Das Hohelied Salomos und Sex vor der Ehe

gestellt von Stefan Krycki am 12. Oktober 2017
Sex im Freien

Foto: Getty Images/iStockphoto/Dirima

Sehr geehrter Herr Pfarrer Muchlinsky!

Ich habe eine Frage zu dem Hohelied:

Sie haben es mal als Pro- Argument gewählt für Sex zwischen einem Paar, was sich liebt, weil niemand zu Schaden kommt.

Nun, ich habe mir viele Auslegungen zu dem Hohelied durchgelesen. In Kapitel 3 ab Vers 6 (vor allem Vers 11) beschreibt doch die Hochzeit, oder nicht? Vor diesem Vers wird nur sehnsüchtig das Begehren nach Sexualität beschrieben (wird das vorher nicht als Traum beschrieben?) Und anschließend kommen die beiden sich körperlich näher (nach der Hochzeit).

Ein Buch, was sich der Erotik widmet gibt doch auch moralische Vorgaben. 1. ) In einer Verbindlichkeit ( du bist meins" kommt zig mal im Hohelied vor ) und 2.) Nach der Hochzeit...

Oder sehe ich das falsch? Muss man diese 2. Moral nicht draus ziehen? Wird gar nicht unbedingt von einer Hochzeit gesprochen?

Ich bin selber verlobt und meine Verlobte und ich sind verzweifelt, was Sex vor der Hochzeit angeht. Wir spüren beide, dass nichts falsch sein kann. Aber mein Gewissen sagt mir was anderes ( 2.moral des Hoheliedes).. bitte helfen Sie uns. Meine Verlobte sagt, dass die 2.moral nicht ausgezogen werden muss, weil hier einfach eine Reihenfolge gewählt wird, die damals Sitte war.. (gesellschaftlicher Kontext)

Außerdem zeigt das Gebot der Nächstenliebe, dass wenn etwas in Liebe geschieht, nicht falsch sein kann (Römer 13,10) ..

Wir freuen uns auf Ihre Antwort

Alina und Stefan

Liebe Alina, lieber Stefan,

zunächst einmal tut es mit Leid, dass Sie "verzweifelt sind, was Sex vor der Ehe angeht", wie Sie schreiben. Ich hoffe darum, dass ich Ihnen mit meiner Antwort ein wenig helfen kann, dass Sie Ihre Liebe noch fröhlicher leben können. Nun denn …

Wenn jemandem wichtig ist, dass die Ehe allein der Ort für Sex ist, wird dieser jemand immer Argumente dafür finden. Das gilt insbesondere, wenn dieser jemand ein frommer Mensch ist und die Bibel als Argumentationshilfe nutzt. Das Problem dabei ist, dass dabei eigene Moralvorstellungen unhinterfragt auf antike Texte übertragen werden. Redlicher ist es, die Texte genau anzuschauen und zu erkennen, was sie aus sich selbst heraus sind. Das ist beim Hohenlied gleichzeitig einfach und schwierig. Einfach ist es, weil man schnell erkennt, dass es sich hier um eine Sammlung von erotischen Liebesliedern handelt. Schwierig ist es, weil genau diese Tatsache vielen Menschen gar nicht passt, weil sie Erotik – wenn überhaupt – nur in der Ehe dulden. Das Hohelied hat eine lange Auslegungsgeschichte, in der es die längste Zeit über als Bild für die heilige Vermählung Gottes mit Israel (so die jüdische Auslegung) beziehungsweise der Kirche (so natürlich die christliche Art) ausgelegt wurde. Viele Jahrhunderte lang war das die gängige Auslegung: Es geht gar nicht um zwei Menschen, sondern es geht um Gott und seine Kirche, die einander lieben und sich vermählen. Nach der Aufklärung, also ab ungefähr 1800 wurde das Hohelied traditionellerweise so ausgelegt, wie Sie das beschreiben, nämlich mit einer "Moral", als ein Bild für eheliche Treue. Mittlerweile ist deutlich geworden, dass sich in dieser Interpretation eine romantische Vorstellung ausdrückt, die dem biblischen Text nicht entspricht. Wie gesagt, man hatte die Moral und hoffte, sie im biblischen Text zu finden - und tat das dann auch.

Mittlerweile ist man sich einig, dass das Hohelied eine profane, also weltliche Sammlung von Liebeslyrik verschiedenster Art ist. Die Anordnung folgt nicht dem Schema einer zeitlichen Abfolge, also erst sehnen, dann Sex haben. Und vor allem enthält es keine Moral, eher im Gegenteil. Anselm Hagedorn schreibt in seinem Artikel zum Hohenlied in WiBiLex: "Es darf nicht unterschätzt werden, dass sich (Liebes-)Poesie in hohem Maße dazu eignet, sich über gesellschaftliche Konventionen hinwegzusetzen und eine Gegenwelt zu der eigenen zu schaffen. Damit liegt der ursprüngliche „Sitz im Leben“ für das einzelne Gedicht wohl in der Tat da, wo sich die Faszination der Liebe, des Verliebtseins und der Sehnsucht nach dem begehrenden und begehrten Menschen den normalen Konventionen des Lebens entzieht. Auf diese Weise werden die Liebenden des Hohenliedes zum Archetypus des liebenden Menschen, der einer genauen Verortung bzw. Spezifizierung nicht länger bedarf." (Anselm Hagedorn, Artikel Hoheslied, Wissenschaftliches Bibellexikon. Link: http://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/21454/)

Besonders wichtig für Ihre Frage ist der letzte Satz: Es geht nicht um eine genaue Verortung, es geht nicht um bereits verheiratet oder nicht, es geht nicht um Ehe oder nicht. Die Hochzeit von der die Rede ist, ist ein Fest, das die Liebe der beiden feiert, nicht die Voraussetzung für irgendetwas.

Um es ganz deutlich zu sagen: Ich respektiere jedes Paar, das sich dazu entschließt, mit dem Sex auf den richtigen Moment zu warten. Letztlich tun das hoffentlich alle. Für manche kommt dieser Moment eher, für manche später, für einige erst mit der Ehe. Aber das sollte immer eine eigene Entscheidung sein. Die Bibel dafür heranzuziehen, Paaren zu verbieten, vor der Ehe Sex zu haben, empfinde ich als unredlich gegenüber der Bibel selbst. Besonders ärgerlich werde ich, wenn diese Menschen sagen, sie würden die Bibel ernst nehmen, weil sie ja eindeutig sei. Wer das behauptet, meint in der Regel die eigene Auslegung und nicht die Bibel. Wie ich bereits schrieb: Die Moral steckt nicht im Hohenlied, sondern in den Köpfen der Interpretierenden. Da darf sie gerne sein. Nur – und das haben Sie selbst geschrieben – da kann sie auch wehtun und einen verzweifeln lassen.

Sie lieben einander. Machen Sie was draus!

Herzliche Grüße

Frank Muchlinsky

Kommentare

Ehrlich gesagt, muß ich mich zu dem Thema auch äußern, den wenn ich mich persönlich noch keine Entscheidung getroffen hätte, so würde für die Antwort zur Frage nicht reichen, denn im Bravo und anderen Magazinen lesen wir überall, das es ein jedes Paar oder ein jeder Mensch für sich entscheiden soll - wann man nun Sex hat (wenn man es so offen handhaben soll - ab wann ist es dann Ehebruch??? - es gibt ja bekanntlich ein Gebot dazu)... ich denke es geht dabei um mehr und das Hohelied ist nur ein Teil der Bibel über das man viel reden kann - denn es ist ein Liebeslied, zu Gott und Mensch und zu Mann und Frau... Was ist wenn die Beziehung nicht hält, so das sie in Brüche geht, dann hatte man schon Sex... und man hatte geplant das man das Intimste einens Lebens nur dem Menschen schenkt mit dem man ein Leben lang zusammen ist... deswegen ist dies schon ein Grund das man Sex in der Ehe hat... dann kommen natürlich noch die Kinder hinzu die dabei enstehen können vor der Ehe und Krankheiten die man bekommen kann wenn man leichtfertig mit seiner Sexualität umgeht - dann man natürlich die Antwort kommen - es gibt ja Verhütung... nur welche gibt 100%ige Sicherheit??? Natürlich keine, außer man lebt in Enthaltamkeit... Gott wird die Mühe des Wartens bis man Heiratet und dabei im Stand der Gnade lebt bestimmt die Ehe besonders segnen, man könnte da noch soviel hinzufügen....und wenn man bereits jemanden kennen gelernt hat, dann wird man die "kurze" Zeit bis zur Hochzeit auch noch warten können auch wenn die Sehnsucht da ist, nur diese Sehnsucht kann man auch als Geschenk sehn, wo man sich im Alltag der Ehe gerne zurück erinnert, wenn doch man mal an die guten Tage auch schlechte Tage sind und sich fragt warum man mit der Person nun zusammen ist - das dann Gedanken da sind, ich hab diese Person aus ganzem Herzen geliebt und auch auf sie gewartet, bis wir in den Bund der Ehe eingegangen sind....

Liebe Alina und Stefan ich wünsche euch alles Gute und Gottes Segen auf eurem gemeinsamen Lebensweg und habt mut für die bessere Entscheidung - Gott wird es besonders Segnen...

Alles gute und Herzliche Grüße
Markus

Lieber Markus,

lassen Sie mich richtigstellen:

  1. Darüber, ob Sex vor der Ehe sein soll, sagt die Bibel nichts. Ehebruch gibt es nur, wenn eine Ehe da ist, die man brechen kann.
  2. Das Hohelied lässt Gott völlig aus dem Spiel. Er ist eine Sammlung profaner erotischer Lieder.
  3. Die argumentieren, dass man lieber mit  dem Sex warten soll, weil man ja sonst vielleicht VOR der Ehe Sex mit jemandem hat und die Beziehung geht in die Brüche. Wollen Sie vorschlagen mit dem Scheitern der Beziehung auch bis zur Ehe zu warten?
  4. Unehelich gezeugte Kinder sind in der Bibel ausgesprochen populär. Wichtig ist dass sich die Eltern zu den Kindern bekennen.
  5. Gott belohnt Enthaltsamkeit nicht. Sein Segen ist niemals an Bedingungen geknüpft. Eine andere Vorstellung ist zutiefst unevangelisch.

Mit freundlichem Gruß

Frank Muchlinsky

Lieber Frank,

Mich würde interessieren wieso sonst Paulus in seinen Briefen sagt " Wer kann, der Bleibe wie ich. Wer aber nicht sündigen will, der heirate." Also ist doch hier klar die Rede von sex vor der Ehe?

Liebe Grüße, Nare

Liebe Nare,

Sie spielen sicherlich auf die Bibelstelle 1. Korinther 7,8-9 an. Allerdings zitieren Sie die Verse falsch. Von Sünde ist in dem Vers nicht die Rede. Vielmehr heißt es: "Den Ledigen und Witwen sage ich: Es ist gut für sie, wenn sie bleiben wie ich. Wenn sie sich aber nicht enthalten können, sollen sie heiraten; denn es ist besser, zu heiraten, als in Begierde zu brennen." Die Frage, die Paulus hier beantwortet, ist nicht, ob man Sex vor der Ehe haben soll. Vielmehr wurde er gefragt, ob man denn überhaupt heiraten soll, wo doch das Reich Gottes bald kommen wird. Es ist also nicht die Frage nach Keuschheit vor der Ehe, sondern nach genereller Ehelosigkeit. Pauli Antwort ist seelsorglich sehr freundlich: Er sagt den heiratswilligen Paaren, die sich anscheinend sehr auf ihr auch sexuelles Zusammensein freuen, dass sie nicht unbedingt seinem ehelosen Beispiel folgen müssen. Die Kernaussage dieses Zitats ist also eher: Verzicht ist gut, aber nicht, wenn man darunter leidet.

Frank Muchlinsky

Also, dass in der Bibel nicht über vorehelichen Geschlechtsverkehr steht, dass er von Gott verachtet wird stimmt nicht!
In der Bibel wird diese Art von Geschlechtsverkehr als "Hurerei" bezeichnet. In anderen Worten auch Unzucht.
Wikipedia sagt hierzu:
"Der Begriff Unzucht bezeichnet abwertend ein menschliches Sexualverhalten, das gegen das in einem speziellen kulturellen oder religiösen Kontext empfundene, angenommene oder vorgegebene allgemeine Sittlichkeits- und Schamgefühl verstößt. [...] Historisch gesehen steht Unzucht allgemein für eine aktive Handlung, die den Menschen vom Status der Reinheit in den Status der Unreinheit führt. In der Regel geht das Urteil über ein als Unzucht angesehenes Verhalten mit sozialer Ächtung oder Bestrafung einher."

Und zur biblischen Zeit traf das auf den Sex außerhalb der Ehe zu. Warum sollte das jetzt anders sein? Schliesslich gelten die Richtlinien in der Bibel anhand der damaligen auffassung von Hurerei, nicht der heutigen

Können Sie den biblischen zusammenhang zwischen "Hurerei" und "Sex vor der Ehe" auch belegen? Oder nur behaupten?

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