Warum besuchen weniger Protestanten als Katholiken den sonntäglichen Gottesdienst

gestellt von Daniel Hoppe am 17. Juni 2012

Hallo!

In letzter Zeit beschäftigt mich die Frage, warum Protestanten nicht ganz so zahlreich sonntags in den Gottesdienst gehen wie unsere katholischen Brüder und Schwestern.

Ich habe beim Recherchen in den "Kleinen Katechismus Dr. Martin Luthers" (EG 855.1) geschaut. Dort steht zum dritten Gebot "Du sollst den Feiertag heiligen" als Erklärung geschrieben:

"Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir die Predigt und sein Wort nicht verachten, sondern es heilig halten, gerne hören und lernen."

Wenn ich diese Zeilen so lese, kommt mir spontan die Pflicht eines jeden Katholiken in den Sinn, jeden Sonntag in die Messe zu gehen. Damit verbunden auch die Kritik zahlreicher Protestanten an dieser Pflicht.

Wenn ich Luther jedoch richtig verstehe, sollten doch auch wir Protestanten jeden Sonntag in den Gottesdienst gehen, damit wir die Predigt und die Lesung aus der Bibel hören. Wenn dies so ist, frage ich mich, wann und warum sich dies in unserer Kirche gewandelt hat und warum daraus eine Kritik an unseren katholischen Mitchristen geworden ist.

Ich persönlich habe es schon als Konfirmand als merkwürdig empfunden, dass wir nur alle 14 Tage Gottesdienst gefeiert haben. Meiner Auffassung nach ist der Gottesdienst mit das Wichtigste im Leben einer Gemeinde und einer evangelischen im Besonderen, denn im Gottesdienst hören wir Gottes Wort und die Predigt.

Ich würde mich freuen, wenn Sie mir diese Frage beantworten würden.

Mit freundlichen Grüßen,

Daniel Hoppe

Lieber Herr Hoppe,

ich stimme Ihnen durchaus zu: Der Gottesdienst ist die wichtigste Veranstaltung im Gemeindeleben, und es wäre sehr schön, wenn die Kirchen an den Sonntagen voller wären.

Der Unterschied, wie evangelische und katholische Kirche es mit dem Gebot der Sonntagsheiligung halten, entscheidet sich – wie so häufig – an der Frage des Gewissens in Verbindung mit der unterschiedlichen Vorstellung vom Gottesdienst selbst. Während dem evangelischen Christen das Gewissen schlagen soll, wenn die Kirchenglocken läuten, weil er sich nun aufmachen sollte um sich an der Verkündigung des Wortes Gottes zu freuen (wie es ja auch im Kleinen Katechismus heißt), gibt die katholische Kirche eine Pflicht vor. Diese ergibt sich an der verpflichtenden Teilnahme an der Eucharistiefeier.

Die Vorbehalte der Protestanten gegen die sogenannte „Sonntagspflicht“ rühren also sicherlich einerseits daher, dass man – evangelisch gedacht – seines Heils nicht verlustig geht, wenn man nicht regelmäßig an der Eucharistie teilnimmt. Andererseits wird die Teilnahme am sonntäglichen Gottesdienst von katholischer Seite bis heute mit sehr deutlichen Worten eingefordert. Hierzu eine Passage aus dem katholischen Erwachsenenkatechismus, der in den Jahren von 1985 bis 1995 entwickelt wurde:

KEK wrote:

Nicht wenige stoßen sich daran, daß die Teilnahme an der sonntäglichen Eucharistiefeier ein verpflichtendes Gebot ist, das die Kirche ihren Gläubigen vom siebten Lebensjahr an auferlegt. Doch darf man nicht übersehen, daß nicht das Gebot der Kirche die Verpflichtung begründet, sondern sie als dem Herrn geschuldete Gabe und Teilnahme am Opfer Christi einschärft. Deshalb erklärt die Gemeinsame Synode in ihrem Beschluß "Gottesdienst":

"Auch wenn es vielen widerstrebt, angesichts eines so einzigartigen Angebotes von ,Sonntagspflicht` zu sprechen, so ist es doch nach wie vor eine ernsthafte Verfehlung gegen Gott und die Gemeinde, wenn ein Christ die Eucharistiefeier am Sonntag ohne schwerwiegenden Grund versäumt. Ob das im einzelnen Fall als schwere Sünde bezeichnet werden muß, ist von daher zu beurteilen, inwieweit sich hier eine Haltung der Undankbarkeit, Gleichgültigkeit oder Ablehnung gegenüber Gott und seiner Kirche ausdrückt.

Katholische Erwachsnenkatechismus, Band 1, Seiten 221-222.)

Dies ist eine Sichtweise, die Protestanten nicht teilen können. Auch uns ist durchaus geboten, am Sonntag zum Gottesdienst zu gehen. Doch ist es keine (gar schwere) Verfehlung, das nicht zu tun. Die evangelischen Kirchen halten es heute lieber mit der Formulierung der „Einladung“ zum Gottesdienst. Die kann man annehmen oder nicht. Allerdings lesen wir in der Bibel auch, dass – wenn Gott einlädt – man es sich sehr gut überlegen sollte, die Einladung abzulehnen. (S. Gleichnis vom großen Gastmahl, Lk 14,15-24)

Zwang wird uns nicht weiter bringen, nicht einmal eine strenge Verpflichtung. Meiner Meinung nach sollten wir in der Tat weiterhin einladen und immer wieder versuchen deutlich zu machen, wie attraktiv das ist, was da verkündigt wird.

Herzliche Grüße

Frank Muchlinsky

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