Wozu zahle ich Kirchensteuer?

gestellt von Christina Fernández am 18. April 2017
Foto: Getty Images/iStockphoto

 

Sehr geehrter Herr Muchlinsky,

 

ich zahle seit Jahren Kirchensteuer, ohne zu wissen wofür.
Natürlich gibt es im Netz Aufstellungen darüber, wieviel Prozent der Kirchensteuer wofür verwendet werden. Aber meine Frage ist: Was genau habe ich davon?
Für etwa 40 Euro im Monat scheint es mir wie eine teure Club-Mitgliedschaft, nur dass ich die Leistungen gar nicht kenne.
Ich gehe nicht in die Kirche, mein Kind geht nicht in einen evang. Kindergarten (wird auch später keinen Reli-Unterricht mitmachen), und ich habe auch nur standesamtlich geheiratet. Also mal ganz ehrlich: Welche Leistungen bringt die Kirche mir persönlich oder meiner Familie?
Die wenigen Male, wo wir in die Kirche gehen, weil z.B. vom Kiga aus ein schönes Martinsfest in der Kirche gefeiert wird, wird mir hinterher auch noch der Klingelbeutel präsentiert... Da fühle ich mich als Kirchenmitglied veräppelt. Ich mein, hochgerechnet aufs Jahr hat mich der Martinsfestspaß ca. 500 Euro gekostet, da es die einzige kirchliche Veranstaltung war, die ich 2016 besucht
habe.

 

Mit freundlichen Grüßen
Christina Fernández

Liebe Frau Fernández,

 

Ihre Kirchensteuer wird für die Aufgaben ausgegeben, die sich die Kirche selbst gestellt hat. Dabei gibt es vier Hauptbereiche und Richtungen, in die das Geld fließt. Alle vier Bereiche sind – so ist es christliche Überzeugung – Aufträge Gottes an seine Kirche (nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt). Die vier Richtungen sind: Gemeinsame Feier des Gottesdienstes, Verkündigung, Nächstenliebe und Gemeinschaft der Christinnen und Christen untereinander.

 

Bei diesen Bereichen sind vor allem die Verkündigung und die Nächstenliebe ausdrücklich nicht nur für die eigene Gemeinschaft gedacht. Mit anderen Worten – und auf das Geld bezogen: Hier profitieren auch andere Menschen als die christliche Gemeinschaft selbst von der Kirchensteuer.

 

Sie haben aber nun explizit danach gefragt, was Sie persönlich "davon haben", Kirchensteuer zu zahlen. Da möchte ich Ihnen gern sagen: Sie haben so viel von Ihrer "Mitgliedschaft", wie Sie davon gern haben möchten. Wenn Sie beispielsweise in einem Fitnessstudio Mitglied sind und nur einmal im Jahr zum Training gehen, kommen Sie auf eine Trainingsstunde, die Sie ungefähr genauso viel kostet, wie Ihre Zugehörigkeit zur Kirche.

 

Mit anderen Worten: Es liegt an Ihnen, ob Sie das Angebot der Kirche nutzen oder nicht. Ähnlich wie beim Fitnessstudio können Sie sich überlegen, woran es liegt, wenn Sie das Angebot nicht häufiger nutzen. Ist es das Angebot, das schlecht ist? Oder liegt es daran, dass Sie sich nicht aufraffen mögen? Sie schreiben, dass Sie die Angebote nicht kennen, die Ihnen die Kirche macht. Das lässt sich sehr leicht ändern. Schauen Sie in Ihren Gemeindebrief, oder auch in den einer Gemeinde in der Nachbarschaft, wenn Ihnen das Angebot der eigenen Gemeinde nicht zusagt. Oder Sie googlen mal nach evangelischen Akademien und sehen sich deren Angebot an. Oder Sie fahren auf den Kirchentag nach Berlin vom 24.-28 Mai und erleben vor Ort, was Kirche noch alles sein kann. Oder in einer Stunde, in der Sie wirklich betrübt sind, wenden Sie sich einfach direkt an Ihren Pfarrer oder Ihre Pfarrerin vor Ort. Wie gesagt, das Angebot ist riesig. Oh, und nicht zuletzt: Sie haben auch ein kirchliches Angebot in Anspruch genommen, indem Sie mir geschrieben haben.

 

Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit.

Frank Muchlinsky

Kommentare

St. Martin-Fest ist doch ein katholischer Festtag. Jetzt haben Sie auch noch ein katholisches Fest gefeiert ohne Club-Mitglied in der katholischen Kirche zu sein. Womöglich sind Sie dann alle nach dem Laternenumzug zum gemeinsamen Martinsgans-Essen zusammen gekommen.

Nicht zwangsläufig. Ich kenne viele evangelische Gemeinde, die ebenfalls den Martinstag begehen.

Wenn die Fragerin nun überhaupt nichts von der Kirche weiß, sich überhaupt nicht für den Glauben und auch nicht die Kirche (und ihre Musik, sozialen Angebote etc.) interessiert und sogar aktiv gegen sie handelt (indem sie ihr Kind nicht mal in den Religionsunterricht gehen lassen will), ja dann soll sie halt austreten. Ich bin ein großer Verfechter der Volkskirche (...), aber manchmal muss man einfach sagen: Tschüss, es hat keinen Wert.

Lieber Andreas,

ich habe Ihren Kommentar ein wenig gekürzt, damit er unseren Richtlinien entspricht. So sehr ich Ihre Entrüstung verstehe, so wenig möchte ich der Fragestellerin nahelegen, die Kirche zu verlassen. Das ist ein Schritt, den sie selbst tun muss. Ich mag ihr aber lieber sagen, was wir alles Gutes anzubieten haben, anstatt ihr die Tür zu weisen.

Herzliche Grüße

Frank Muchlinsky

Ich zahle sehr gerne Kirchensteuer - und zwar aus theologischen Gründen (Glaube ist immer auch Verantwortung), aber auch, weil ich weiß, dass es unsere Kirche und Sozialwesen nicht umsonst geben kann. Natürlich weiß ich auch, dass die Kirchensteuer nicht alles bezahlen kann und soll - aber ein Finanzierungsmodell für "evangelisch.de" würde ich mir schon wünschen, bei dem nicht mit großen blinkenden Werbebannern gearbeitet werden muss.

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