"Event-Besucher" im Gottesdienst

gestellt von A.B. am 20. Juli 2014
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Foto: Fotolia/angelo19

Hallo Herr Muchlinsky,

komme gerade recht verstört vom Sonntagsgottesdienst zurück, und zwar aus diesem Grund: Es fanden im regulären Gottesdienst drei Taufen statt - Taufen im normalen Gottesdienst sind bei uns recht üblich und eigentlich eine nette Sache. Ich hatte nur heute den Eindruck, dass alle drei Taufgesellschaften keinerlei Bezug zur Kirche hatten, von den geschätzten 100 Gottesdienstbesuchern sind beim Vaterunser gerade mal zehn aufgestanden, vorher gab es Handy-Selfies (diese Selbstportraits) vor dem Altar, und die Geräuschkulisse in der Kirche war so störend, dass ich von der Predigt inhaltlich nichts mitbekommen habe, anderen Besuchern ging es genauso. Kurzum: Ich habe mich sehr über das Verhalten der Leute geärgert und frage mich jetzt: Habe ich das Recht dazu oder soll ich darin die Chance sehen, dass einer von ihnen vielleicht nach diesem Ereignis "bei der Kirche hängenbleibt", ist meine Sicht als regelmäßiger Kirchgänger vielleicht zu arrogant? - und ganz banal gefragt: Was würde Gott wohl zu diesem Gottesdienst sagen?

Lieber Herr B.,

Ich kann Ihren Ärger nachvollziehen. Wenn man den Eindruck haben muss, dass der Gottesdienst zu einem Event herabgestuft wird, kann einem schon der Kragen platzen. Ärgern Sie sich also ruhig darüber, dass man Ihnen den Gottesdienst, die Predigt und die Andacht verdorben hat. Ich schreibe Ihnen das darum so deutlich, weil Sie ja anscheinend die andere Seite der Medaille schon selbst entdeckt haben: Die Taufgesellschaften waren da. Sie haben Gottesdienst gefeiert im Rahmen dessen, was ihnen möglich war. Ich maße mir nun wirklich nicht an zu sagen, was Gott davon hält, aber ich an seiner Stelle hätte mich darüber durchaus gefreut. Vielleicht wäre ich darüber traurig gewesen, dass es anscheinend nicht möglich war, den Gottesdienst auf eine Weise zu feiern, bei der alle etwas davon haben, und eventuell würde ich auf ein Gebet der Pfarrerin oder des Pfarrers hoffen, in dem ich mit ihr oder ihm einmal intensiv darüber nachdenken könnte, wie man hinbekommen könnte.

Ich denke also gar nicht, lieber Herr Bank, Sie seien als regelmäßiger Kirchgänger "arrogant" gegenüber denen, die eher zur Stippvisite gekommen sind. Ich frage mich allerdings, wie man es wohl schaffen kann, solche Gottesdienste, in denen die Mehrheit schlicht nicht mehr weiß, wie sie sich angemessen verhalten soll, zu mehr nutzen kann als dazu, eine Familienfeier kirchlich aufzupeppen. Ich glaube, der erste Schritt wäre, die "Gäste" als solche zu behandeln, also ihnen einerseits ein besonderes Recht einzuräumen. Gleichzeitig aber sollte man ihnen möglich machen, die regeln zu lernen, an die sich alle halten. Mit anderen Worten: Wenn sie beginnen, Selfies zu knipsen, kann man sie entweder auffordern, das sein zu lassen, oder ihnen dafür einen klaren Rahmen geben, in die man meiner Meinung nach den Rest der Gemeinde mit einbezieht. Hätte ich diesen Gottesdienst gehalten, hätte ich bei den ersten Altar-Selfies die gesamte Gemeinde nach vorn gebeten für ein großes und hoffentlich fröhliches Foto-Shooting. Anschließend hätte ich den Gottesdienst fortgesetzt und zwar erst dann, wenn der Lautstärkepegel niedrig geworden wäre. Ich hätte vor dem Vaterunser alle aufgefordert, bitte aufzustehen und hätte erst dann zu beten angefangen, wenn alle stehen.

Diese "klugen Reden aus der Ferne" bitte ich zu verzeihen. Ich wollte nur deutlich machen, dass wir dringend Wege finden müssen, wie wir die Regeln unserer Gottesdienste denen erläutern können, die nur selten kommen, denn es wäre doch in der Tat herrlich, wenn sie wiederkämen. Und allein durch Erlaubnisse oder nur durch Verbote ist das nicht möglich. Das klingt nach Erziehung, und das ist es auch. Wer nicht weiß, wie er sich verhalten soll, dem kann ich nicht vorwerfen, dass er es falsch macht. Und beim Beibringen der Regeln brauchen wir Kirchenmäuse ein Gespür dafür, welche Regeln uns so wichtig sind, dass wir sie in jedem Fall einfordern und bei welchen Regeln wir eher zu Verhandlungen bereit sind. Und dann können wir entsprechend handeln und auch feiern.

Ich hoffe, ich konnte Ihnen weiterhelfen, auch wenn ich nicht wirklich weiß, was Gott dazu meint.

Sehr herzliche Grüße

Frank Muchlinsky

P.S. Hier noch zwei andere beiträge zum selben Thema: Volontär Valentins Kirchenknigge und ein Artikel aus unserem Taufbegleiter "Wie man in eine Kirche geht".

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