Was unterscheidet das alte Testament vom neuen Testament?

gestellt von Wolfgang am 30. Juli 2017

Hallo Herr Bezold, warum wird immer noch das Alte Testament herangezogen, das doch überhaupt nicht mehr anerkannt wird? Ich behaupte, die Gläubigen kennen weder das alte noch das neue Testament in seiner Gesamtheit. Es ist nur ein Glaube. Mit freundlichen Grüßen Wolfgang

 

Lieber Wolfgang,

vielen Dank für Ihre Frage, die für mich als Alttestamentler eine Herzensangelegenheit ist. Ich weiß von Ihren Kommentaren, dass Sie als überzeugter Atheist kritische Fragen stellen. Ich gebe Ihnen insofern Recht, dass viele Menschen heutzutage nicht die gesamte Bibel gelesen haben und (auswendig?) kennen. Ich finde das nicht im Geringsten problematisch, ermuntere Sie und alle anderen aber gerne, sich intensiv mit den biblischen Texten zu beschäftigen.

 

Mit Nachdruck widerspreche ich hingegen Ihrer Behauptung, dass das Alte Testament "doch überhaupt nicht mehr anerkannt wird". Das ist zwar eine provokante Verkürzung, aber keine zutreffende Zustandsbeschreibung über die christlichen Kirchen.

 

Vor zwei Jahren entbrannte an der Berliner theologischen Fakultät ein hitzig geführter Streit um die Frage nach der Bedeutung des Alten Testaments für die christliche Kirche. Es ging um die Frage, inwiefern das Alte Testament von Jesus Christus spreche und welche Rolle das Alte Testament für die Kirche hat. Mit großer Entschlossenheit haben die TheologInnen sich hinter das Alte Testament gestellt und festgehalten, dass es ohne jeden Zweifel Teil des biblischen Kanons ist, der in unserer Kirche der Bezugspunkt der Verkündigung von Jesus Christus ist. Die ersten Christen (und natürlich Jesus selbst) haben die Schriften des heutigen Alten Testaments als ihre heiligen Schriften gekannt und ihre Gegenwart vor dem Hintergrund dieser Schriften gedeutet. Anders gesagt: Ohne Altes Testament ist das Neue nicht verständlich.

 

Der christliche Glaube lebt aus dem reichen Schatz der theologischen und literarischen Welt des Alten Testaments. Ein Christentum ohne Altes Testament gibt es nicht. Dass dabei viele Gebote an Bedeutung verloren haben, zeigt nicht, dass das Alte Testament überflüssig geworden ist. Es zeigt, dass die christliche (im Übrigen genau wie die jüdische) Tradition – zum Glück – eine lebendige ist. Das Alte Testament ist wie das Neue ein Dokument der Erfahrung von Menschen mit ihrem Gott. Der Gott, den Jesus "Vater" nennt, ist der Gott von Abraham bis Maleachi. Das durchzieht neben vielem anderen die beiden Testamente. Das Alte Testament erweist sich im Übrigen in jedem Gottesdienst als ganz lebendig: In jedem Sonntagsgottesdienst finden sich liturgische Bezüge zum Alten Testament, u.a. durch die Psalmenlesung oder den aaronitischen Segen. Nicht zuletzt sind die Bücher des Alten Testaments bedeutender Teil der Weltliteratur und Kulturgeschichte. Sie bieten Menschen mit oder ohne religiösen Hintergrund spannende Lektürestunden.

 

Herzliche Grüße

Helge Bezold

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Kommentare

Zitat: "Ohne Altes Testament ist das Neue nicht verständlich."

Dem kann ich nur zustimmen! Und wenn es das AT nicht geben würde, würde vieles unbeantwortet bleiben. Ich habe für einige meiner "Exkursionen" durch die Bibel AT und NT viel Zeit gebraucht. Und es war ein ziemliches hin und her geblättere. Aber das Ergebnis meiner "Forschungen" ist erstaunlich. Finde ich jedenfalls. Meine Lektüre bestand sogar hauptsächlich aus Texten, die im AT zu finden sind. Da sind z. B. zu erwähnen:

1. Mose 1,1-2,25
Josua 13,1-22,34
1. Könige 6,1-8,66
Hesekiel 40,1-48,35

Offenbarung 21,1-22,21

Nur zwei Textpassagen aus dem AT und Eine aus dem NT will ich hier anführen, weil mich die Parallelen, die dort deutlich werden so sehr fasziniert haben.

Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte.
Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen. Denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; aber ein Strom stieg aus der Erde empor und tränkte das ganze Land. Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Und es geht aus von Eden ein Strom, den Garten zu bewässern, und teilt sich von da in vier Hauptarme.
Der erste heißt Pischon, der fließt um das ganze Land Hawila und dort findet man Gold; und das Gold des Landes ist kostbar. Auch findet man da Bedolachharz und den Edelstein Schoham. Der zweite Strom heißt Gihon, der fließt um das ganze Land Kusch. Der dritte Strom heißt Tigris, der fließt östlich von Assyrien. Der vierte Strom ist der Euphrat. Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte. Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben. (1. Mose 2,4-17)

Und an dem Strom werden an seinem Ufer auf beiden Seiten allerlei fruchtbare Bäume wachsen; und ihre Blätter werden nicht verwelken und mit ihren Früchten hat es kein Ende. Sie werden alle Monate neue Früchte bringen; denn ihr Wasser fließt aus dem Heiligtum. Ihre Früchte werden zur Speise dienen und ihre Blätter zur Arznei. (Hesekiel 47,12)

Und er zeigte mir einen Strom lebendigen Wassers, klar wie Kristall, der ausgeht von dem Thron Gottes und des Lammes,
mitten auf ihrer Straße und auf beiden Seiten des Stromes Bäume des Lebens, die tragen zwölfmal Früchte, jeden Monat bringen sie ihre Frucht, und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung der Völker. (Offenbarung 22,1-2)

Matthaeus 5
17Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen. 18Denn ich sage euch wahrlich: Bis daß Himmel und Erde zergehe, wird nicht zergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüttel vom Gesetz, bis daß es alles geschehe.

Ich behaupte, die Gläubigen kennen weder das alte noch das neue Testament in seiner Gesamtheit.

Nun Sie scheinen die Bibel ja sehr genau zu kennen. Nicht wahr? Sonst würden Sie wohl nicht so viele Fragen stellen.

Nein, ich wollte was anderes erwähnen:
Im Alten Testament stehen die Tiere die man essen darf, und Tiere die man nicht essen darf. Das Unreine und das Reine. Man darf quasi keine Maus essen und keinen Maulwurf und auch keinen Wiedehopf. Auch ein Kamel ist tabu. Schwein sowieso, wegen den gespaltenen Klauen. Eine Eidechse soll man auch nicht essen und auch keine Eule usw....

Im Neuen Testament sagt Jesus, dass es nicht wichtig ist, was in den Mund hineingeht. Unrein wird man durch die Worte, die aus dem Mund heraus kommen: böse Gedanken, falsches Zeugnis, Lästerung usw

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