Vesper und Vesperkirche

gestellt von Gast am 6. Januar 2012

Vesperkirche zur Mittagszeit

Die Vesper, jüdische Tradition lateinisch vespera „Abend“ ist das liturgische Abendgebet der Kirche.
Dabei wurden für die Vesper insbesondere Psalmen mit abendlichen Motiven gewählt. Weitere Bestandteile der Vesper waren und sind bis heute christliche Hymnen und das Vaterunser.
Was ist aus der Vesper nun geworden?
Eine Vesperkirche.

Punkt Schlag 12.00 Uhr kann man dort sein Vesperbrot abholen oder zu Mittag essen. July und der Diakoniechef haben nun die fast 30 Vesperkirchen eröffnet. Dort kann man unsere Armen genauer betrachten und in den Blick nehmen.

Das Vaterunser wird zwar nicht gebetet aber es wird eine medizinische Versorgung angeboten, und die Haare können geschnitten werden, vermutlich von Ehrenamtlichen, der Hund wird versorgt ....

Der Landesbischof spricht von "Reformen" die mit der Vesperkirche nun mit einem Signal eingeläutet werden. Was ist damit gemeint?

Lieber Gast,

Sie haben Recht, wenn Sie sagen, dass die Vesper ein kirchliches Stundengebet ist. Als Norddeutscher schwante mir aber auch, dass Vesper in Württemberg noch eine andere Bedeutung hat. Ich wurde fündig bei „schwabissimo:

schwabissimo wrote:

Nicht fehlen dürfen ein paar Worte über das schwäbische Vesper, also die kalte Zwischen- oder Hauptmahlzeit, ohne die ein Schwabe nicht existieren kann.
"Zwischenmahlzeit", so wird das schwäbische Wort Vesper gerne übersetzt. Das mochte noch für die Zeiten zutreffen, als die Leute harte körperliche Arbeit leisteten und ohne Angst vor Übergewicht fünf Mahlzeiten pro Tag vertilgten. Von denen wurden zwei als Vesper bezeichnet, nämlich der Vor- und der Nachmittägliche kalte Imbiss zwischendurch.

Mittlerweile hat sich das Vesper zu einer vollwertigen Mahlzeit emanzipiert, wie die Vesperkarten gutbürgerlicher schwäbischer Wirtschaften beweisen. Die enthalten neben Hausmacherwurst und Käse, die gerne auf dem Vesperbrettle serviert werden, auch warme Elemente wie Saitenwürste oder den reigschmeckten "strammen Max".

Als 1995 in Stuttgart eine Initiative erstmals eine gemeinsame Mahlzeit für Bedürftige und Nicht-Bedürftige organisierte, nannte sie diese Einrichtung Vesperkirche, weil es dort was zum Vespern gab - auch wenn es sich dabei längst um komplette warme Mahlzeiten handelt.

Damit hat das Vesper wieder zur Kirche gefunden. (Link: http://www.petermangold.de/schwaebische_kueche_IV.htm

s gibt also sowohl "die" als auch "das" Vesper. In den Vesperkirchen in Württemberg kommen nun beide Begriffe zusammen. Sie kritisieren, dass man in diesen Kirchen die „Armen betrachten“ kann. Das ist vom Selbstverständnis dieser Einrichtungen freilich nicht der Fall. Vielmehr kommt es durch die Vesperkirchen zu Begegnungen.

Vesperkirche Stuttgart wrote:

"Jeder darf zu uns kommen, wie er ist, wie er geworden ist – und so darf er auch wieder gehen, wenn er will." Dies war von Anfang an oberstes Prinzip der Aktion Vesperkirche. Daraus entstanden nach anfänglich distanzierten und unsicheren Höflichkeiten teilnehmende Gespräche, Begegnungen von Mensch zu Mensch. Ins Gesicht geschriebene Lebensgeschichten bekamen einen Namen, Armut ein Gesicht: sich heran tasten, annähern, kennen lernen, Anteil nehmen – Offenheit füreinander, miteinander lachen und traurig sein, gemeinsam leben auf Zeit. Klischees schwinden, Vorurteile bröckeln – auf beiden Seiten. Link: http://www.vesperkirche.de/cms/startseite/fuer-leib-und-seele/menschlich...

Ihre Annahme, dass das Vaterunser in den Vesperkirchen nicht gebetet würde, ist ebenfalls nicht richtig.

Vesperkirche Stuttgart wrote:

Jeden Tag um 16 Uhr beendet eine Andacht die Vesperkirche. 30 bis 100 Menschen kommen durchschnittlich zu diesem Abschluss des Tages, den die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Vesperkirche für sich und ihre Gäste abwechselnd gestalten. Link: http://www.vesperkirche.de/cms/startseite/fuer-leib-und-seele/andachten/

Was Landesbischof July und Diakoniechef Kaufmann angeht, so setzen sie sich in einer gemeinsamen Presseerklärung für Reformen in der Arbeitsmarkt-, Sozial- und Steuerpolitik ein. Die Vesperkirchen sind in ihren Augen ein Signal dafür, die Armen Menschen in unserem Land in den Blick zu nehmen. Mir dieser Erklärung machen sie deutlich, dass die Kirche sich selbstverständlich ihrem Auftrag gemäß direkt den Armen und Bedürftigen zuwendet, dass sie aber auch gleichzeitig Anwältin dieser Menschen ist. Darum setzt sie sich für entsprechende politische Reformen ein. Hier die Erklärung im Wortlaut:

Quote:

Landesbischof und Diakoniechef: Vesperkirchen setzen Zeichen für Reformen bei Niedriglohn, Hartz IV, Rente und in der Steuerpolitik ein
Wort von Kirche und Diakonie zum Start der Vesperkirchen.

Stuttgart, 3. Januar 2012: Der württembergischen Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July und der württembergische Diakoniechef Oberkirchenrat Dieter Kaufmann haben zu Beginn der Vesperkirchen die Signalwirkung dieser Einrichtungen hervorgehoben und Reformen in der Arbeitsmarkt-, Sozial- und Steuerpolitik angemahnt.

In den vielerorts an diesen Tagen beginnenden Vesperkirchen seien die Tische für alle reichlich gedeckt, heißt es in dem gemeinsamen Wort. „Auch Menschen mit wenig Geld können hier ein schönes Essen genießen und Gemeinschaft erfahren, ohne dass sie sich als arm zu erkennen geben müssten“, schreiben July und Kaufmann. Es sei gut, dass Kirchengemeinden mit ihren Vesperkirchen solche Orte der Begegnung schafften. „Sie setzen damit ein Signal in ihrer Stadt, Menschen mit wenig Geld in den Blick zu nehmen und sich bewusst zu machen, dass immer mehr Menschen am gesellschaftlichen Leben nicht mehr teilnehmen können, weil ihnen das Geld dazu fehlt“, so July und Kaufmann wörtlich.

Gleichzeitig würden Vesperkirchen ein politisches Zeichen setzen, indem sie sich im Sinne der Bibel für die Armen einsetzten und für politische Reformen einträten. July und Kaufmann nannten hierbei den Niedriglohn, Hartz IV, die Rente sowie die Besteuerung von Einkommen, Vermögen und Finanztransaktionen.

Landesbischof und Diakoniechef dankten den Mitarbeitern, Spendern und Sponsoren und hoben hervor, dass immer mehr Schülerinnen und Schüler mit Begeisterung in den Vesperkirchen mitarbeiten. Derzeit gibt es 23 Vesperkirchen in Württemberg. Link: http://www.diakonie-wuerttemberg.de/presse-und-aktuelles/pressemitteilun...

Mit freundlichen Grüßen
Frank Muchlinsky

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