Gott, Gewalt und Nächstenliebe

gestellt von Cornelia am 6. Juli 2017

Wir verstehen nicht, wie die Aussagen im Alten Testament, z.B. Jesaja 13,16 (Kinder zerschmettern) mit dem Bild des liebenden gnädigen Gott und mit dem Gebot der Nächstenliebe zu vereinbaren ist.

Liebe Cornelia,

können wir noch vom „lieben Gott“ sprechen, wenn die Bibel so viele dunkle Seiten Gottes kennt (wie in der Stelle von Jes 13,16)? Ihre Frage nach dieser Spannung ist wichtig, denn sie fragt danach, wer Gott eigentlich ist. Außerdem ist die Frage wichtig, weil sie uns nachdenken lässt, wie wir die Bibel lesen. Eine endgültige oder einfache Antwort auf Ihre Frage gibt es nicht. Ich möchte deshalb ein paar Lösungsansätze entwickeln, um das Problem aus verschiedenen Blickrichtungen anzugehen.

 

Die Bibel gibt keine eindeutige Antwort darauf, wer Gott ist, sondern entwirft ganz verschiedene Perspektiven auf Gottes Wesen. Die vielen biblischen Bücher sind so etwas wie ein über Jahrhunderte gewachsenes Kaleidoskop: Je nachdem, wie wir die Bibel lesen, verändert sich die Perspektive auf Gott und auf unser eigenes Leben. Wir erkennen dabei immer nur einzelne Aspekte. Die biblischen Texte sind so spannungsvoll und emotional wie das Leben selbst. Dass Gottes große Macht auch unheilvoll sein kann, wird zum Beispiel in der Erzählung von der Sintflut deutlich, auch wenn Gott es letztlich bereut, seine Gewalt gegen die Schöpfung benutzt zu haben. Gottes Wesen hat also immer mehrere Aspekte und ist dynamisch. Auch die Vorstellung seiner großen Macht hat also mehrere Aspekte.

 

Es ist – gerade bei Stellen, die oft für die „Grausamkeit“ des Alten Testaments herangezogen werden – wichtig, genau hinzuschauen und zu lesen. Zum Beispiel wird oft behauptet, dass Gott in Texten wie Ps 137,9 („Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert!“) derjenige ist, der diese grausame Tat beginge. Beim genauen Lesen erkennt man, dass diejenigen, die diese wirklich brutalen und grausamen Verse geschrieben haben, Gott gerade nicht zum gewalttätigen Rächer machen. In der von Ihnen zitierten Stelle aus Jes 13 ist es genauso: Gott spielt zwar in dem durchaus schaurigen Kapitel über das göttliche Gericht an Babel die Rolle eines strafenden Richters. In den Versen 15–16, in denen ganz besonders grausame Gewaltphantasien beschrieben werden, wird Gott nicht erwähnt, sondern, gewissermaßen etwas behutsamer, im Passiv geschrieben.

 

Das soll die Grausamkeit der Stellen nicht im Geringsten „wegdiskutieren“! Es soll aber die Bibel ernstnehmen: Gott kommt nur indirekt mit der Gewalt an Kindern ins Spiel. Grausam bleiben diese Textstellen dennoch. Und sich Gott als strafenden Richter vorzustellen, passt so gar nicht in das, was wir ChristInnen von einem lieben Gott erwarten. Es gibt eine weitere Perspektive zu diesem Problem: Solche Textstellen muss man auch aus ihrer historischen Situation heraus verstehen. Das Volk Israel war ein kleines und ziemlich unbedeutendes Volk, dass immer wieder in grausamen Kriegen von anderen, größeren Nationen erobert wurde. Viele der grausamen Texte verarbeiten diese Erlebnisse. Sie sind drastisches Wunschdenken, die Verarbeitung von erfahrenen Traumata und sie leben von der Phantasie von göttlicher Gerechtigkeit, notfalls mithilfe seiner Gewalt, die anderen das Leben kosten soll. Die Babylonier, um die es z.B. in Jes 13 geht, haben den heiligen Tempel in Jerusalem zerstört und unzählige BewohnerInnen verletzt, getötet oder verschleppt. Das kann zumindest den Ursprung Rachephantasien in Jes 13 verständlicher machen.

 

Aber auch das löst das Problem nicht auf, dass die Texte oft von einem richtenden Gott sprechen. Auch in der Vorstellungswelt des Neuen Testaments bleibt Gott ein Richter. In seinen Reden über das kommende Reich Gottes spricht Jesus immer wieder vom „Heulen und Zähneknirschen“ bei denen, die nicht in das Reich kommen können (z.B. Mt 25,30). Das biblische Gottesbild lebt von der Idee der Gerechtigkeit Gottes, die auch eine Strafe für die Ungerechten kennt. Diese wird aber Gott überlassen. Gleichzeitig überwiegt in den biblischen Texten die Hoffnung darauf, dass Gott der gnädige und liebe(nde) Gott ist, dessen Wille zur Vergebung größer ist als sein Zorn. Sie merken erneut: Mit ihrer Frage, wie man diese zwei völlig verschiedenen Aspekte des Wesens Gottes zusammendenken soll, haben Sie eine wichtige theologische Frage gestellt! Beide Elemente gehören zur biblischen Rede von Gott und wollen in unserem Denken nicht so ganz zueinander passen.

 

Damit komme ich zu einem letzten Baustein, auf dem Weg, die Gewalt in der Bibel besser einordnen zu können: Die Auslegung der Bibel ist eine bleibende Aufgabe für alle ChristInnen. Den einen, richtigen Weg, die Bibel zu lesen, gibt es nicht. Nur in der gemeinsamen Diskussion, im Abwägen, Zweifeln und auch im Kritisieren können wir ein klein wenig klarer durch das Kaleidoskop blicken. Gerade das Kritisieren möchte ich hervorheben: Jesu Leben, sein Einsatz für die Armen und Kranken und seine Lehre von der Nächstenliebe zeugen von einem Vater-Gott, der alle Menschen liebt. Mit dem Glauben an diese Botschaft dürfen wir auch einen kritischen Blick auf Gewaltphantasien werfen. Im Alten und im Neuen Testament und vor allem in der Gegenwart! Die Idee, Kinder zu töten – und sei sie auch noch so wenig historisch – hat keinen Platz im christlichen Glauben. Die Möglichkeit, sich von Gott Gerechtigkeit in Situationen größten Unrechts zu wünschen und ihm auch seine schlimmsten Phantasien anzuvertrauen, ist aber für viele Menschen eine wichtige Hilfe. Gerade dann, wenn sie selbst keine Möglichkeit haben, sich für Gerechtigkeit einzusetzen. Daneben steht für uns ChristInnen das Gebot der Nächsten- und sogar der Feindesliebe. „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ (Röm 12,21), sagt Paulus dazu. Das nimmt die Spannung zwischen Gut und Böse, die es in unserem Denken untereinander und auch über Gott gibt, ernst. Und es gibt uns den Anspruch Gottes mit auf den Weg, uns selbst für das Gute einzusetzen, das in uns wohnt.

 

Falls Sie der Frage nach dem Gottesbild weiter nachgehen wollen, sei Ihnen noch das Buch des Alttestamentlers Bern Janowski, Ein Gott, der straft und tötet? aus dem Jahr 2013 empfohlen. Er erklärt viele der problematischen Bibelstellen und kann überzeugend darstellen, dass das Gottesbild des Neuen Testaments sich nicht von dem des Alten unterscheidet.

 

Herzliche Grüße

Helge Bezold

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