Lieber Herr Goetze,
wie schön, dass es Menschen wie Sie gibt, die sich in unserer Kirche engagieren und auch politische Verantwortung übernehmen, um unsere demokratische Gesellschaft zu gestalten.
Weniger schön, ist, dass sie durch Stellungnahmen von Leitungspersönlichen den Eindruck haben, unchristlich zu sein, den „falschen Glauben“ zu haben, oder die Bibel „nicht verstanden“ zu haben. Wenn ich das richtig verstehe: Sie haben das Gefühl, dass sie nicht mehr dazu gehören (sollen?).
Ich könnte jetzt nur spekulieren, welche Aussagen und Stellungnahmen dieses Gefühl bei Ihnen auslösen.
Die Frage, die aber immer wieder und auch schon viele Jahrzehnte und Jahrhunderte diskutiert wird ist: Wie politisch kann, bzw. soll Kirche sein? Oder andersherum: Kann Kirche – damit auch wir Christeninnen und Christen – unpolitisch sein?
Ein Blick in die Bibel zeigt, dass Jesus immer wieder die Stimme ergreift für die Ausgegrenzten, die Hilfsbedürftigen, die Minderheiten und denen eine Stimme verleiht, die keine Stimme haben. Das Neue Testament ist voll von diesen Geschichten, aber auch im Alten Testament sind viele Texte zu finden, die das Recht von Schutzbedürftigen festsetzen und zum Spenden von Almosen ermahnen, grade in den Prophetenbüchern.
Damit werden wir an unsere gestalterische Kraft erinnert, bzw. auch ermahnt, unser Miteinander christlich zu gestalten.
Was bedeutet dieses „christlich“ in diesem Zusammenhang? Jetzt kommt der schwierige Part, der anstrengend sein kann, mitunter mühsam. Denn als evangelische Christen müssen wir genau darüber reden und miteinander im Gespräch bleiben. Denn eine Heilige Kongregation für die Glaubenslehre, die uns sagt was der „rechte“ und was der „falsche“ Glaube ist haben wir nicht. Wir beziehen uns nur auf die Bibel, die – am besten zusammen – gelesen und ausgelegt wird.
Das ist auch ganz im Sinne Martin Luthers, der mit der typischen Frage "Was höret man Neues?" Gespräche an seinem Tisch einleitete, um Diskussionen anzuregen und Meinungen auszutauschen, eben auch politische.
„Unity in diversity“ (Einheit in Verschiedenheit), dieser Begriff findet sich immer wieder in der Theologie und Philosophie; sowohl wenn es um Gott, oder Gesellschaften geht. Ich denke es wäre schön, wenn unsere Kirche der Ort wäre, wo dies gelebt wird. So verschieden, wie wir alle sind, sind wir doch eine Einheit, die sich um das Kreuz versammelt und gemeinsam glaubt, betet und hofft an den einen Gott.
Auch wenn das Gehen und sich Zurückziehen der einfachere Weg sein mag: Ich kann sie nur ermutigen, bleiben Sie ihrer Kirche verbunden, bringen Sie sich ein, in Diskussionen, bemühen Sie sich um Austausch und Dialog. Denn eine vielfältige Kirche – auch was die Meinungen angeht – ist und bleibt eine lebendige Kirche.
Gutes Gelingen und ein hoffentlich baldiges wieder „geborgen sein“ in Ihrer und meiner Kirche und Gottes Segen für Ihr Tun wünscht Ihnen Ihr
Philipp Raekow