Hat Lukas etwas in sein Evangelium "reingeschmuggelt"?

gestellt von Tobias Keller am 2. Juli 2017

Hallo Herr Muchlinsky,

vielen Dank, dass ich Ihnen eine Frage stellen darf, und zwar: Heute im Gottesdienst wurde die Bibelstelle im Lukasevangelium mit dem Gleichnis vom verlorenen Schaf als Predigttext gelesen. Nun müssen sie wissen, ich gehe gerne in die Kirche wegen Musik und Liturgie und so. Aber wenn es um den Glauben geht, hadere ich. Aber es beschäftigt mich. Daher lese ich die Texte auch noch mal. So auch heute. Was finde ich da? Lukas hat dasselbe Gleichnis in einen ganz anderen Kontext gestellt als Matthäus. Nämlich schildert nur Lukas, dass Jesus mit Zöllnern und Sündern am Tisch saß. Matthäus sagt das nicht. Nun weiß ich, dass die Frage, ob man mit Unreinen am Tisch essen darf, ein zentrales Streitthema nach Jesu Tod war. Paulus sagte, ja. Petrus nein. Und Lukas war der Arzt von Paulus. So weit richtig?

Nun beschleicht mich ein Verdacht: Könnte Lukas das mit den Sündern reingeschmuggelt haben, um Paulus' Position zu stärken? Wenn das aber so wäre (und eigentlich ist es doch klar, dass es so war, weil Matthäus ein Zeitzeuge von Jesus war und er Paulus nicht kannte, also ist er authentischer): Müssten wir dann nicht die betreffende Stelle als kirchenpolitisch motiviert kennzeichnen?

Vielen Dank für eine Antwort.
Tobias Keller

Lieber Herr Keller,

 

ich habe mich über Ihre Frage sehr gefreut, denn sie macht deutlich, dass Sie genau hinschauen und zuhören, auch wenn es um die Kirche und die Bibel geht. Ja, der Kontext, in den Lukas das Gleichnis vom verlorenen Schaf stellt, ist ein ganz anderer als bei Matthäus. Und ja, dadurch bekommt das Gleichnis eine eindeutige Richtung.

Dann allerdings: Nein, es ist lediglich eine Annahme, dass Lukas der Arzt von Paulus war. Diese Annahme stammt daher, dass man in der Antike den Paulusmitarbeiter, der im Philemonbrief genannt wird (Phlm 24) erwähnt wird mit dem Autor des Lukasevangeliums und der Apostelgeschichte gleichsetzte. Das hielt sich für lange Zeit, ist aber exegetisch heute deutlich überholt. Die Darstellung des Paulus in der Apostelgeschichte (von demselben Verfasser wie das Lukasevangelium) unterscheidet sich erheblich von der Darstellung des Paulus in dessen eigenen Briefen. Es ist anzunehmen, dass das Lukasevangelium (übrigens ursprünglich ohne Namensnennung verfasst) um das Jahr 90 herum geschrieben wurde, also lange nach den Lebzeiten Jesu. Der Mensch, den wir der Tradition nach Lukas nennen, hat seine beiden Bücher mit einem klaren theologischen Konzept geschrieben. Er hat die verschiedenen Quellen, die ihm vorlagen, so gestaltet, dass ein eigenes Werk daraus wurde, das seinen theologischen Anliegen entsprach. So finden Sie zum Beispiel bei Lukas diverse Geschichten und Anspielungen auf das Thema Armut, die in den anderen Evangelien nicht so deutlich sind. Auch im Fall der verschiedenen Gleichnisse vom "Verlorenen" zeigt Lukas sein klares Profil: Wer umkehren will, wird wieder aufgenommen. Was verloren ist, soll wiedergefunden werden.

 

Es ist völlig richtig, was Sie schreiben: Lukas schreibt sein Evangelium absichtlich so, dass bestimmte Positionen unterstützt werden. Die Position, dass alle eingeladen sind, gerade auch die, die sich zwischenzeitlich vom richtigen Weg abgewandt hatten, wird zum Beispiel im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11-32) deutlich, das ausschließlich im Lukasevangelium steht. Es ist durchaus "kirchenpolitisch" zu verstehen, wenn Sie es so nennen wollen. Auch in diesem Gleichnis gibt es nämlich eine klare Opposition gegen die freundliche Wiederaufnahme dessen, der zurückkehrt. Der ältere Bruder beschwert sich heftig und wird vom Vater aufgefordert, sich doch mitzufreuen. Mit Sicherheit geht der von Ihnen erwähnte Umstand auf dieselbe gemeindliche Ausgangslage zurück wie das Gleichnis vom verlorenen Sohn: "Liebe Gemeinde, schon Jesus sagte, dass wir uns allen zuwenden sollen!" Mehr zum Lukasevangelium und seinen theologischen Schwerpunkten finden Sie übrigens im Wissenschaftlichen Bibellexikon (WiBiLex) im Internet. Ich kann dieses Nachschlagewerk wärmsten Herzens empfehlen. Klicken Sie einfach mal hier.

 

Die Evangelien sind keine Reportagen über das "Jesus-Ereignis", sondern sie sind theologische Werke, die aus den Quellen, die den Autoren zur Verfügung standen, selbstständige Geschichten machten. Auch Matthäus war kein Augenzeuge der Geschehnisse um Jesus. Dass er mit dem Jünger Matthäus gleichgesetzt wurde, ist ebenfalls eine antike Idee, die sich nicht halten lässt. Er hat sein eigenes Zielpublikum und seine eigene Theologie. Er ist nicht authentischer, weil es nicht darum geht, möglichst Augenzeugenberichte zu haben. Es kommt vielmehr darauf an, in den Evangelien die Botschaft zu entdecken, die Gott durch Jesus Christus in die Welt brachte. Dass die Evangelisten diese Botschaft in ihrem Sinne niedergeschrieben haben, macht sie nicht weniger bedeutsam.

Darum zum Abschluss: Sie haben von einem "Verdacht" gesprochen, den Sie haben. Diesen "Verdacht" kann ich in Teilen bestätigen, doch steht dahinter kein "Fehlverhalten". Niemand hat etwas falsch gemacht, weil jeder Text, der geschrieben wird, eine Intention hat. Jeder Text will etwas. Auch dieser hier.

 

Ich grüße herzlich!

Frank Muchlinsky

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