Formen des famliliären Zusammenlebens

gestellt von Jens P. am 21. Juni 2013

Sehr geehrte Frau Bauer-Banzhaf,

Sicherlich haben Sie verfolgt, dass die EKD eine Orientierungshilfe herausgibt, in der sie sich mit den verschiedenen Formen des familiären Zusammenlebens auseinandersetzt. Nun gibt es bei evanglisch.de dazu ja eine an- und mitunter auch aufgeregte Diskussion. Mich würde interessieren, wie Sie als Nicht-Theologin sondern quasi Familienexpertin die Orientierungshilfe beurteilen. Unter http://aktuell.evangelisch.de/artikel/85165/ekd-zu-familie-partnerschaft... kann man sich ja schon jetzt ein Bild davon machen, was da veröffentlicht wird.
Vor allem interessiert mich: Selbst wenn alle Formen des familiären Zusammenlebens gleich "gut" sind. Würden Sie aus Ihrer Erfahrung heraus nicht doch sagen: Diese oder jene Form klappt besonders gut? Ist vielleicht sogar zu empfehlen – wenn schon nicht vorzuschreiben?

Neugierig grüßt
Jens P.

Lieber Jens P,

 

wunderbar. Danke für Ihre Frage. Und: wunderbar! Unsere Kirche kommt in der Neuzeit an.

"Wo Menschen auf Dauer und im Zusammenhang der Generationen Verantwortung für einander übernehmen, sollten sie Unterstützung in Kirche, Gesellschaft und Staat erfahren. Dabei darf die Form, in der Familie und Partnerschaft gelebt werden, nicht ausschlaggebend sein".

Dieses Zitat aus der EKD Schrift "Zwischen Autonomie und Angewiesenheit" drückt auch meine Meinung aus. Verantwortung übernehmen für das eigene Leben, die eigenen Ansichten, Wertevorstellungen, Wünsche. Und Liebe geben, für die Herzensmenschen einstehen, sie unterstützen, halten, begleiten. Das bedeutet für mich Familie.

Ich bin eine geschiedene Frau, war eine Zeit lang alleinerziehende Mutter und jetzt habe ich mit meinem Mann eine Patchwork- Familie. Das ist heute völlig „normal“. Genauso „normal“ finde ich eine Lebensgemeinschaft ohne Trauschein, die sich ohne den offiziellen Segen der Kirche für ein gemeinsames partnerschaftliches Leben entscheidet – und dennoch eine spirituelle Gemeinschaft leben. Ebenfalls „normal“ ist eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft, denn wir wissen heute, dass Homosexualität angeboren ist. Warum also die Unterscheidungen der Lebensformen? Unser heutiges Bild der Familie entstand ohnehin erst im 18. Jahrhundert. Die Kleinfamilie „Mutter- Vater- Kind“ kennen wir seit den 50iger Jahren des letzten Jahrhunderts.

 

Die Art der Partnerschaft hat meiner Meinung nach rein gar nichts mit einem „erfolgreichen“ Zusammenleben zu tun, denn Erfolg definiert sich immer aus der Sicht des Einzelnen. Ich finde jedes mitmenschliche Zusammensein erfolgreich, das von Unterstützung, Empathie und Liebe geprägt ist. Und Menschen sind nun mal verschieden, weshalb Anzüge „von der Stange“ nicht jeder und jedem passen kann, egal wie viele Größen es gibt. Wichtig ist, dass – um im Bild zu bleiben – der Anzug individuell möglichst gut sitzt, damit die Trägerin oder Träger sich darin wohlfühlt. Das setzt die Möglichkeit des Selbstschneidern oder des Umänderns voraus. Dann ist die Chance hoch, dass alles gut wird.

Und wenn nun noch die männliche zentrierte Sprache unserer Gottesdienste unter die Lupe genommen wird und in allen Köpfen ankommt, dass Gott kein Mann ist- dann rufe ich noch lauter: Wunderbar!

Herzliche Grüße

 

Heike Bauer- Banzhaf

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