Die Zählung der Zehn Gebote

gestellt von Inga Karrer am 8. Januar 2013

Können Sie mir sagen, warum Martin Luther die Zehn Gebote nicht in der korrekten Reihenfolge und dem korrekten Text in den Katechismus übernommen hat? Warum schreibt er: Du sollst den Feiertag heiligen? Und dann noch als drittes Gebot? Ich habe noch mehr Fragen. Ich komme ursprünglich aus der evangelisch-lutherischen Kirche.

Ihre I.K.

Liebe Frau Karrer,

 

wenn Sie schreiben, Luther habe eine "falsche" Reihenfolge der Zehn Gebote in seinem Katechismus, dann meinen Sie sicherlich eine bestimmte Zählung, die derjenigen nicht entspricht, die Sie benutzen. Der Grund für die abweichenden Zählungen liegt vor allem darin begründet, was man alles unter dem ersten Gebot versteht. Der Text in Ex 20,2-6 lautet:

 

Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.

 

Wie viele Gebote stecken in diesem Abschnitt, eines oder zwei? Oder gar mehr als zwei? Die jüdische Tradition (und im Anschluss an sie die anglikanische, die reformierte und die meisten freikirchlichen Traditionen) sieht hier zwei Gebote: Das erste: Das Fremdgötterverbot, das zweite: Das Bilderverbot.

Die katholische Tradition (und im Anschluss an sie auch die lutherische) sieht hier lediglich ein Gebot: Du sollst keine anderen Götter haben (und dir entsprechend auch keine Bilder von ihnen machen). Je nachdem, wofür man sich entscheidet, verschieben sich natürlich die folgenden Gebote in der Zählung.

 

Um trotzdem auf die Zahl 10 zu kommen, braucht die katholische (und also auch die lutherische) Zählung also am Ende ein Gebot mehr, sonst wären es ja nur neun. Darum gilt im Schlussteil Folgendes:

(Ex 20,17) Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat.

Wieder die Frage: Wie viele Gebote sind hier drin? Antwort der jüdischen Tradition: Eins – Nicht begehren! Antwort katholische und lutherische Tradition: Zwei! An dieser Stelle kommt noch eine Kniffeligkeit hinzu, denn die Zehn Gebote kommen in der Bibel ja zweimal vor: Im 2. (Exodus und im 5. Buch Mose (Deuteronomium). Und hier unterscheiden sich die beiden Texte voneinander, denn während die Exodus-Zählung zuerst das "Haus" erwähnt, steht bei Dtn 5,21:

Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus, Acker, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was sein ist.

Sie sehen, hier steht zuerst "Du sollst nicht begehren deines nächsten Weib." So kommt es, dass hier die lutherische und die katholische Zählung sich noch einmal unterscheiden:

Katholisch: Gebot 9: Nicht die Frau deines Nächsten begehren Gebot 10: Nicht sein Haus etc. begehren.

Lutherisch: Gebot 9: Nicht das Haus deines nächsten Begehren, Gebot 10: Nicht deines Nächsten Frau etc.

Wie Sie sehen, kommt es darauf an, wie man die Bibelstellen interpretiert, damit man zu einer Zählung gelangen kann, denn der Bibeltext selbst zählt die Gebote ja nicht durch. Das ist alles eine Frage der Auslegungs-Tradition.

 

Nun noch kurz zu der Frage, warum Luther im dritten Gebot in seinem Katechismus schreibt: "Du sollst den Feiertag heiligen", obwohl es in der Bibel übersetzt: "Gedenke des Sabbattages, dass Du ihn heiligest."

Das liegt schlicht daran, dass schon sehr früh in der Geschichte des Christentums der Sabbat durch den Sonntag als wöchentlicher Feiertag abgelöst wurde. Luther hat sich also erlaubt, an dieser Stelle das, was die Christenheit ohnehin tat (nämlich anstelle des Sabbats den Sonntag als Wochenfeiertag zu heiligen) in die Zehn Gebote zu übernehmen. Für ihn war der Sabbat (als siebter Tag der Woche) durch die Auferstehung Jesu Christi (am ersten Tag) einfach überboten worden. Zu dieser Debatte können Sie sich auch gern hier weiter informieren:

 

Mit freundlichen Grüßen

Frank Muchlinsky

P.S. Für eine gute Übersicht der verschiedenen Zählweisen der 10 Gebote empfehle ich den Wikipedia-Artikel dazu.

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