EG 65 und 541 "Von guten Mächten wunderbar geborgen". Warum fehlen Strophen?

gestellt von GAST am 18. August 2015

Das Bonhoeffer-Lied "Von guten Mächten...." gibt es einmal im EG/541-Wue und einmal im EG Nr. 65 in unserer Kirchengemeinde. Der Unterschied zwischen diesen beiden Variationen besteht darin, dass im EG 541-Wue die Strophe 3 fehlt: 3. Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus deiner guten und geliebten Hand. Frage: Warum wurde diese Strophe im Evangelischen Gesangbuch Württemberg ersatzlos gestrichen?

Lieber Württembergerin,

ja, das Lied "Von guten Mächten" gibt es zwei mal im Württembergischen Geangbuch. Unter EG 65 ist es komplett in der Reihenfolge, wie Dietrich Bonhoeffer es dichtete mit sieben Strophen. Melodie und Satz von Otto Abel 1959. Es ist die älteste Vertonung von diesem Lied von insgesamt 20 Vertonungen.

EG 541 ist mit der Melodie von Siegfried Fietz von 1970. Diese Melodie ist bei vielen Kirchenmusiker_innen sehr umstritten. Zu beschwingt, meinen sie, für diesen ernsten Text. Außerdem wird  Strophe 7 des Liedes dort zum Refrain: "Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag." Diese Fassung kennen viele aus ihrer Jungscharzeit.

Es fehlt nicht nur die Strophe mit dem Kelch - es fehlen auch andere. EG 541 besteht nur aus den Strophen 1,5,6. Vielleicht deshalb, weil die weggelassenen Strophen zu bedrückend sind zu der beschwingen Melodie?

Aber auf jeden Fall soll gelten: Seien Sie von guten Mächten wunderbar geborgen.

Herzlich, Ihre

Sabine Löw

 

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Kommentare

Geistreiche Aussagen von Bonhoeffer, z. B. von den "bösen Tagen" wurden einfach mal so "ausradiert"!

Typisch evangelisch?

Was ist daran "typisch evangelisch"?

Ich möchte noch einmal darauf hinweisen, dass unter EG 65 der ganze Text von Bonhoeffer zu finden ist im Evangelischen Gesangbuch.

Dankeschön für die schnelle Beantwortung meiner Frage.

Typisch Bonhoeffer:
Die Übereinstimmung von Glauben und Handeln.

Typisch evangelisch:
Der Einklang fehlt!

Die evangelische Landeskirche Württemberg bietet in ihrem Gesangbuch zwei Text-Versionen an:
Einmal die originalen Gedankenzusammenhänge von Bonhoeffer und einmal die Gedankenzusammhänge von der Evangelischen Landeskirche Württemberg.

Ich meine: Bonhoeffer blendet das Schwere, den bitteren Kelch nicht aus, redet die belastende Gegenwart nicht schön, überspringt das Böse auch in diesem Gedicht nicht. Bonhoeffer zeigt eindeutig auf, dass die schweren Erfahrungen kein Beweis sind gegen Gott.

Bonhoeffer hat gewiss nie damit gerechnet, dass aus seiner Text-Version eine abgespeckte Version in einem Gemeindegesangbuch wird.

Sie weisen darauf hin, dass unter EG 65 der komplette Text abgedruckt ist. Aber sind wir doch mal ehrlich: Wer kann denn diese schwere Melodie singen? Die wenigsten haben eine geniale Singstimme in die Wiege gelegt bekommen. Selbst wenn ich mit Salzwasser gurgeln würde, könnte ich diese tragende Melodie nicht aus dem Hals bringen. Und weil das so ist, wird doch meistens die beschwingte Melodie zum Gemeindegesang ausgewählt mit 3 Strophen. Damit entzieht man der Gemeinde wichtige religiöse Inhalte.

Braucht dieser Text überhaupt eine Melodie?

Es gibt allerdings auch Regionalteile, z. B. Bayern / Thüringen, oder auch Westfalen, in denen alle Strophen wiedergegeben werden, natürlich unter Beibehaltung des Modus mit dem Kehrvers. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass vielen Menschen das Lied in der Version von Siegfried Fietz bekannter ist und durchaus auch gerne sowohl im "normalen" Gottesdienst gesungen wird, als auch in Kasualien, bes. Trauerfeiern. Ich glaube, dass es gerade der Kontrast zwischen Text und Melodie ist, der vielen Halt gibt, der auch dazu führt, dass manches sich lösen kann, befreiend wirkt. Allerdings tue ich mich auch schwer, eine Strophe singen die dritte und vierte Strophe singen zu lassen, da ich den Eindruck habe, dass sie eine Überforderung für Viele Menschen darstellen.

Es gibt also Regionalteile wie beispielsweise Bayern + Westfalen, in denen alle Strophen wiedergegeben werden. Kompliment!
Nur die Umstürzler in Württemberg machen mal wieder eine extrawurst.

Nur die Strophen 1,5,6 abzudrucken ist eine Kompromittierung.

Es stinkt zum Himmel, dass man sogar die Strophe 7 zum Verschwinden gebracht hat
(7. Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.) Ähem!

Missverständnis! Diese siebte Strophe ist in der Fietz-Fassung der Refrain des Liedes. Er wird nach jedem Vers gesungen.

Es ist nicht okay, wenn man die 7. Strophe bedenkenlos in einen Refrain umwandelt. Bonnhoeffer wird schon gewusst haben, warum das die 7. Strophe ist, und nicht die dritte Strophe oder ein Refrain.

Ts! Ein Gebet hat sowieso keinen Refrain! Das wär mir völlig neu!

Das Gefühl der Überforderung bei den schweren Strophen, habe ich auch schon von Menschen gehört. Ich selbst liebe sie sehr. Weil man sich in sie so hinein entwicklen kann: Den schweren Kelch dankbar nehmen, ohne zittern....

Es ist doch keine Strapaze wenn man singt:
"treu + still"
"wunderbar geborgen"
"gute Mächte"
"behütet + getröstet wunderbar"
"treu + still umgeben"
"führ uns, wenn es sein kann, wieder zusammen"
"dein Licht scheint in der Nacht"
"Gott ist bei uns am Abend + am Morgen"

Wir können nicht so tun, als würde es das Leid nicht geben. Wir sind so oder so immer wieder davon betroffen, von Enttäuschung, von Krankheit, von Erfahrung des Verlustes, Krankheit, Unfall, Arbeitslosigkeit, eine Krise. Es gibt vieles, was uns in das Leid hineinführt und zu dieser Frage führt: Warum? Warum gerade ich? Bonhoeffer zeigt, dass gerade dies zu unserem Leben gehört.

Dietrich Bonhoeffer selbst hat die Strophen durchnumeriert. Von allen seinen Gedichten hat er dies nur bei diesem einen und bei noch einem anderen getan. Die Reihenfolge ist also nicht beliebig, sondern die siebte Strophe ist die Summe des ganzen Liedes, die Summe von Bonhoeffers Gotteserfahrung in ihrer gefährdeten Existenz. Wer sich bezüglich des Textes überfordert fühlt, sollte besser die Freizeit Revue lesen oder das Goldene Blatt.

Das ist eine gute Frage, ob dieser Text überhaupt eine Melodie braucht....

Wie leicht kann eine Menschenseele wie aufgescheucht sein, nicht nur aufgeschreckt, wie man im Text des Neuen Gesangbuches LEIDER GEÄNDERT hat, nein, aufgescheucht wie ein Vogel, der vor der Gefahr aufflatternd aus seinem Nest flieht und sich anschließend nichts anderes wünscht, als in dieses Nest
zurückkehren zu dürfen und wieder seinen Frieden zu finden.

Ich kann und mag mir einfach nicht vorstellen, wie Bonhoeffer in seiner Zelle auf die Hinrichtung wartend zu Gitarrengeschrammel dieses Lied trällert.
Und gerade diese Vorstellung finde ich bei Hochzeiten oder Trauerfeiern geschmacklos, ich persönlich kann diese Zeilen weder lesen noch singen, ohne daran zu denken wie es Bonhoeffer wohl ergangen ist, als er diese Zeilen schrieb. Der Schwierigkeitsgrad ist immer wieder ein vorgeschobenes Argument, doch haben beide Melodien ihre eigenen Schwierigkeiten, ein guter Kirchenmusiker wird durch sein Spiel in der Lage sein, das Lied singbar zu machen, egal in welcher Melodie.

Was nützt es schon, wenn dieser Gebetstext von Bonhoeffer mit verschiedenen Melodien singbar ist, wenn jedoch die Inhalte "just for fun", ohne großartig darüber nachzudenken (?) reformiert wurden ???

Bonhoeffer hat diesen Text in der Todeszelle geschrieben. Was für ein Mann! Doch dann geht irgendjemand her (keine Ahnung wer?) und ändert den kompletten Text aus einer Laune heraus (?) oder aus Jux und Tollerei (?) auf jeden Fall ohne Sinn und Verstand!

Ich meine, wie kann man bloß ohne lange zu fackeln und ohne viel Federlesens, dieses großartige Werk in ein seichtes Schrammelstück verwandeln und ins evangelische Gesangsbuch reinschreiben? Ich meine, wenn zwei oder drei Leute nichts von dem bittren Kelch wissen wollen und von bösen Tagen, dann ist das ja nachvollziehbar. Aber es ist noch lange kein Grund, ein Gebet, das in Anwesenheit von guten Mächten geschrieben wurde, umzuholzen!

Wir haben dieses Lied kürzlich in einem gut besuchten Abendgottesdienst gesungen. EG 65, Melodie von Otto Abel. Alle 7 Strophen. Diese Melodie (eine von circa 20 Vertonungen des Gedichtes!) steht im Ruf, "zu schwierig" zu sein. Ist sie gar nicht. (Da gibt es im Gesangbuch ganz andere Sachen, die die Gemeinde auch hinkriegt.) Sie geht in ganz einfachen Linien auf und wieder ab und lässt den Text sprechen, statt ihn mit heiterem Geträller zu verkleistern. Der Gemeinde hat dieses Lied wie der ganze Gottesdienst sehr wohl getan, wie man nachher hören konnte. Man wusste voneinander und von verschiedenen schweren, bitteren Kelchen. Gebet und Fürbitte und Aneinanderdenken schwangen mit in dem Lied - auf eine Art und Weise, wie ich das bei der Schunkelmelodie von Fietz nie erlebt habe. Ich finde es wichtig, sich Zeit zu nehmen, um das Bittere und die Dunkelheit zu benennen. Dann ist die letzte Strophe am Ende ein großer Trost.

Bonhoeffer wurde nackt zum Galgen geführt! Eine noch größere Demütigung ist eigentlich nur, wenn man seine Worte durch andere Worte ersetzt, oder ganze Zeilen einfach auslöscht und den kärglichen Rest mit einer Stadionmusik untermalt.
Niemand hat das Recht, aus Bonhoeffers Gebeten/Gedichten/Texten, Schmalspurversionen zu machen.

Meine Meinung:
Kirchenmusiker dürfen nicht das Kommando übernehmen!

Eins wollte Bonhoeffer ganz gewiss nicht, dass man sich wegen seines Gebetes dermaßen echauffiert, dass man Kirchenmusikern unterstellt sie wollten mit diesem Lied die Macht in der Kirche ergreifen. Da sollte die Kirche schon im Dorf bleiben.

Statt dessen sollten Sie den Werdegang und das Einsatzgebiet der jeweiligen Vertonungen berücksichtigen, es gibt übrigens noch wesentlich mehr als die beiden Versionen in den Gesangbüchern. Die Version 65, die traurig kling und etwas langweilig zu singen ist, wurde für den Gottesdienstgebrauch und für Orgelbegleitung geschrieben. Die Fietz Version, die sich tatsächlich im Original nur auf Auszüge des Bonhoeffer Gebets beschränkte entstand dagegen im Jungschar Bereich und war von Anfang an eher für Gitarrenbegleitung gedacht.

Im übrigen verstehe ich nicht, warum man sich über die Kürzung aufregt. Ich mache das bei der Liedauswahl nahezu jeden Sonntag. Morgen lasse ich tatsächlich nur 5 der 15 Strophen von Paul Gerhardts Geh aus mein Herz singen, und beschränke mich bei der Lesung auch nur auf 6 Verse aus dem Markusevangelium und trage nicht das ganze Opus des Apostels vor. Bonhoeffer hat das als Pastor nicht anders gehandhabt. Er hätte sein Werk selbst sicher auch nicht als wertvoller, größer oder heiliger erachtet als das eines Paul Gerhardts, eines Gerhard Tersteegens oder Luthers, dass sich jemand aufschwingt in einer schlichten Textkürzung ein Schmähung seines Namens durch üble Kirchenmusiker zu sehen.

Möglicherweise haben Sie Recht, dass die "Kirchenmusiker" völlig unschuldig an den Textveränderungen sind. Wie Sie bestimmt richtig feststellen, geht diese Änderung von freikirchlichen und überkonfessionellen Jungschar-Verbänden aus.

Bonhoeffer wollte gewiss nicht, dass wir uns bezüglich seines Gebetes in die Haare kriegen. Aber warum wollen das die Jungschar-Verbände?

Ich meine, dass man Jugendlichen und Kindern den Kelch, den bittren, nicht vorenthalten sollte. Auch Kinder und Jugendliche machen Erfahrungen mit Leid, Krisen und Misserfolgen.

Freikirchen und Überkonfessionelle glauben zwar an Jesus, glauben jedoch nicht, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Stehen also folglich Bonhoeffer kritisch gegenüber. Das könnte möglicherweise eine Erklärung sein, warum Textpassagen gelöscht wurden.

Freikirchen erkennen in Jesus nicht den Sohn Gottes?! Das ist mir neu. Außerdem Freikirche ist nicht gleich Freikirche, welche meinen sie denn konkret? In der Gegend in denen Herr Fietz wirkt, gibt es ein paar mehr. Auch hier lese ich eine pauschale Unterstellung heraus, wie schon bei den Kirchenmusikern.

Es ist außerdem nur eine Vermutung von ihnen, dass er aus einer falschen Rücksichtnahme der Jugend den Kelch ersparen wollte. In der Zeit in der Fietz seine Variante unter die Leute brachte, malte man Kindern und Jugendliche gerade fürchterlichste Schreckensszenarien zu 3. Weltkrieg und Umweltverschmutzung aus, Rücksichtnahme auf Kinderseelen ist eher ein Gedanke unserer Zeit.
Ich denke, dass da ganz andere Gründe für die Kürzung vorlagen. Das Lied war für die Lagerfeueratmosphäre der Jungschar gedacht. Da singt keiner ein sechsstrophiges Lied mit Refrain. Fietz hat es außerdem in einem 3/4 Takt geschrieben, es ist eine Melodie bei der man unbewusst im Takt mitswingt, theoretisch könnte man sogar einen Walzer drauf tanzen. Wohl weil er eben die positive Aussage des Bonhoeffer-Gebets damit betonen wollte, seine Leichtigkeit, die leichte Botschaft des Evangeliums. Auf einen Walzer-Rhythmus vom "Kelch dem bittren" zu singen, das kam Fietz wahrscheinlich genauso komisch vor wie mir.

Vielleicht machen Sie sich einfach einmal frei von dem Gedanken, dass irgendwer Bonhoeffer mit der Kürzung seines Gebets schaden wollte. Vielleicht versuchen Sie es mit einer anderen Perspektive.
Bonhoeffer hatte nie eine Vertonung im Sinn und hat wahrscheinlich auch nie damit gerechnet, dass die ganze Welt seine Verse kennenlernen würde (übrigens gibt es auch "gekürzte" englische, niederländische und schwedische Varianten mit eigener Melodie). Mit dazu beigetragen hat u.a. die Vertonung von Fietz, der Bonhoeffers Gebet und die Geschichte und Botschaft Bonhoeffers über die sehr eingängige Melodie der Jugend bekannt gemacht hat. Selbst meine Konfirmanden singen dieses Lied gerne - gekürzt - und wissen was mit Bonhoeffer anzufangen. Obwohl für die sonst Drittes Reich, Kirchenkampf und Bekennende Kirche so weit weg von ihrer Lebenswirklichkeit sind, wie der Dreißigjährige Krieg.

Wie gesagt, ich verstehe auch nicht, warum diese Kürzung ein so großes Problem für sie ist. In jedem Sonntagsgottesdienst werden Lieder aus dem Gesangbuch gekürzt gesungen. Selbst bei Liedern Luthers hat man Strophen rausgenommen, weil sie unseren Ansichten nicht mehr entsprechen oder die Bilder, die er verwendet, von uns nicht mehr verstanden werden. Da haben sich auch keine Theologen oder Kirchenmusiker oder Freikirchen gegen Luther verschworen, sondern einfach praktisch gedacht. So wie Bonhoeffer selbst praktisch gedacht hat, der bringt nämlich in seinem theologischen Werk auch manches Zitat stark verkürzt.

Wie schon mal erwähnt, habe ich keinen blassen Schimmer, wer + warum zusätzlich zum Original-Bonhoeffer-Text ein Alternativtext im evangelischen Gesangbuch der Landeskirche Württemberg abgedruckt wurde.

Stellen Sie sich mal vor, dass das Kirchenlied "Christ ist erstanden" zweimal im evangelischen Gesangbuch abgedruckt ist. Einmal im Original und einmal in der Schmalspurversion, indem die Strophe "Christ ist erstanden" plötzlich fehlt. Was denken Sie? Man sollte die Möglichkeit erhalten, zwischen zwei Optionen entscheiden zu können? Oder: Passt besser zur Lagerfeuerathmosphäre?

Kirchenlied: "Ihr Kinderlein kommet". Stellen Sie sich vor, dass dieses Kirchenlied gleich zweimal im Evangelischen Gesangbuch abgedruckt ist. Einmal im Original und einmal in gekürzter Version, wobei alle Strophen mit dem Wort "Krippe + Kind" gelöscht sind. Was glauben Sie? Die Wahrheitsansprüche von verschiedenen Religionen, kann man doch ganz einfach mit Textkürzungen begegnen.

Sigfried Fietz bezeichnet sich selber als einen modernen christlichen Liedermacher. Mit 100%iger Gewissheit hat er den Bonhoeffer-Text nicht selber geschrieben, nur umgemodelt, besser gesagt: Fietz hat dem Bonhoeffer-Text eine andere Funktion gegeben: "Gleicher Titel - begrenzter Inhalt".

Ich kann mir gut vorstellen, dass es künftig von allen Kirchenliedern eine weitere Version geben wird. Ein Original und eine Version mit theologischem Schwund. Wir sollen ja alle "eins" werden, da müssen dann sogar Luther-Texte dezimiert werden.

Wahlmöglichkeiten sind super:
Soll ich nun ein Beck’s einkaufen, ein Hasser oder Franziskaner, Gilde, Spaten,Löwenbräu, . . . soll ich Kraft Kaffee, Jacobs, Kaffee HAG, Maxwell House, Onko, Tassimo, Kaba, Milka oder gar keinen Kaffee mitnehmen? KitKat, Lion, Nuts, Smarties, After Eight, Choco Crossies, Butterfinger, Powerbar . . .

Wähle ich den Ladenhüter oder den Ankerpunkte? Große Wahlmöglichkeit bedeutet langwierige Entscheidung ⇒ Wunsch nach Vereinfachung.

Dieser Logik folgend, dürften in der Kirche also nur noch Grabgesänge in Moll erklingen, ist doch unser Herr, Jesus Christus, nach schwerer Folter, am Kreuz gestorben. Aber Halt! Jesus war ja Gottes Sohn und deshalb wohl alles nicht so schlimm für ihn und irgendwie ist ja alles auch gut ausgegangen. Für Jesus... Für Bonhoeffer dagegen scheint es beim bitteren Kelch geblieben zu sein, - kein Glaube an sene Auferstehung, keine Hoffnung, dass Gott alles zum Guten wendet. Weshalb man das Lied natürlich unmöglich um für Jugendliche auggrund ihrer Symbolsprache schwer verständliche Strophen kürzen oder mit einer frohen "evangelischen" Melodie versehen darf. Für den Vorzeige-Heiligen der evangelischen Kirche, da muss natürlich gestritten werden. Zur Not indem man zur "Treibjagd" (siehe Kommentar der Threaderstellerin weiter unten) auf Kirchenmusiker, wie Herrn Fietz, auf böse Theologen und Freikirchen aufruft. Mir sei die Frage erlaubt, ob diese Art der glühenden Verehrung eines - ohne Frage - großen Mannes , nicht schon eine Art Götzendienst ist? Im Moment gibt's auch glaub ich Wichtigeres zu tun und für lebende Menschen zu streiten. Außerdem sei mir die Frage erlaubt, ob eine Fixierung auf die bitteren Kelche des Lebens, die offensichtlich dazu führt, im fröhlichen Lob von Gottes Schöpfung im Werk Paul Gerhards auch nur stellenweise Oberflächliches zu erkennen, nicht ebenfalls wenig "evangelisch" ist?

Jede Aussage hat genau einen von genau zwei Wahrheitswerten, die meist als wahr und falsch bezeichnet werden. Man nennt dieses Prinzip das Prinzip der Zweiwertigkeit.

Im Falle von den "guten Mächten", gibt es eben ein Lügenmärchen und eine tatsächliche Lage. Ich meine, daran gibt`s doch nichts zu rütteln, oder???

Im Zuge der Kommerzialisierung von Weihnachten beispielsweise, kamen vermehrt auch Lieder in die Kirche
(nicht ins evangelische Gesangsbuch), die mit der Adventszeit oder Weihnachtszeit rein gar nichts zu tun haben. Ich denke hier z. B. an das Lied "Es schneielet, es beielet"...

Wenn ein Mensch wie Bonhoeffer in einem KZ es geschafft hat, Mut zu machen - wer hätte dann heute noch ein Klagelied übrig? Oder Grabgesänge in Moll??? ...

Bonhoeffer hat mit seinem Text Mut gemacht! Mir ist traurig zumute, wenn gerade die mutmachenden Strophen gestrichen werden.

Ich bin ein Mensch, bei dem der gesagte/gesungene Inhalt, die Sprache/Sprachweise sehr viel zum ersten Eindruck des Dichters beiträgt. Wenn im evangelischen Gesangbuch nur die Strophe 4 von "Geh aus mein Herz" abgedruckt stehen würde, dann würde ich Paul Gerhard als oberflächlich beurteilen.

Strophe 4. Die Glucke führt ihr Völklein aus,
der Storch baut und bewohnt sein Haus,
das Schwälblein speist die Jungen,
der schnelle Hirsch, das leichte Reh
ist froh und kommt aus seiner Höh
ins tiefe Gras gesprungen.

Wenn alle 15 Strophen abgedruckt sind, dann kann man sich ein anderes Bild vom Dichter und seinen Gedanken und seinen Erlebnissen machen, selbst wenn nur eine Strophe gesungen wird.

Es ist ein Unterschied, ob aus 15 abgedruckten Strophen nur 5 Strophen gesungen werden, oder ob 10 Strophen komplett als Unsinn "aus der Welt geschaffen" werden, indem diese aus lauter Dummheit oder Absicht heraus, nicht mehr im evangelischen Gesangbuch abgedruckt werden.

Nicht nur extreme Textkürzungen sind für einen Dichter kränkend sondern auch Änderungen von wichtigen Wörtern. Zudem war Bonhoeffer evangelischer Theologe und er hat auf Grund dessen, wichtige Glaubensinhalte in seinen Texten rübergebracht.

Wenn anstatt "verscheucht" verschreckt gesungen oder genuschelt wird, was ja nichts anderes heißt, als "vor lauter Bammel in die Hosen machen" dann ist das sehr peinlich, weil in dem Wort "verscheucht" eine ganz andere Bedeutung dahinter steckt. Auf jeden Fall kein Bammel. Wir sollten die Gottergebenheit von Bonhoeffer in seiner Todeszelle ernst nehmen und nicht im nachhinein abändern.

Aus dieser Treibjagd auf Bonhoeffer darf man keine Verleugnung machen.

In damaligen Militärliederbüchern (40er Jahre), da wurde durch das Zusammenziehen der Eingangs- und Schluß-Strophen
eine Veränderung der Aussage bewirkt: Das Lied "Großer Gott wir loben dich" wurde seiner Zeit partiell "entchristlicht" und wurde darüber hinaus anfällig für nationale Vereinnahmungen, weil die christologischen Mittelstrophen weggefallen sind.
Soweit ein anderer Blickwinkel! Durch die Hinzufügung zweier neugedichteter Strophen wurde der größte Texteingriff in der Rezeptionsgeschichte des Liedes vorgenommen und der Gesang in
einen nationalistisch-militaristischen Kontext eingefügt. Das alles war kalkuliert! Ziel war die Überwindung der Konfessionen

Ja, es ist nicht gut, Strophen wegzulassen. Aber es ist gut, beide Melodien abzudrucken. Ich mag Siegfried Fietz und seine Version ist völlig in Ordnung, man kann sie auf verschiedene Weise singen, das muss nicht "beschwingt" sein. Fietz selbst singt heutzutage die Kelchstrophe in Moll.
Ich habe das Lied letztes Jahr bei einer Trauerfeier gesungen, rührte die Gemeinde zu Tränen, nur die Pfarrerein war erbost und ließ mich wissen, dass ich ein Sakrileg begangen hätte.
Zu "aufgeschreckt": Wikipedia sagt, dass "aufgeschreckt" Bonhoeffers Original entstammt, "aufgescheucht" hieß es nur aufgrund einer Abschrift von Maria von Wedemeyer.

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