Scheidung evangelisch und katholisch

gestellt von Verena Beetz am 12. Juni 2015

Hallo lieber Pastor Frank Muchlinsky,

Mein Name ist Verena Beetz, ich bin 18 Jahre alt und ich befinde mich momentan in der Vorbereitung meiner mündlichen Präsentationsprüfung, also dem mündlichem Abi. Ich halte diesen Vortrag im Fach Religion und mein Thema lautet: "Bis dass der Tod uns scheidet..." - Scheidung in katholischer und evangelischer Sicht.

Ich habe mir einige Bücher ausgeliehen und natürlich auch im Internet gesurft und so bin ich auf Ihre Seite gestoßen. Ich habe noch bis zum 17. Juni Zeit zum Fertigstellen meiner Präsentation und würde Sie gerne um einige Antworten bitten. Besonders wichtig für mich sind Bibelstellen, die Hinweise oder Gesetze zur Scheidung beinhalten. Matthäus 5, 32 ist ein ganz berühmter Auszug, doch da gibt es doch bestimmt noch mehr? Mal ganz im Allgemeinen, wie verhalten sich die beiden Kirchen gegenüber Geschiedenen? Werden sie trotzdem von der Kirche, und vor allem von der Gemeinde, akzeptiert? Wie sieht es aus mit Wiederheirat und Anerkennung dieser? Oft wird von der Zulassung zur heiligen Kommunion der katholischen Kirche gesprochen. Was hat das mit Scheidung zu tun? Darf ein Geschiedener nicht mehr am Abendmahl teilnehmen? Können Sie mir Zahlen nennen (von Scheidungen, Heirat oder Nichtigkeitserklärungen)? In ihrer Stadt oder Landesweit? Ich bitte um baldige Antwort und danke für Ihre Aufmerksamkeit für meine Nachricht im Voraus.

Mit freundlichen Grüßen

Verena Beetz

Liebe Frau Beetz,

 

Der große Unterschied im Eheverständnis zwischen evangelischer und römisch-katholischer Kirche ist, dass nur die katholische Kirche die Ehe zwischen Mann und Frau als ein "Sakrament" versteht, also um eine Handlung, bei der Gott unsichtbar aber doch direkt beteiligt ist. Das Bistum Mainz schreibt auf seiner Homepage dazu:

"In der katholischen Kirche ist die Ehe eines der sieben Sakramente. Sie ist ein Zeichen für die Liebe Gottes zu den Menschen. In der Liebe der Eheleute wird diese Liebe Gottes zu den Menschen sichtbar. Zugleich ist der menschliche Bund der Ehe Abbild des ewigen Bundes, den Gott mit den Menschen schließt." Link

 

Wenn also zwei Menschen sich katholisch trauen lassen, "spenden" sie einander dieses Sakrament, dieses "Zeichen für die Liebe Gottes zu den Menschen". Dieses Sakrament ist nach katholischem Verständnis unauflösbar, ähnlich wie die Taufe, die auch ein Sakrament ist und für immer gilt, ganz egal, ob jemand sich von der Kirche abwendet oder nicht. Wenn jemand aus der Kirche aus- und später wieder eintritt, wird es auf keinen Fall noch einmal getauft. Im Fall der Taufe sieht das die evangelische Kirche auch so, im Fall der Trauung nicht. Nach evangelischem Verständnis ist die Ehe zwar durchaus eine gute Gabe Gottes, aber letztlich eine weltlich Angelegenheit, die auch nicht in der Kirche besiegelt wird, sondern auf dem Standesamt. In einer evangelischen Trauung geht es vor allem darum, dass die beiden Brautleute sich zueinander bekennen und dass sie und ihre Ehe gesegnet werden. Ehe ist nach diesem Verständnis kein Sakrament.

Nun noch einmal zur Unauflöslichkeit der Ehe. Die wesentliche Bibelstelle hierzu ist Mt 19,4-6: "Er (Jesus) aber antwortete und sprach: Habt ihr nicht gelesen: Der im Anfang den Menschen geschaffen hat, schuf sie als Mann und Frau und sprach (1.Mose 2,24): »Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seiner Frau hängen, und die zwei werden "ein" Fleisch sein«? So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern "ein" Fleisch. Was nun Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden!" (Link zur Online Bibel) Diese Verse sind fester Bestandteil eines Traugottesdienstes – und zwar evangelisch wir katholisch. Beide Kirchen sehen die Ehe als etwas, das nicht auf Zeit angelegt ist, sondern auf den Rest des Lebens. Der Unterschied besteht eben in der Frage, ob es sich um ein in jedem Fall unauflösliches Sakrament handelt oder nicht.

 

Wenn nun jemand sich scheiden lässt, so begeht er nach katholischem Verständnis eine Sünde, also eine Verfehlung gegen Gott. Das Problem mit der Kommunion, mit dem Abendmahl entsteht aber erst, wenn jemand sich wieder verheiratet, denn – logische Konsequenz, wenn man eine Ehe eigentlich nicht scheiden kann – wer erneut heiratet, begeht im Grunde ständig Ehebruch. Wer nun zur Kommunion gehen will, muss vorher beichten, um seine Sünden loszuwerden (wie gesagt, nach katholischem Verständnis), denn man soll sündlos am Abendmahl teilnehmen. In der Beichte aber muss man versprechen, die aktuelle Sünde nicht zu wiederholen. Das kann aber gar nicht gehen, wenn man wieder verheiratet ist, denn das ist ja – wie erwähnt – ein sündiger Zustand. So kommt es, dass in der katholischen Kirche wiederverheiratete Menschen in der Regel nicht zur Kommunion eingeladen werden. Wie Sie vielleicht mitbekommen haben, hat der derzeitige Papst hier seine (also die römisch-katholische) Kirche dazu aufgerufen, hier etwas mehr Spielraum zuzulassen. Man kann also gespannt sein, was sich auf diesem Feld bewegen wird.

 

So, Sie hatten noch um Bibelstellen gebeten, und eine habe ich Ihnen gegeben (bzw. bereits zwei, wenn man 1. Mose 2,24 hinzuzählt, was Jesus zitiert). Machen Sie sich klar, dass Jesus sich – wenn er mit Gelehrten über die Scheidung redet – über jüdisches Recht unterhält. Dazu gibt es natürlich im Alten Testament diverse Stellen, doch sind sie für die christliche Praxis 2000 Jahre spätere nicht sehr relevant – und ich denke, für Ihre Präsentation auch nicht. Dennoch ist es spannend, sich da einmal einzulesen. Ich empfehle Ihnen den Artikel "Ehe" im Wissenschaftlichen Bibellexikon (Wibilex). Hier ist er.

 

Und nun soll es aber reichen. Sie sollen ja auch noch selbst etwas schaffen für Ihr Abi. ;-) Zu Ihrer Frage nach den Statistiken kann ich Ihnen leider nichts sagen.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg!

 

Frank Muchlinsky

Kommentare

wow, vielen lieben dank für diese ausführliche antwort!
Sie konnten mir sehr weiterhelfen!

Sehr geehrter Herr Muchlinsky,

Ihre Antwort an Frau Beetz mag für deren Zwecke ausreichend sein, stellt aber das tatsächliche katholische Eheverständnis, wie es sich im gültigen Kirchenrecht der katholischen Kirche widerspiegelt, nur ungenau dar. Da dies aber vielfach konkrete Auswirkungen auf konfessionsverschiedene Ehen haben kann, wäre es aus ökumenischen Gründen wünschenswert, hier die ganze Wahrheit zu sagen.
In Ihrer Antwort erwecken Sie den Eindruck, als hänge die Sakramentalität der Ehe nach katholischer Auffassung an der katholischen Trauung. Dies ist nicht zutreffend. Nach katholischer Auffassung ist vielmehr jede GÜLTIGE Ehe zwischen GETAUFTEN sakramental. Zwar gehört nach dem Codex Iuris Canonici (dem Rechtsbuch für die Katholiken der lateinischen Kirche) zu den Gültigkeitskriterien für Katholiken die katholische Trauung oder die Dispens (d.h. Ausnahmegenehmigung) von dieser "Formpflicht", aber dies gilt eben nur für die Katholiken. Da der Codex evangelischen Christen keine "Formpflicht" auferlegen kann, wird in ihrem Fall von der Gültigkeit der Ehe z.B. auch durch eine evangelische oder auch nur standesamtliche Trauung ausgegangen. Aus der anerkannten Gültigkeit der evangelischen Taufe ergibt sich daher, dass zwei evangelische Christen auch auf dem Standesamt eine nach katholischer Auffassung sakramentale Ehe eingehen. Nach katholischer Auffassung sind also nicht bloß katholisch getraute Ehen oder nur Ehen, an denen Katholiken beteiligt sind, sakramental, sondern z.B. auch Ehen evangelischer Christen, und zwar unabhängig davon, ob diese selbst die Ehe für ein Sakrament halten oder nicht.
Dies ist keinesfalls bloß eine theoretische Frage, sondern hat immer dann auch praktische Auswirkungen, wenn evangelische Christen mit einer Vorehe katholische Christen heiraten wollen. Und das führt dann regelmäßig zu Überraschungen, weil dieser Umstand in der Öffentlichkeit kaum bekannt ist.
So kann es beispielsweise passieren, dass eine katholische Person eine evangelische Person heiraten will... beide sind geschieden, haben also jeweils eine Vorehe... beide Vorehen wurden standesamtlich geschlossen. Eine katholische Trauung ist dann in der Regel nicht möglich, überraschenderweise aber nicht wegen der Vorehe des katholischen Teils (die wegen Nichteinhaltung der Formpflicht als nicht gültig und ergo auch nicht als sakramental angesehen wird), sondern wegen der angeblichen "Sakramentalität" der standesamtlich geschlossenen Ehe des evangelischen Partners. Evangelischen Christen kann es also unter Umständen nicht egal sein, wie die katholische Kirche ihre Ehen einschätzt. Und deshalb sollten evangelische Christen das katholische Eherecht durchaus wenigstens in Grundzügen kennen.

Mit freundlichen Grüßen
Matthias Thiele

Nach evangelischem Verständnis ist die Ehe von Mann und Frau ein Sakrament, in der Ausdrucksweise des Neuen Testaments ein großes Geheimnis. Denn erstens ist die Ehe bei der Schöpfung durch das Wort Gottes eingesetzt, Jesus Christus, der Sohn Gottes, ist das Fleisch gewordene Wort Gottes, und Jesus hat die Ehe von Mann und Frau sowie deren Unauflöslichkeit noch einmal unterstrichen und bekräftigt (Matthäus 19 und Parallelstellen). Das eheliche Zusammenleben impliziert ohne weiters auch den physischen Aspekt: "und sie werden ein Leib sein". Insofern die christliche Familie immer auch eine "kleine" Kirche ist, kommt auch die seelische Einigkeit bzw. Einheit dazu, da aber nicht jede Ehe christlich ist bzw. nicht jede Ehe zu Recht christlich genannt werden kann, ist die seelische Einheit von Mann und Frau nicht schon von vornherein gegeben.
Hier muss dann die christliche bzw. kirchliche Lehre über die Ehe einsetzen.
Diese muss nachdrücklich vorgetragen werden, weil es dem Teufel (dem Durcheinanderbringer) gefällt, das Verständnis der christlichen Ehe durcheinander zu bringen. Demnach ist die christliche Ehe an Jesus Christus orientiert, was sich nach Paulus darin ausdrückt, dass Mann und Frau sich einander (reziprok) unterordnen. Sodann hat sich der Mann an Jesus Christus zu orientieren, der sein Leben für die Gemeinde gegeben hat, der Tod am Kreuz, ebenso soll der Mann sein Leben für die Frau hingeben, der Mann ist nach christlichem Verständnis verpflichtet, seine Frau zu lieben, eben so wie Christus die Kirche und die Gemeinde liebt. Die Frau wiederum ist nach christlichem Verständnis verpflichtet, sich dem Mann unterzuordnen, ihn zu respektieren, so wie dieser sich Christus unterordnen soll, wobei Paulus darauf hinweist, dass beide, die in der Ehe ein Leib sind, zu Christus gehören, Leib Christi sind. Ich wiederhole hier noch einmal, dass am Anfang, als Grundprinzip hier die wechselseitige Unterordnung steht. Das kann und muss so verstanden werden, dass weder das Haupt ohne den Leib noch der Leib ohne Haupt etwas ist. Spaltungen kann es aber im Leib Christi nicht geben. Deshalb ist Ehescheidung Sünde, weil sie von Christus trennt. Um uns davor zu schützen, hat Gott uns das Gebot gegeben: "Du sollst nicht ehebrechen!" Es geht hier auch um Vorbeugung vor den unheilvollen Folgeerscheinungen des Ehebruchs, auf welche die Kirche hinweisen muss, wenn sie sich nicht schuldig machen und ihres Namens als Kirche verlustig gehen will.

Der größte Fehler ist dabei, wenn man aus Liebe heiratet, ohne den wissenschaftlich religiösen Hintergrund im FF zu haben. Gott ist ein absolut deutsches Phänomen, und Gehorsam ein Muss. Der beste Grund, die Menschen zu beherrschen, ist die Verbreitung der Religion.
Welches Gebot auch immer Gott uns gegeben hat, er hat uns die Freiheit genommen. Der religiöse Mensch wird nie erfahren, was Freiheit bedeutet, weil er sich an Kirche und Staat verkauft.
PS. Außerdem würde ich der Fragenden empfehlen, sich an einen katholischen Priester zu wenden, wenn es um die katholische Ehe geht, denn es kann durchaus Unterschiede in der Interpretation geben.

Nach meinem Eindruck haben Sie ein seltsames Verständnis von Freiheit.
Wenn Gott sagt: "Du sollst nicht stehlen!" - dann behaupten Sie, Gott habe uns die Freiheit genommen und wir hätten sie an Staat und Kirche verkauft?
Dieses Verständnis von Freiheit kann ich beim besten willen nicht nachvollziehen.

Das Verbot, die Ehe zu brechen, bedeutet Ihrer Meinung nach also eine Einschränkung der Freiheit und ein sich Verkaufen an Staat und Kirche. Nun, gut. Das ist ein Gedankengang, den ich nicht nachvollziehen kann. Tatsache ist, dass die Folgewirkungen und Begleiterscheinungen des Ehebruchs nicht gravierender sein können, und ich meine, dass diese viel eher die Freiheit des Menschen einschränken oder sogar beenden. Ich verstehe nicht, warum Sie Untreue als Wert einschätzen. Im übrigen meine ich, dass es doch wohl normal sein müsste, dass der Mann für seine Frau und umgekehrt die Frau für ihren Mann etwas tut, etwas auf sich nimmt, gerade dann, wenn die beiden einander lieben. Was Sie mit Beherrschung des Menschen in diesem Zusammenhang meinen, ist mir absolut nicht klar. Wer soll hier wen beherrschen??? Ist es etwa negativ einzuschätzen, wenn eine Ehe in Ordnung ist, wenn Mann und Frau in der Ehe gut miteinander umgehen können???
Oder wenn eine Ehe wieder in Ordnung kommt?

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