Sollte die Bibel einen Warnhinweis erhalten?

Madleine

Guten Tag, als 60 jährige, durchaus gläubige, Frau, beschäftigt mich die Bibel / Aussagen "Gottes" immer wieder. Besonders das Alte Testament schaudert mich immer wieder. Ja, mir ist bewusst, dass die Bibel von Menschen geschrieben wurde, dass auch zeitbedingte politische Einflüsse und persönliche Moralvorstellungen einzelner Verfasser eine große Rolle spielten. 

Doch das macht es ebenso gruselig, denn eigentlich müsste die komplette Bibel mit einem Warnhinweis, auf Seite 1, verfasst werden: 

"Liebe Leser, es gibt keinerlei Beweise, dass jedes Wort, jede Regel, jede Anordnung, jede Forderung in diesem Buch tatsächlich von Gott Vater persönlich stammt und 100% genau von den Verfassern übernommen wurden. Es muss darauf hingewiesen werden, dass weder die Druckerei / Verlag noch einzelne Personen der Kirche beweisen können, dass der Inhalt dieses Buches eine exakte Wiedergabe einer Entität mit der Bezeichnung Gott ist. Vorsorglich weisen wir daraufhin, dass eventuelle rassistische, homophobe, kriegerische, brutale Anleitungen / Darstellungen / Handlungsweisen, keinerlei Aufforderungen darstellen, genau so zu Denken, Handeln. Bedenken Sie immer, dass diese einzelnen Schriften zu einer Zeit /Zeitraum zusammengetragen wurden, in der Menschen noch wenig von Humanität, Erkenntnisse, Bildung erfahren hatten und oftmals persönliche Moralvorstellungen und Abneigungen der jeweiligen Verfassern Einfluß genommen haben. Versuchen Sie deswegen die Bibel offenherzig, zugänglich zu lesen, jedoch immer mit dem Wissen, dass nichts und niemand beweisen konnte und kann, dass alle Texte das exakte, 100%tige Wort Gott Vater's ist." 

Das ist mein Resüme und ich habe die BIbel komplett gelesen. Glaube ich nach wie vor an Gott? JA! Glaube ich, dass Gott wirklich verlangte, dass Tiere zu eitlen Liebeshandlungen zu Gott derart brutal geschlachtet werden müssen und mussten? NEIN! Denke ich, dass ein liebender Gott tatsächlich blutige und unnütze Handlungen an menschlichen Körpern befahl, um einen Bund mit den Menschen zu schließen ? NEIN! 

Derartiger Beispiele gibt es noch viel mehr... es wäre zu viel sie hier aufzuführen. Das wirklich Bedauerliche ist, dass durch das "Festhalten" an der angeblichen "Sicherheit" es wäre alles Gottes Wort, ohne Einfluß von menschlichen Animositäten, politischen Einflüssen, persönlichen Abneigungen etc..., das also Bedauerliche ist die Irreführung von Menschen die einen reinen Glauben suchen, in Vertrauen und Sicherheit. Denn eines ist sicher und das gilt für jeden Glauben, ich möchte nicht mein Leben vergeuden, meine Lebensenergie verschwenden, an einen Glauben der mir einfach diktiert "es habe so zu sein und nicht anders" und das noch dazu ohne jegliche Beweise, dass es so zu sein hat. 

Glaube ich nach wie vor an Gott und Jesus ? JA! Aber ich glaube nicht an Blut, Kriege, Menschenverachtung, Ausgrenzung, Queer-Phobie und sonstige nicht mitfühlende Regeln. 

Madleine

Liebe Madeleine,
herzlichen Dank für Ihre Frage und Ihren Vorschlag, Schriften wie die Bibel mit einem Warnhinweis zu versehen. Sie führt direkt in die spannende Debatte darüber, wie wir mit historischen Glaubenstexten verantwortungsvoll umgehen können. Sie haben treffend erklärt, was beim Lesen der Texte zu beachten ist, damit sie nicht zur Verbrechensgrundlage wird. 

Die großen christlichen Gemeinschaften lehnen eine wörtliche Interpretation der Bibeltexte ab. Die Herausgeberinnen und Herausgeber der gängigen Bibelübersetzungen versuchen, fundamentalistischer, menschenverachtender Auslegung entgegenzuwirken. Dies erreichen sie beispielsweise durch historische Einordnung der Aussagen, Begriffsklärungen oder offen gelegte Übersetzungsproblematiken. Dies setzt allerdings voraus, dass Lesende bereit sind, sich auf wissenschaftliche Methoden einzulassen. Erfreulicherweise haben viele Menschen große Lust dazu, wie wir an den Fragen an unser evangelisch.de-Fragenteam erkennen können.

Sie wehren sich als gläubige Frau mit Lebenserfahrung gegen die Irreführung von Menschen, die ihren Glauben suchen - da bin ich ganz bei Ihnen. Ich denke, es ist wichtig, jede Leserin und jeden Leser der Bibel in die Lage zu versetzen, eigene Erkenntnissen zu erlangen. Ihre Erkenntnis ist durch kritische Bibellektüre entstanden. Ein hervorragendes Beispiel dafür, das eine selbstbewusste Auseinandersetzung mit den Teils schwierigen Texten gelingen kann. Dadurch, dass Sie die Bibel komplett gelesen haben, konnten Sie die Widersprüchlichkeit der unterschiedlichen Schriften erleben. Allein diese Reibung nötigt uns dazu, die Aussagen der Bibel zu kontextualisieren und miteinander darüber zu diskutieren, wie wir sie verstehen.

Verantwortungsvoll ist eine Interpretation dann, wenn transparent gemacht wird, wie es zu der Übersetzung und Interpretation gekommen ist. Ein kritischer Umgang mit der Bibel ist die Voraussetzung für das von Ihnen beschriebene Vertrauen und die Sicherheit, die Menschen im Glauben suchen. Menschen haben diese Worte zu unterschiedlichen Zeiten als ihre Erfahrung mit Gott für uns aufgeschrieben. In der Beziehung zwischen diesen alten Worten und unseren Erfahrungen wird Gottes Wort lebendig und in unserem Leben wirksam.

Um das auf den Punkt zu bringen drückt es der jüdischen Religionswissenschaftler Pinchas Lapide so aus: „Es gibt im Grunde nur zwei Wege, mit der Bibel umzugehen: Entweder nimmt man die Bibel wörtlich oder man nimmt sie ernst. Beides zusammen geht nicht. Und zwar aus einem sehr einfachen Grund. Die Sprache der Menschen [...] kann für Gott nicht taugen, den wir in unsere Erfahrungswelt nicht hineinpferchen können.“ (Viktor E. Frankl / Pinchas Lapide: Gottsuche und Sinnfrage. Ein Gespräch. Hrsg. v. Alexander Batthyány. 7. Auflage. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2020, S. 67.)

Aus Ihrem deutlichen JA! zu Jesus und Gott schließe ich, dass Sie beim Lesen der kompletten Bibel neben all dem Schwierigen auch Wertvolles gefunden haben. Ich wünsche Ihnen auch weiterhin kritisches Lesen der Bibel, das Sie zu so guten Ideen wie dem Warnhinweis inspiriert.

Herzlichst, 
Ihre Helena Malsy

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