Meine Tocher, das Wunderkind

gestellt von Anne Sophie am 22. Mai 2013

Wenn unsere Tochter beim Musikvorspiel an der Schule auf der Bühne steht und Geige spielt, könnte ich manchmal weinen vor Rührung. Dabei spielt sie gar nicht gut, total schief und krumm, aber, Herrgott, es ist mein Kind. Und ich zittre mit und fiebre, bis es losgeht. Dann vermisse ich doch, dass der Vater der Kinder sich mit mir freuen könnte. Aber von dem bin ich lang geschieden. Und mein neuer Freund sagt dann eher so was wie: Ach, hat das Wunderkind wieder gespielt?

Liebe Anne Sophie,

 

wie sehr ich Sie verstehe! Schon mit dem ersten Atemzug vollbringen unsere Kinder in unseren Augen große Taten, mit jeder neu hinzugewonnen Eigenschaft finden sie ihren ganz persönlichen Ausdruck, mit dem sie ihre Fußabdrücke hier auf Erden hinterlassen. Und das ist großartig so! Freuen Sie sich an der Freude Ihres Kindes, sich entdecken zu dürfen. Unsere Kreativität und Ausdruckskraft ist das größte Geschenk Gottes an uns, finde ich.

 

In meiner Antwort gehe ich jetzt zwei Gedanken nach. Sie „vermissen“, dass der Kindesvater sich mit Ihnen freut. Gibt es die Möglichkeit, ihm das ganz freundschaftlich in einem Brief zu schreiben, mit einer Einladung zur nächsten Veranstaltung Ihres Kindes? Sie haben ja bei der Trennung die Rolle als gemeinsame Eltern nicht abgelegt. Solange Sie beide leben, sind Sie durch Ihre Tochter miteinander verbunden. Die Partnerschaft mag nicht funktionieren- die Elternschaft sollte es- aus Fürsorge und Verantwortung Ihrem  Kind gegenüber. Vielleicht wünscht auch der Vater Ihrer Tochter mehr Kontakt und traut sich nicht, es vorzuschlagen, weil so viel Zeit vergangen ist...? Die direkte Art einer freundlichen Einladung ist manchmal die beste. Lehnt er ab, tut es weh. Aber Sie haben ihm dann die Chance gegeben und können mit sich zufrieden sein. Ist dieser Vorschlag nicht umzusetzen, (aus welchen Gründen auch immer), dann ist das schade. Und zu akzeptieren.

 

Der zweite Gedanke: sprechen Sie offen mit Ihrem Freund über Ihre Irritation und erzählen Sie ihm, wie Sie sich fühlen, wenn er  beiseite steht und sowohl Ihnen als auch Ihrer Tochter diese Art von Desinteresse zeigt. Zeigen Sie ihm Ihre Betroffenheit darüber und fragen Sie ihn, ob er sich vorstellen kann, sich mit Ihnen beiden freuen zu können, denn Sie Ihrerseits möchten Ihre Freude ja gerne mit ihm teilen.  Ermutigen Sie auch Ihre Tochter, ihn persönlich einzubeziehen. Sie darf ihm gerne zeigen, dass er für sie dazu gehört- wenn sie das will. Vielleicht hat er kleine Vorbehalte, weil die Kleine ja Ihr „Vorleben“ repräsentiert. Machen Sie ihm klar, dass die Liebe zu Ihrer Tochter keine Einbuße für ihn bedeutet. Im Gegenteil. Je mehr Liebe im Haus ist, umso besser für alle. Wichtig könnte auch ein gemeinsames Interesse für sie drei als neue Familie sein  - egal was es ist.

 

Ich wünsche Ihnen, dass Ihre Freude über ihr Kind immer noch größer wird und Sie sich von niemandem beirren lassen.

 

Herzlich

Ihre Heike Bauer-Banzhaf

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