Früher hatte ich das Gefühl der Pfarrer/in hat den Anspruch die Gemeinde zu führen und weiterzuentwickeln. Heute scheint es anders zu sein man erfüllt seine einzelnen Aufgaben und damit muss es gut sein. Wir haben letzthin nach einem Männerfrühstück an dem auch unser Pfarrer teilnahm noch die Tische und Stühle für das gemeinsame Osterfrühstück der Gemeinde aufgebaut. Als ich unseren Pfarrer bat zu helfen war er erstaunt, dass ich ihn darum bitte, hat dann zwei Stühle gestellt und ist davongegangen. Ich denke das ist ein falsches Verständnis von Gemeindeleitung insbesondere heute wo jede Hand gebraucht wird. Können wir als Kirchenvorstand ihn zukünftig dazu verpflichten?
Lieber Ralf,
vielen Dank für Ihre Frage und für Ihr Engagement in Ihrer Kirchengemeinde. Aus Ihrer Frage lese ich Enttäuschung heraus über das Verhalten Ihres Pfarrers. Sollte er nicht mit gutem Beispiel vorangehen und auch mal mit anpacken, wenn Hilfe gebraucht wird?
Nun kenne ich die Situation vor Ort bei Ihnen in der Gemeinde nicht, aber aufgrund Ihrer Schilderung habe ich den Eindruck, dass es nicht der erste Vorfall dieser Art ist, in dem Sie sich wünschen würden, Ihr Pfarrer leitet die Gemeinde durch mehr Präsenz und Tatkraft.
Ich bin selbst Pfarrer im Gemeindedienst und kann Ihnen tatsächlich sagen, dass es nicht nur einzelne Aufgaben sind, die man erledigt, sondern eine ganze Fülle von Aufgaben. Viele meiner Kolleg*innen sind weit über das vorgesehene Maß engagiert und bringen sich voll in ihren Dienst mit ein.
Hier lohnt sich ein nüchterner Blick darauf, wofür eine Pfarrperson eigentlich angestellt ist und was die Kernaufgaben des Pfarrberufs sind: Das sind in erster Linie die Verkündigung des Evangeliums, die Feier der Gottesdienste, der Konfirmandenunterricht und die Seelsorge an den Menschen in der Gemeinde. Die Arbeitszeit einer vollen Stelle ist damit oft schon mehr als ausgefüllt. Das Problem ist: Für jede zusätzliche, praktische Aufgabe, die eine Pfarrperson im Gemeindealltag übernimmt, leidet zwangsläufig eine der pfarramtlichen Kernaufgaben. Wenn der Pfarrer regelmäßig Tische aufbaut oder den Saal fegt, bedeutet das im Umkehrschluss weniger Zeit für Trauerbegleitung, fundierte Predigtvorbereitung, weniger Zeit für die Begleitung der Jugendlichen im Konfirmandenunterricht oder weniger Raum für ein wichtiges Seelsorgegespräch. Am Ende muss sich jede Pfarrperson ihre Kräfte gut einteilen, um für die Menschen geistlich da sein zu können.
Sollten Sie allerdings den Eindruck haben, dass Ihr Pfarrer sich schlicht zu fein für die praktischen Aufgaben ist, dann würde ich ihn direkt darauf ansprechen. Generell würde ich Ihnen empfehlen, das direkte Gespräch mit Ihrem Pfarrer zu suchen. Und auch in Absprache mit Ihrem Kirchenvorstand können Sie eine gemeinsames Gespräch vereinbaren, in der man sich darüber verständigt, welche Aufgaben im Detail zum Dienst Ihres Pfarrers gehören.
Rechtlich gilt: Der Kirchenvorstand leitet die Gemeinde zwar gemeinsam mit dem Pfarramt, er ist aber nicht der Dienstherr des Pfarrers. Sie können ihm daher keine Dienstanweisung geben, wie zum Beispiel das Stühle stellen. Sollten Sie am Ende den Eindruck haben, dass weder ein persönliches Gespräch noch eine offene Aussprache im Gremium dazu führen, dass Ihr Pfarrer seinen Dienst angemessen und motiviert ausfüllt, dann suchen Sie am besten das Gespräch mit dessen Dienstvorgesetzten, also der Superintendentur oder dem Dekanat.
An einem guten Miteinander wird sowohl Ihnen als auch dem Kirchenvorstand sowie gewiss Ihrem Pfarrer gelegen sein. Denn am Ende sind Sie alle für ein gemeinsames Ziel unterwegs: Für die Menschen und das Evangelium. Und das geht eben nur miteinander.
Dass Ihnen genau das gut gelingt wünscht Ihnen, Ihr
Philipp Raekow