Beichte als Sakrament?

gestellt von Lutheraner am 9. Februar 2013

Ich war letztens bei einem Gottesdienst der Selbständig Evangelisch-Lutherischen Kirche anwesend. Mir ist aufgefallen, dass vor dem Abendmahlsgottesdienst ein Beichtgottesdienst angeboten wird. Ich fragte den Pfarrer, ob die Beichte einen hohen Stellenwert in der SELK hat, er bejahte und meinte außerdem noch, die Beichte sei nach lutherischem Verständnis ein Sakrament.

Meine Frage nun: Wieso ist die Beichte in den lutherischen Landeskirchen kein Sakrament?

Lieber "Lutheraner",

 

Im Grunde genommen gibt es für Luther nur ein einziges Sakrament, nämlich Jesus Christus selbst. Er schreibt: "Die heiligen Schriften kennen ein einziges Sakrament, welches Christus, der Herr, selbst ist" (WA 6,86, Th. 18). Das bedeutet für die lutherische Theologie, dass alles Nachdenken über die Sakramente sich an Jesus Christus selbst auszurichten hat. Was Sakrament ist, wird allein dadurch bestimmt, ob die Heilige Schrift bezeugt, dass Jesus Christus es gestiftet hat. Man kann also nicht einen allgemeinen Sakramentsbegriff nehmen und sehen, was alles dazu passt. Das eigentlich Sakramentale der Beichte liegt folglich in der Absolution, in der Vergebung, denn die geschieht durch Jesus Christus selbst.

 

Der sakramentale Charakter der Beichte wird von den Wittenberger Theologen nicht geleugnet, aber auch nicht unterstrichen. Im Augsburger Bekenntnis von 1530 werden in den Artikeln 9 bis 11 die protestantischen Aussagen zu Taufe, Abendmahl und Beichte beschrieben und erst in Artikeln 13 geht es um den Gebrauch der Sakramente. Es ist deutlich, dass die beichte in der lutherischen Theologie ebenso wie in den lutherischen Landeskirchen vor allem einen seelsorglichen Charakter hat.

 

Nehmen Sie diesen Befund und fügen Sie hinzu, dass sich die protestantischen Landeskirchen klar von Rom absetzen wollten, so können Sie verstehen, warum auf die beichte zunehmend wenig Wert gelegt wurde. Die Seelsorge auch eigene Wege beschritten, die persönliche Beichte wurde von vielen Landekirchen als papistisch abgetan. Die SELK, von der Sie erzählen, hat sich 1972 aus drei lutherischen Freikirchen zusammengeschlossen, die eine Aufweichung der Bekenntnisse in den Landeskirchen zu beobachten meinten. Man feiert dort den Gottesdienst in Form der lutherischen Messe.

 

Die Betonung der Beichte als Sakrament ist m.E. aus lutherischen Sicht problematisch, weil man sich dann auch der Frage stellen muss, was denn geschieht, wenn jemandem die Absolution verweigert wird. Dagegen spricht sich das Augsburger Bekenntnis in Art. 12 auch ausdrücklich aus. Da hängt sehr Vieles mit dran: Was für ein Amtsverständnis hat ein Pfarrer, der quasi die Vergebung Gottes verweigert? Die Frage nach der richtigen Form der Buße war einer der Gründe für die Reformation. Die Beichte kann als Machtmittel eingesetzt werden. Das sollte in einer protestantischen Kirche nicht vorkommen.

 

Mit freundlichen Grüßen

Frank Muchlinsky

Kommentare

... finde auch ich den Mangel an einer spezifischen Einladung zu Einzelgesprächen mit einer sakramentalen Lossprechungsmöglichkeit, vor allem wäre es einfach wünschenswert, wenn mehr PfarrerInnen offene Sprechstunden oder geistliche Begleitung anbieten würden. Meiner Meinung nach ist es gerade als engagiertes Gemeindemitglied gar nicht so einfach, da jemanden zu finden bei dem man ansatzweise das Gefühl hat, dass es von der Spiritualität her "passen" könnte, und der versteht, dass man einfach mal zwei, drei Themen zusammen anschauen will oder einige Dinge ganz spezifisch der Vergebungszusage Gottes unterstellen will. Dafür sollte eine gewisse Auswahl an möglichen Gesprächsangeboten in Wohnortnähe bestehen, mit der Möglichkeit, in eine benachbarte Gemeinde zu gehen, wo dann auch eine gewisse Aussensicht besteht und klar ist, dass es um eine geistlich-menschliche Dimension geht, und nicht um eine Art Auswertung des eigenen ehrenamtlichen Dienstes mit dem "Chef" oder der "Chefin". Aus den vereinzelten Erfahrungen, die ich bisher mit dieser Art von Gesprächen für mich machen durfte, kann ich nur dazu ermutigen, solche Freiräume für eine ganz persönliche Gotteserfahrung mit grösserer Normalität und in grösserer Breite anzubieten, bzw. dann auch gezielt zu suchen und zu erfragen. Manche Dinge kann man sich halt einfach nicht selbst sagen oder zusprechen.

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