Gerede über Andere

gestellt von Frau H. am 23. August 2017

Hallo Herr Muchlinsky,
nun schreibe ich auch einfach mal hier, denn mich belastet seit einiger Zeit das Thema "Gerede" bzw. Gedanken anderer über mich, vor allem als Person mit Verantwortung. Ich habe eine bestimmte Sicht von mir, die muss nicht unbedingt mit der Sicht übereinstimmen, die andere von mir haben. Doch manchmal habe ich das Gefühl, im sozialen Gefüge werde ich dann zu der Person, als die mich andere sehen. Wie kann es mir mit Hilfe des Glaubens und der Bibel gelingen, mein Ich ohne Verstellung zu leben, so zu sein, wie ich denke, dass ich bin und mich nicht immer wieder von anderen erschaffen zu fühlen? Ich muss dazu sagen, ich sehe mich als grundehrliche Person, erlebe es aber sehr oft, dass andere nicht die gleiche Offenheit und Ehrlichkeit haben wie ich und ich eher dafür noch belächelt und nicht ganz für voll genommen werde. Geht das in unserer Gesellschaft einfach nicht mehr ehrlich zu sein bzw. sind die Ehrlichen wirklich die ewig gestrigen und die Dummen, die es noch nicht kapiert haben, wie man im Leben weiterkommt? Ich merke, dass mich das sich selbst erhöhende Verhalten einiger Mitchristen ziemlich nervt und aufregt, auch wenn ich selbst zugegebenermaßen Situationen kenne, wo auch ich mich so verhalte? Gleichzeitig suche ich noch nach einem Mittelweg um eben auch nicht als der dumme Kirchendepp dazustehen. Ganz vorsichtig mal in den Raum gestellt: vielleicht haben wir sogar als Kirche insgesamt in der Außenwahrnehmung mancherorts dieses Problem...?
Danke schon mal für Ihre Antwort. Frau H.

 

Liebe Frau H.,

 

Ihre Gedanken kann ich gut nachvollziehen. Es ist ausgesprochen ärgerlich, wenn man beobachten muss, dass andere Menschen einen auf eine bestimmte Weise anschauen und man selbst anfängt, dem zu entsprechen. Sie fragen nach der Bibel in diesem Zusammenhang, und mir fällt natürlich sofort ein, dass die Bibel immer wieder sehr deutlich macht, dass es eben Gott ist, der uns geschaffen hat, nicht wir selbst und auch nicht andere Menschen. Was wir im Kern sind, ist von Gott erdacht und gemacht. Ich finde, das ist eine ausgesprochen beruhigende Vorstellung, denn sie besagt, dass wir zunächst einmal genau so, wie wir sind, auch gewollt sind. Das heißt natürlich nicht, dass wir deswegen uns so verhalten könnten, wie wir wollten, aber wir müssen uns weder selbst erschaffen, noch müssen wir uns zu dem machen, was andere aus uns machen wollen.

 

Ich mag besonders die Psalmen, in denen vom Menschen die Rede ist und davon, dass wir eben Geschöpfe Gottes sind, in unserer Besonderheit und auch in unserer Begrenztheit und Endlichkeit. Nehmen Sie zum Beispiel Psalm 8, wo es heißt: "Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt." (Ps 8,4-8) Das spricht von unserer Besonderheit, andere Psalmen betonen, dass wir eben als Geschöpfe Gottes sterblich sind, und auch das ist wichtig, sich deutlich zu machen, damit man nicht abhebt: "Herr, du bist unsre Zuflucht für und für. Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Der du die Menschen lässest sterben und sprichst: Kommt wieder, Menschenkinder! Denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache." (Ps 90,1-4)

 

Wer sich als Gottes Geschöpf versteht, kann ehrlich darüber lächeln, wenn andere ihn oder sie erschaffen wollen. Es ist ganz und gar nicht dumm, ehrlich uns auch bescheiden – wenn Sie so wollen demütig – zu sein. Aber die Demut sollte Gott gegenüber eingenommen werden, nicht anderen Menschen gegenüber. Die behandeln wir mit Respekt und hoffen, dass sie es mit ebenso tun.

Ich hoffe, das konnte Ihnen etwas helfen.

 

Herzliche Grüße!

Frank Muchlinsky

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