Sterilisation und Schwangershaft

gestellt von Robert F. am 23. Mai 2013

Liebe Frau Bauer-Banzhaf,

vor Jahren habe ich mich sterilisieren lassen. Meine Frau und ich wollten mit Sicherheit keine Kinder haben. Nun bin ich geschieden und habe seit zwei Jahren eine Freundin, die ich sehr liebe. Ich habe ihr von meiner Sterilisation nie etwas gesagt. Und nun hat sie mir erzählt, dass sie schwanger ist. Ich bin total schockiert, weiß aber auch nicht, was ich nun tun soll.

Mit freundlichen Grüßen Robert F.

Lieber Robert,

 

huch, was ist denn da bei Ihnen los...? Sie stellen mich vor eine große Herausforderung, denn diese Situation scheint aus einer Tragikomödie entsprungen zu sein- für Sie bitterer Ernst, für andere der Stoff, aus dem Bücher und Filme gemacht werden. Ich könnte also mit einem Roman antworten, das wäre wahrscheinlich leichter als mit ein paar Sätzen, denn Ihr Problem ist wahrlich komplex.

Als erstes fällt mir auf, dass sowohl Sie als auch Ihre Freundin „kleine“ Geheimnisse voreinander haben. Nun denke ich nicht, dass Partner jeden Gedankengang und alle emotionalen Untiefen miteinander teilen müssen, allerdings sind Eckdaten und grundlegende Tatsaschen wichtig für das Zusammenleben- von Anfang an. Leider denken wir allzu oft, unsere vermeintlich dunkleren Ecken oder unsere „Schwächen“ verbergen zu müssen. Warum eigentlich? Sie machen uns zwar vielleicht verletzlich, aber als Menschen aus.

 

Als erstes sollten Sie zum Arzt gehen und sicher gehen, dass Ihre Sterilisation wirklich wirksam ist. Wer weiß, welche Möglichkeit da eine kleine Seele gefunden hat, auf die Welt zu kommen...? Das wäre die schönste und leichteste Klärung Ihrer Situation.

Dann weiß ich natürlich nicht, warum Sie Ihrer Freundin verschwiegen haben, dass Sie sterilisiert sind. Diese Gründe sollten Sie für sich mal ganz ernsthaft hinterfragen. Hatten Sie Angst, als „halber Mann“ da zu stehen. Oder wussten Sie, dass Sie als Freund nicht infrage kommen, weil Ihre Partnerin gerne Kinder wollte? Fragen Sie Ihr Herz, nicht Ihren Verstand. Logische Argumente bringen uns hier nicht weiter, nur eine ehrliche Selbstreflektion. 

Erster möglicher Schritt aus dem Dilemma: Wenn Sie mit Ihrer Freundin ein klärendes Gespräch führen- und das sollten Sie möglichst bald tun-, sind die Beweggründe für Ihre Sprachlosigkeit wichtig. Sie wird Ihnen vielleicht mangelndes Vertrauen vorwerfen und nicht nachvollziehen können, warum Sie so ein wichtiges Detail verschwiegen haben. Seien Sie wenigsten dann ehrlich.

 

Vertrauen – darum wird es gehen in der nächsten Zeit. Denn mit Verlaub, lieber Robert, mit Offenheit und Nähe haben Sie beide sich nicht gerade überschüttet, so scheint es. Jedenfalls haben Sie entscheidende Bereiche Ihres Lebens beide ausgeklammert. Das Resultat wächst nun rasant zu einem kleinen Menschen heran und wird in sehr absehbarer Zeit auf dieser schönen Welt herumtapsen. Die Mutterschaft ist geklärt, wie meistens ...aber alles andere?

Zweiter möglicher Schritt: Welche Beweggründe hatte Ihre Freundin, als sie Sex mit einem anderen Mann als Ihnen hatte? Brauchte sie Aufmerksamkeit, Bestätigung? Hatte sie schlicht zu viel getrunken? Fremdgehen ist für die meisten ein sehr belastetes Thema und seit Menschendenken versuchen Verbote, Gesetze, Moralpredigten und nicht zuletzt die Kirchen, genau diese Situationen zu vermeiden. Ohne durchschlagenden Erfolg. Es kommt immer wieder vor und scheint Teil des menschlichen Miteinanders zu sein, so sehr es auch immer wieder verdammt wird.

Dritter möglicher Schritt: Wichtig ist, dass Sie beide sich Hilfe suchen, am besten bei einem erfahrenen systemischen Coach. Sie brauchen Klärungen auf vielen Ebenen, die mit systemischen Aufstellungen gut zu ergründen sind. Die wichtigste Frage stelle ich Ihnen allerdings jetzt: Wollen Sie mit Ihrer Freundin leben und sie mit Ihnen? Ist Ihre Liebe als Energie noch spürbar zwischen Ihnen? Dann schaffen Sie neue Parameter für Ihre Partnerschaft und verzeihen Sie -jeder für sich- Ihr eigenes mangelndes Vertrauen. Das gelingt Ihnen mit besagten Aufstellungen.

Der vierte mögliche Schritt: verzeihen Sie sich gegenseitig. Und dann freuen Sie sich auf das kleine Wesen, das Sie beide als Eltern ausgesucht hat!

 

Ich wünsche Ihnen Kraft, gutes Gelingen und besonders viel Liebe in der nächsten Zeit.

Herzlich

Ihre Heike Bauer-Banzhaf

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