Darf man als Christ Angst haben?

Gefragt von Anonym
Frau betet im Sonnenlicht

© Getty Images/iStockphoto/Kamonwan Wankaew

Liebe Frau Scholl,

in der Bibel steht ja "Fürchte dich nicht". Heißt das, ich bin ein schlechter Christ, wenn ich Angst habe?
Weil ich habe ab und zu schon auch Angst und die verschwindet dann auch nicht, wenn ich bete. Sie wird vielleicht für den Moment weniger. Aber irgendwann habe ich die Angst dann vielleicht wieder.
Aber Jesus sagte ja auch "in der Welt habt ihr Angst..." Heißt das, er gesteht uns auch zu, Angst zu haben?

Danke für Ihre Hilfe.
Liebe Grüße

Guten Tag, 

mich begleitet im Moment Marie Raschner, die sich als Gemeindepraktikantin in den verschiedenen Arbeitsbereiche einer Pfarrerin erprobt. Ihre Frage fand Sie so interessant, dass Sie gern eine Antwort dazu schreiben wollte. Hier sind Ihre Zeilen:

Vielen Dank für Ihre Frage! Ich kann sehr gut verstehen, dass diese Aussage der Bibel für Sie im Widerspruch zu den Erfahrungen steht, die wir alle in dieser Welt machen. So erleben Menschen ja immer wieder Situationen, in denen sie Angst empfinden. Aber ich bin mir sicher, dass es absolut in Ordnung ist, Angst zu haben, und ich bin der festen Überzeugung, dass wir dadurch nicht zu schlechteren Christen und Christinnen werden, denn es liegt in der Natur des Menschen, Angst zu haben. Ich glaube sogar, dass es gut ist, dass wir Angst empfinden, da dieses Gefühl uns zum Beispiel vor Unfällen schützen kann. Dass unser Dasein als Menschen auf dieser Welt auch mit Angst verbunden sein wird, ist bereits im Johannesevangelium zu lesen (Joh 16,33).

Ich beantworte Ihre Frage also mit einem klaren „Ja“, Jesus gesteht uns zu, Angst zu haben. Mehr noch, als Mensch durchlebte auch er Angst. Kurz vor seinem Tod betete Jesus zu Gott, dass er den Kelch an ihm vorübergehen lasse (Mt 26,36-46). Jesus durchlebte also selbst eine der größten Ängste des Menschen – die Todesangst. Und wenn Jesus Angst empfand, dann wird er uns dieses Gefühl auch zugestehen, weil er selbst erlebt hat, dass die Angst und das Menschsein zusammengehören.

Aber wie passt diese Angst mit der Aussage „Fürchte dich nicht!“ zusammen? Ich glaube, dass Gott mit dieser Aussage auf unsere Angst antwortet. Als Christen und Christinnen sind wir nicht allein mit unserer Angst, sondern unser Glaube schenkt uns Hoffnung, die größer ist als die Angst.

Ich erlebe immer wieder, dass das Gebet in Situationen der Angst helfen kann. Aber dennoch ist die Angst dann nicht für immer überwunden, sondern sie kehrt oft zurück oder verändert sich nur und das ist vollkommen in Ordnung. Solange wir als Menschen auf dieser Welt leben, werden wir immer wieder Angst empfinden. In diesen Situationen dürfen wir aber auf Gott vertrauen, der zu uns spricht: „Fürchte Dich nicht!“. Für mich ist diese Aussage Hoffnung und Trost zugleich, aber sie ist keine Forderung, die wir erfüllen müssen. Wir bleiben Menschen, das heißt wir können unsere Angst gar nicht vollständig ablegen, aber wir dürfen daran denken, dass Jesus unsere Angst nachempfinden kann.

Wir dürfen also auch als Christen und Christinnen Angst haben, aber in unserer Angst können wir Trost und Hoffnung im Glauben finden!

 

Herzliche Grüße

Marie Raschner

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