesel, einen Benziner oder auch ein E-Auto handelt. Es muss ja nicht unbedingt ein Diesel der Kategorie ........ was weiß ich ........ sein. Aber diese Übertreibung beim Thema Umweltschutz, Klimawandel u.s.w. muss auch nicht sein, denke ich.

Ob ohne Greta T. die Überreaktion beim Thema Umweltschutz und Klimawandel in der Bevölkerung auch so hoch wäre? Ich persönlich glaube dies nicht.

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