Warum ist der Gottesdienst in der evangelischen Kirche anders als in der katholischen Kirche?
Liebe Alina,
vielen Dank für deine Frage. Gerne will ich dir helfen - vielleicht bei deinen Aufgaben für die Schule? Wenn du in einer Kirche den Gottesdienst mitfeierst, dann wirst du zwar sofort merken, ob du eine evangelische oder eine katholische Kirche besuchst, die römisch-katholischen Geistlichen tragen Messgewänder, evangelische Pastorinnen und Pastoren legen den einfachen schwarzen Talar an und tragen ein weißes Beffchen. Viele Pastorinnen und Pastoren tragen eine Stola, ein langes, farbiges Tuch, über die Schultern. Also: Du siehst es sofort. Dass Frauen in der evangelischen Kirche als Geistliche fungieren ist eine - um ca. 450 Jahre verzögert umgesetzte - Erkenntnis, die sich schon in der Zeit der der Reformation durchsetzte.
Aber: Wenn der Gottesdienst begonnen hat, dann sind die Formen und die Inhalte nicht sehr anders. Der Ablauf, die Lieder, die Lesungen aus der Bibel, das Glaubensbekenntnis, die Gebete, das Vaterunser, der Segen am Ende, das Orgelspiel, alles ist - trotz kleiner Unterschiede - identisch. Die beiden großen Kirchen sind eben Geschwisterkirchen. Das schicke ich vorweg, denn du fragst nach Unterschieden, die meisten Christinnen und Christen suchen heute jedoch nach den Gemeinsamkeiten.
Nun also meine Antwort. Warum ist der evangelische Gottesdienst anders?
Grundsätzlich: Das Wort Gottesdienst hat für Martin Luther - und die Reformation - eine Bedeutung, die weit über die Feier einer Messe, die in der Kirche stattfindet, hinaus geht. Gottesdienst das ist alles, was Tag für Tag im alltäglichen Leben zu Gottes Ehre geschieht. Menschen, die Gott in ihrer Familie, bei ihrer täglichen Arbeit, in der Öffentlichkeit ehren, feiern mit ihrem Leben Gottesdienst. Die sonntägliche Messfeier ist also nur ein Aspekt, aus dem Gesamtpaket, das Luther mit dem Wort Gottesdienst beschreibt. Alles, was eine Person, aus der Haltung des christlichen Glaubens heraus tut, gilt als Gottesdienst. Die Evangelische Kirche in Deutschland hat 2009 formuliert: "Der Gottesdienst am Sonntag und der Gottesdienst im Alltag bilden einen Lebenszusammenhang, der es erlaubt, das ganze christliche Dasein als ein gottesdienstliches Dasein anzusprechen." (Der Gottesdienst. Eine Orientierungshilfe zu Verständnis und Praxis des Gottesdienstes in der evangelischen Kirche, 2009)
Dieses Verständnis löst das Thema Gottesdienst von der sonntäglichen Messfeier und ist in den grundlegenden Einsichten der Reformation begründet. Die sagen, es ist nicht der Mensch, der mit Opfergaben, Gebeten, Riten, Buße oder mit irgendwelchen persönlichen Bemühungen Gott milde stimmen kann, es ist allein die Gnade, nur das Wort, allein der Glaube, durch den wir Menschen zum Seelenheil finden ("Sola gratia", "sola fide", "sola scriptura" - "allein durch Gnade", "allein durch den Glauben und "allein aus der Schrift"). Gottesdienst ist also - so Martin Luther bei der Einweihung der Schlosskirche in Thorgau - ein doppeltes Dienen in dem soll "nichts anderes geschehen, als dass unser lieber Herr mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir wiederum ihm antworten in Gebet und Lobgesang". Also: Gott dient im Gottesdienst seiner Gemeinde. Wenn wir dann "Amen" sagen und uns Gottes Zuwendung gefallen lassen, dann dienen wir Gott und beginnen unseren täglichen Gottesdienst.
Die sonntägliche Messfeier - auch die Messgewänder - bleibt bei Luther unverändert (Der schwarze Talar setzte sich im 19. Jahrhundert durch). Luther erhält den überlieferten Ablauf, er überschreibt im Jahr 1523 die Elemente, die die Messe als "Messopfer" erscheinen lassen, sorgt für die neuen Formulierungen, manche Gebete streicht er komplett aus dem Gottesdienstablauf. Im Zentrum steht die Predigt, die natürlich auf Deutsch gehalten wird. Zum Abendmahl werden beide Gaben, Brot und Wein an die Gemeinde ausgeteilt. 1526 legt Luther die "Deutsche Messe" vor und bleibt dabei immer noch flexibel. Es muss nicht überall gleich sein. Lokale Traditionen genießen bei Luther Freiheit. Und: Die Neuerungen der Reformation sollen die Menschen nicht über die Maße überfordern.
Kurz: Warum ist der evangelische Gottesdienst anders? Der evangelische Gottesdienst ist Gottes Dienst an den Menschen und die Menschen nehmen diese Bewegung Gottes zu den Menschen auf und wenden sich ihrerseits Menschen zu und dienen Gott im alltäglichen Leben.
Die Feier des Heiligen Abendmahls folgt diesem Gedanken. Die Reformatoren lehnen den Gedanken eines "Messopfers" ab, die evangelischen Kirchen kennen auch keine "Wandlung" von Brot und Wein, sie kennen nur "Einsetzungsworte". Die Evangelische Kirche in Deutschland beschreibt die Abendmahlsfeier und die Taufe so: "Die Sakramente bringen dem Menschen Gottes Zuwendung im Evangelium nicht nur zu Gehör, sondern lassen ihn sehen, schmecken und fühlen, "wie freundlich der Herr ist" (Ps 34,9). In der Feier der Sakramente wird für die Gemeinde und jeden Einzelnen zugleich auch die Gemeinschaft im Glauben erfahrbar." (Der Gottesdienst. Eine Orientierungshilfe zu Verständnis und Praxis des Gottesdienstes in der evangelischen Kirche, 2009)
Warum ist der evangelische Gottesdienst anders? Weil die Reformation die theologischen Weichen neu gestellt hat.
Hoffentlich habe ich dir helfen können.
Herzliche Grüße, dein Henning Kiene