Was ist für mich als Christ möglich, in einem Seniorenheim, ohne dass der Pfarrer dabei ist, den Menschen von Gott zu erzählen?
Liebe Ragna,
Vielen Dank für Ihre Frage, die ich mit einer provozierenden Gegenfrage beantworten möchte: Wer sollte es Ihnen untersagen, anderen Menschen von Gott zu erzählen? Niemand wird Ihnen verbieten, mit anderen Menschen zu beten.
Klare Antwort: Kein Mensch ist befugt, Ihnen das Sprechen über Gott zu untersagen. Also: Bitte gehen Sie zu den Menschen in dem Seniorenheim und machen aus Ihrem Glauben keinen Hehl. Im Seniorenheim werden viele Menschen dankbar sein, wenn Sie in die Zimmer kommen, vorlesen, erzählen und mit den Menschen, die sich einsam fühlen, beten. Nehmen Sie eine Bibel, ein Gesangbuch und lassen sich nicht aufhalten. Meine Erfahrung ist, dass die älteren Menschen gerne die Texte aus der Lutherbibel hören. Psalm 23 und die klassischen Erzählungen aus den Evangelien knüpfen an Jugendzeiten an und wecken viele Erinnerungen. Wenn ich dann noch das Vaterunser bete, freuen sich viele Alte.
Die Reformation spricht vom Priestertum aller getauften Menschen, und die Bibel wurde von Martin Luther in die Sprache des Volkes übersetzt, damit jede und jeder selbst hören und verstehen kann.
Allerdings hat die Kirche das alles auch geordnet. Wir, die Pastorinnen und Pastoren, sind für diese Tätigkeit ausgebildet, und unsere Kirche hat uns in den Verkündigungsdienst berufen. Gerade öffentliche Andachten in öffentlichen Räumen sind Aufgabe der von der Kirche berufenen Personen. Also gebe ich Ihnen einen Rat: Bitte sprechen Sie mit der Pastorin oder dem Pastor der Kirchengemeinde, in deren Einzugsbereich das Seniorenheim liegt, und beraten Sie mit der Pastorin oder dem Pastor Ihr Vorhaben. Es ist wichtig, dass Ihre Kirchengemeinde von Ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit weiß und Sie - wenigstens ideell - unterstützt. Und einen zweiten Rat: Besprechen Sie Ihre Tätigkeit auch mit der Leitung des Seniorenheims. Wer an Türen klopft, Menschen besucht, sollte sich auch legitimieren können.
Öffentliche Andachten in den Gemeinschaftsräumen sind für Seniorenheime und Kirchengemeinden mit Arbeitsaufwand verbunden. Es sollte selbstverständlich mit der Kirchengemeinde und der Heimleitung sorgfältig beraten werden, ob, wann und wie das geht. Und für öffentliche Verkündigung müssten Sie - je nach Landeskirche - wahrscheinlich einen Lektor:Innen- oder Prädikant:Innen-Kurs besuchen. In solchen Kursen lernt man Handwerkszeug und vor allem Sicherheit im öffentlichen Auftreten. Ein solcher Kurs legitimiert Sie auch, im Namen der Kirche aufzutreten.
Aber ich bleibe dabei: Bitte machen Sie aus Ihrem Glauben kein Versteckspiel, Ihre Kirche weiß das zu schätzen und wird Sie unterstützen.
Herzlich, Ihr Henning Kiene