Wie geht das Christentum mit seinen jüdischen Wurzeln um?

gestellt von Lisa Goller am 5. März 2017

Hallo,
ich habe ein paar Fragen, die mir im Laufe der Auseinandersetzung mit der Bibel und dem Christentum aufgekommen sind. Das Christentum stammt ja vom Judentum ab, gell?? Wieso feiern wir Christen, dann zum Einen nicht die Jüdischen- die ja biblisch- und somit Gottes Feste sind?? Sondern heidnische Feste (wie Weihnachten mit Baum und Firlefanz)? Zum Anderen, liegt mir eine Frage auf dem Herzen, warum für uns Christen die Torah nicht gelten soll?? Jesus selbst hat die Torah ja nicht mal aufgehoben- oder bin ich da falsch informiert?? Also Er sagte ja selbst- das er nicht gekommen ist, um das Gesetz aufzuheben- sondern zu vollenden/vervollständigen.
Also müsste ja theoretisch die Torah auch für Christen gelten?? Ich würde mich eine Antwort dies bezüglich sehr freuen.

Liebe Frau Goller,

 

Sie haben vollkommen Recht: Das Christentum geht mit seinen jüdischen Wurzeln sehr selbstbewusst um. Wir haben die Tora, die Propheten und die Schriften zu unserem Alten Testament gemacht. Gleichzeitig haben wir uns von vielen Gesetzen und Vorschriften der Tora schnell verabschiedet. Ich möchte Ihnen zwei Gründe nennen, die dazu führten:

 

Zum einen ist das Christentum schon sehr früh in seinem Entstehen zu einer Religion geworden, die für alle Menschen offenstand. Anders als das Judentum wollte das Christentum von Anfang an missionieren. Um dazuzugehören war nichts weiter nötig als das Bekenntnis zu Jesus Christus und die Taufe. Wenn Sie sich die Briefe des Paulus anschauen, werden Sie schnell feststellen, wie sehr er sich dagegen wandte, am "Gesetz" festzuhalten. Für Paulus war es selbstverständlich das Gute und Richtige zu tun, wenn man nur an Christus glaubte. Als Christ tat man es nicht, weil es in der Tora steht, sondern weil man erlöst ist.

 

Zum anderen bekennt das Christentum eben von Anfang an Jesus Christus als die größte göttliche Offenbarung. Gegenüber der Tatsache, dass sich Gott selbst in Jesus Christus den Menschen offenbart hat, verblassen alle anderen Offenbarungen entsprechend. Auch wenn Jesus selbst die Tora nicht "abgeschafft" hat, hat seine Autorität die Tora relativiert. Alles, was in der Bibel steht, wurde und wird vom Christentum so ausgelegt, dass es auf Jesus Christus hinausläuft.

 

So konnte es auch ohne weiteres geschehen, dass bestimmte Gesetze der Tora vom Christentum als überholt oder gar "überwunden" angesehen wurden. Wenn von Jesus überliefert wird, dass er gesagt hat: "Nicht was zum Mund hineingeht, macht den Menschen unrein; sondern was aus dem Mund herauskommt, das macht den Menschen unrein." (Mt 15,11), dann kann man das so interpretieren, dass Jesus die Speisegesetze der Tora aufgehoben hat.

 

Wie die Bibel selbst, so wurden auch die Feste sozusagen "christianisiert". Weil Jesus am Passafest auferstand, ist daraus für Christen Ostern geworden. Aus dem jüdischen Fest Schawuot wurde Pfingsten, weil sich an dem Tag das Sprachwunder in Jerusalem ereignet haben soll (Apg 2,1-13). Beim Weihnachtsfest, das Sie erwähnen, ist im Grunde genommen dasselbe geschehen: das Christentum hat sich ein fest genommen (in diesem Fall kein jüdisches, sondern ein römisches) und hat es christlich "umgewidmet". Weihnachten markiert den Wendepunkt im Jahreszyklus, von dem an das Licht wieder mehr wird. Ein perfektes Datum für ein Fest, an dem die Geburt Jesu gefeiert wird.

 

Das Christentum sollte niemals vergessen, dass Jesus Jude war. Gleichzeitig müssen wir uns darüber klar sein, welche Konsequenzen es hat, wenn wir Jesus Christus als Sohn Gottes bekennen.

 

Ich hoffe, ich konnte ein wenig weiterhelfen

Herzliche Grüße!

Frank Muchlinsky

Kommentare

Die Gesetze bleiben bestehen in Ihrer Gültigkeit und sollen uns unsere Sündhaftigkeit zeigen, und wenn wir Jesus Christus nicht als unsere Erlöser anerkennen, werde wir nach diesen Gesetzen des AT gerichtet werden.
Aber wenn Jesus Christus unserer Erlöser ist, sind wir durch seinen Opfertod gerettet und bekommen den Heiligen Geist der uns ermöglicht nach Gotteswort zu leben.

Ja, diese Theologie ist mir bekannt.

Lieber Pastor Muchlinsky
Tatsächlich ist das Christentum eine Selbstverteidigungsreligion des Judentum. Es war für die Mission offen, besonders für alle Betroffenen, eben auch Nichtjuden. Das hat seinen besonderen Grund. Der König der Juden brauchte möglichst alle Bewohner des römischen Weltreichs in Nachfolge. Der Einhalt der jüdischen Gesetze wurde völlig nebensächlich.

Um 55 v Chr. besetzte der römische Kaiser das jüdische Königreich und errichtete einen Statthalterpalast in Jerusalem - 320 n Chr. steht in Rom der erste Statthalterpalast des Königs der Juden. (vgl alttestamentliches Recht-> Auge um Auge !) Tatsächlich ist ein Heilplan erkennbar und vollbracht!, und die mutigen Christen haben in der Nachfolge "das Gesetz erfüllt", der König der Juden genau den Aufgaben eines Königs entsprochen - Nur die Christen heute wollen das nicht wahrhaben, sehen und feiern, nicht wahr?

Immer, wenn das Volk Israel in große Not kam mit den übermächtigen Nachbarn, führt der Weg in den Palast des Gegners: Moses/Pharao, Daniel/Hof des Babylonischen König, Jesus/Hof des römischen Kaisers.

Ihr Werner Hellwich

Tatsächlich?

Wenn ich die antike Bedeutung eines "König" denke: Nahrung, Arbeit und Verteidigung.
Nach alttestamentlichem Brauch wird der König von eine Geistlichen (ausgesucht) geweiht: Johannes der Täufer.
Nach alttestamentlichem Recht gilt im Streitfall > Auge um Auge < : Wenn der Kaiser des römischen Reiches sich das Recht herausnimmt, einen Statthalterpalast in Jerusalem zu errichten, dann errichtet der König der Juden einen Statthalterpalast in Rom.
So kann ich "tatsächlich" tadellos in Gebrauch haben.

Theologisch ist möglich, dass Abraham sich diese besondere Treue erworben, auch er war bereit für seinen Gott seinen Sohn zu opfern, - Johannes 8; 56 "Abraham, euer Vater, ward froh, daß er meinen Tag sehen sollte; und er sah ihn und freute sich."

Aha.

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